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Ich lief auf ihn zu. Er hob den Kopf erst, als ich fast auf ihn prallte. Mit einem Knurren stieß der Vampir sein wimmerndes Opfer achtlos zur Seite und sprang mir entgegen. Die junge Frau rannte, kaum hatte sie wieder halt gefunden, davon.
Routiniert strich ich über meinen Oberschenkel. Kaum berührte ich die dort eingebrannte Rune, begann meine Haut zu kribbeln und Wärme strömte durch meinen Körper. Blitzschnell duckte ich mich unter dem Angreifer weg, während ich mein Messer zog. Beinahe hätte er mich dennoch getroffen. Die schwarze etwa handlange Klinge war mit Sigillen verziert, die ihr eine Schärfe und Durchschlagskraft verliehen, als könne sie selbst Schatten schneiden.
Der Vampir schlug nach mir, doch ich war bereits hinter ihm - und stach zu. Meine Klinge drang tief in seinen Rücken. Er kniff die Augen zusammen - er wusste längst, dass er gegen mich keine Chance hatte. Also tat er das, was alle Vampire taten, wenn sie die Oberhand verloren: er floh.

Rasend schnell wandte er sich ab und lief in eine schmale Seitengasse. Gerade wollte ich ihm folgen, da hörte ich eine Stimme in meinem Kopf.
'Lass es, du hast deine Aufgabe erfüllt. Ab jetzt übernimmt Elena'
Das war seine Stimme - Raziel, mein Wächter. Natürlich wollte er, dass ich Elena den Rest überließ. Sie war Reinblütig. Makellos. Das Aushängeschild. Ich knirschte mit den Zähnen.

Es mag seltsam klingen: Ein Mädchen auf Vampirjagd mit himmlischer Aufsicht. Nun, das lag daran, dass ich eben kein normales Mädchen war. Ich war ein Halbengel. Ein Nephilim. Und als solcher war ich dazu verpflichtet mich um jene zu kümmern, die sich nicht an die Regeln hielten.
Genau das war mein Ziel. Meins. Es war mir egal, was Raziel sagte. Zumindest heute Nacht. Ich hatte genug davon. Immer nur Späher. Immer nur Lockmittel. Heute Nacht war ich der Jäger.

Also setzte ich ihm nach. Mein Engelsblut machte mich schneller und stärker als jeden Menschen, meine Sinne waren geschärft. Die Rune war noch aktiv, ließ weiter Engelsmagie durch meine Adern fließen. Es war mir ein Leichtes, dem Flüchtenden zu folgen.

Gewöhnlich trugen Nephilim diese als magiegefüllte Perlen um den Hals. Kleine Katalysatoren für ihre Kräfte. Mir hingegen hatte man sie direkt unter die Haut gebrannt, unsichtbar für sterbliche Augen. Denn ich stammte nicht von einem niederrangigen Engel ab, sondern von einem der Erzengel.

'Samantha hör auf!', dröhnte es in meinem Kopf.
Ich ignorierte es, bog an der nächsten Abzweigung rechts ab, sprang über eine kleine Mauer, holte auf. Mein Atem ging hastiger, aber noch kontrolliert. Der Vampir bemerkte es auch. Er beschleunigte erneut und vergrößerte so die Distanz. Ich trieb mich voran, ließ nicht locker.

Magie flutete mit einem Brennen meinen Körper, ließ meine Schritte länger und federnder werden. Knochen knackten, mein Körper verformte sich. Unsanft landete ich auf meinen Pfoten. Es dauerte einen kurzen Moment, bis ich mein Gleichgewicht fand. Ein tiefes Knurren entwich meiner Kehle, während ich mich in einem schwarzen Wolf verwandelte.

Alle Halbengel hatten einen Tiergeist. Meiner war der Wolf. Und seit kurzem war es mir, nach langem Bitten und Betteln, auch endlich erlaubt seine Gestalt anzunehmen. Die Rune auf meinem Bein glühte noch immer, nun deutlich sichtbar, als ich mit beinahe unwirklicher Geschwindigkeit weiterjagte. Ich kam näher.
'Samantha! Das wird Konsequenzen haben!' meldete sich der Engel erneut zu Wort.
'Das ist es mir wert', schoss es mir durch den Kopf.
War es das wirklich? Ich wusste es nicht. Aber heute war es mir egal. Es gab da einen entscheidenden Unterschied zwischen mir und den anderen:
Ich lag in Ketten, nicht aus Stahl, sondern aus göttlichen Willen.
Um meinen Hals befand sich ein schlichtes Lederband, versehen mit einer Rune, die meine Macht versiegelte. Kontrolliert wurde sie von Raziel. Er hatte mein Leben in der Hand, konnte mir alles geben oder auch wieder nehmen. Mich töten. Das einzige, was ich tun konnte, war seiner Gutmütigkeit vertrauen.
Warum? Weil mein Vater niemand geringeres war als er: der gefallene Engel Luzifer. Mein persönlicher Fluch. Denn durch ihn war ich immer das Monster, die potentielle Gefahr.

Ich war ihm dicht auf den Fersen. Geschickt setzte ich zum Sprung an, aktivierte noch in der Luft eine Angriffsrune. 'Jetzt bloß nicht versagen!', ermahnte ich mich. Augenblicklich begann Hitze durch meinen Körper zu fließen.
Würde ein Mensch dieses Schauspiel sehen, er würde es wohl für einen Traum halten. Ein Mann auf der Flucht - vor einem schwarzen Wolf mit leuchtenden Fängen.
Im nächsten Moment krachte ich auf ihn nieder. Meine Zähne bohrten sich in sein Fleisch. Er schrie. Licht breitete sich von der Wunde her aus, dann war da nichts. Nur Staub.
Im Moment des Aufpralls bäumte sich meine Magie ein letztes Mal auf und umhüllte mich mit Licht. Dann flaute sie ab und ich wurde wieder Mensch.
"Selbst schuld!" Ein Anflug von Stolz stahl sich in meine Stimme. Ein seltenes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Das passierte nicht oft, aber heute war es angebracht.
Hinter mir waren Schritte zu hören. 'Bravo. Super Vorstellung. Ich bin begeistert. Und das ganz ohne Publikum.' Ich zuckte zusammen. Diese Stimme würde ich unter tausenden erkennen. Langsam drehte ich mich um und sah sie. Blonde Haare, kalte blaue Augen, perfekte Figur. Die Person, bei der sich in mir alles zusammenzog: Elena. Sie ging langsam auf mich zu. Klatschte dabei theatralisch in die Hände, als wäre ich eine billige Zirkusnummer.
"Ich habe den Vampir erledigt." Ihre Worte schnitten wie ein Messer. Wut stieg in mir hoch. Das war mein Moment. Und wieder zerstörte sie ihn.
"Das sehe ich. Aber das war meine Aufgabe. Wo ist Raziel wenn man ihn mal braucht? Er muss dich in deine Schranken weisen. Vielleicht lacht er sich aber auch kaputt, wenn ich da stehe, wie der letzte Depp!", ihr Tonfall steigerte sich, bis sich ihre Stimme fast überschlug.
Ihre Augen begannen sich zu verändern - Rot mit goldenen Sprenkeln. Vor lauter Rage blitze ihre wahre Engelsgestalt durch. Nur in Spuren, aber sichtbar. Jeder Abkömmling eines Erzengels hatte eine, sie beherbergte ihre wahre Macht.
Meine hatte ich allerdings noch nie annehmen dürfen.
Wie auf Befehl durchzog ein stechender Schmerz meinen Körper. Meine Sicht flackerte, ein Stöhnen entwich meiner Kehle. Schwäche überkam mich. Ich schwankte, konnte mich kaum auf den Beinen halten. Ein eisiger Kloß schnürte mir die Kehle zu. Meine Hände krallten sich um das Leder, versuchten es zu zerreißen. Vergeblich. Wie so oft. Alles, wofür ich gekämpft hatte, war weg.
Der Engel hatte mich gewarnt, doch hoffte ich bis zum Schluss, er würde Gnade walten lassen.
"Ich hasse das. Ich hasse euch." Meine Stimme war schwach, kaum mehr als ein Flüstern.
" Das hast du dir selbst zuzuschreiben", Elena grinste mich jetzt hochnäsig an. Die Verachtung in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Warum sie mich hasste? Ich wusste es nicht. Vielleicht wegen unserer ähnlichen Abstammung ,durch die wir zum zu ewigen Kräftemessen verdammt waren. Möglicherweise lag es auch an meinem Vater und die Angst, die sie vor ihm hatte? Aber es beruhte zumindest auf Gegenseitigkeit. "Und jetzt komm! Wir gehen nach Hause."
Ich wollte schreien, mich wehren, irgendetwas tun. Aber wozu? Es hätte ja doch nichts geändert. Seufzend ergab ich mich. Meine Nägel gruben sich fest in meine Handflächen als ich ihr langsam hinterhertrottete. 'Eines Tages werde ich frei sein. Ihr werdet schon sehen...'

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt