Seit dem Fest waren fünf Tage vergangen. Fünf Tage, in denen nichts geschehen war. Die Akademie lag still, kein Anzeichen von Dämonen. Nicht einmal andere Vampire ließen sich auf den Straßen blicken.
Es braute sich etwas zusammen. Also warteten wir. Jedes mal, wenn unsere Späher zurückkehrten und von absoluter Ruhe berichteten, wuchs die Anspannung.
Das schlug sich auch auf die Stimmung nieder. Lis und Marcus waren die meiste Zeit in nachdenkliches Schweigen gehüllt, und niemand wagte so recht, sie aus ihrem Grübeln zu reißen.
Lucien zupfte entweder leise an seiner Gitarre oder verschwand spurlos.
Und Lucas war immer noch sauer. Jedes Gespräch, das ich mit ihm zu beginnen versuchte, erstickte er mit Schweigen - auch meine gefühlten tausend Versuche, mich zu entschuldigen. Jedes Mal traf es mich wie ein Stich ins Herz, denn es tat mir wirklich leid.
Lucien hatte zwar Recht, dass es Lucas' eigene Entscheidung gewesen war, die ihn in diese Lage gebracht hatte. Aber hätte ich ihm die Wahrheit gesagt, wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Mittlerweile jedoch nervte mich die Situation nur noch. Also ließ ich es gut sein. Wenn er schweigen wollte, dann sollte er eben schweigen.
Seufzend legte ich das Buch beiseite, das ich seit einer halben Stunde unaufmerksam in der Hand hielt. Ich hatte es in Lis' Zimmer gefunden, das ich nach dem Streit mit Lucas auf ihr Drängen hin bezogen hatte. Vermutlich war das auch besser so.
Die ganze Situation kotze mich an. Warten war noch nie meine Stärke gewesen, aber in dieser Stimmung auszuharren, war schlicht die Hölle.
Genervt rieb ich über meinem Arm. Zu allem Überfluss hatte sich das Kribbeln der aktivierten Tarnrune in ein unangenehmes Brennen verwandelt. Vorsichtig schob ich den Ärmel meines geliehenen Oberteils hoch - ich hatte ja außer meinem kaputten Kleid keine eigene Kleidung mehr.
Beim Anblick der Rune riss ich die Augen auf. Die sonst so feinen, definierten Linien wirkten verwaschen, fast ausgefranst. Von ihr ausgehend zogen sich neue, hauchfeine Striche über meine Haut, wie Äderchen.
"Fuck ...", entfuhr es mir.
Ich berührte sie, verzog sofort das Gesicht. Schon der kleinste Druck fühlte sich an, als würde mir jemand glühendes Metall unter die Haut schieben.
'Was zur Hölle ...?'
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, hörte ich draußen Tumult. Mit einem schmerzerfüllten Keuchen, zog ich den Ärmel wieder herunter und trat auf den Gang. Die Rune musste warten.
Kaila, eine jüngere Vampirin, war gerade von der Patrouille zurückgekehrt.
'Seltsam ... Die Sonne ist doch erst vor einer Stunde untergegangen ...'
Ich bahnte mir einen Weg durch die Menge, die sich um sie geblidet hatte. Erst als ich direkt vor ihr stand, sah ich, wie aufgeregt sie war.
Sie fuhr sich immer wieder durch ihre kurzen, zerzausten Haare. Ihr Atem ging stoßweise - sie musste den ganzen Weg gerannt sein.
"Was ist passiert?", fragte Lis, die sich neben mir durchdrängte.
"Bei der Akademie tut sich was", keuchte Kaila. "Ein Haufen Vampire, Dämonen, Hexen und Nephilim haben sich dort versammelt. Dann sind sie Richtung Westen marschiert."
"Gut dann macht euch bereit. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie unschuldige Sterbliche töten. Schützt so viele wie möglich", befahl Marcus, der mit Lucien und Lucas im Schlepptau herangetreten war. "Lucas, du bleibst hier mit ein paar Vampiren. Sichere das Quartier, und wirke notfalls neue Schutzzauber."
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
