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Der Raum war stockdunkel, und ich war hundemüde. Eigentlich die beste Vorraussetzung. Trotzdem konnte ich nicht schlafen. Es dauerte ewig, bis ich eine halbwegs erträgliche Schlafposition gefunden hatte, die keine Schmerzen durch meinen Arm schickte. Und wenn ich dann endlich wegdämmerte, dann kamen die Alpträume. Rote Augen verfolgten mich. Blut. Ein wildgewordener Löwe. Sie alle wollten mein Leben - auf die eine oder andere schreckliche Weise.

Immer wieder wälzte ich mich von einer Seite auf die andere. Es glich einem Wunder, dass ich Lucas, der neben mir lag und schlief wie ein Baby, nicht weckte. Er hatte mich dazu überredet bei ihm im Zimmer zu schlafen. Ich hatte gedacht Gesellschaft täte mir gut. Falsch gedacht.

Seufzend setzte ich mich auf. Es waren locker noch drei Stunden bis die Sonne aufging. Also was tun? Vermutlich schliefen außer mir alle oder waren zumindest auf ihren Zimmern. Eigentlich die perfekte Gelegenheit, mich weiter um mein Problem zu kümmern.

Ich wollte gerade aufstehen, da fing Lucas an, irgendwas Unverständliches im Schlaf zu murmeln. Dann legte er  den Arm um mich und zog mich fest an sich. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Es fühlte sich fast an wie früher. Bevor ich angefangen hatte, ihm Dinge zu verheimlichen. Ihn anzulügen. Bevor wir gestritten hatten.

Für einen Moment schloss ich die Augen, genoss seine Wärme, den Atem in meinem Nacken, seinen Herzschlag an meinem Rücken. Dieses mittlerweile so seltene Gefühl von Geborgenheit flutete mich.

Doch das Brennen in meinem Arm erinnerte mich daran, dass ich Dringenderes zu erledigen hatte. Vorsichtig hob ich Lucas' Arm an und robbte darunter hervor. Ungeschickt angelte ich mir meine Hose vom Boden, die ich zuvor nur schnell abgestriffen hatte.

Schnell zog ich sie über und tapste ins Badezimmer. Dort konnte ich wenigstens das Licht anmachen. Blöder Fehler.

Mein Spiegelbild glotze mich aus dunkel unterlaufenen, leeren Augen an. Die Haut war kalkweiß, die Haare wirr. Ich sah wirklich so erschöpft aus, wie ich mich fühlte. Ein paar Spritzer Wasser im Gesicht konnten da leider auch nichts mehr retten.

Wenig später saß ich wieder in der Bibliothek. Da ich nichts zu meinen Symptomen gefunden hatte, musste ich wohl anders vorgehen.

Ein großes Buch über Heilmagie lag vor mir ausgebreitet. Vielleicht war ja einer dabei, der mir helfen konnte. Bei einem besonders vielversprechenden blieb ich hängen.

'Heilt auch magisch zugefügte Wunden', stand dort. Während ich mit dem Zeigefinger die Zeilen nachfuhr versuchte ich mir den Spruch einzuprägen - als würde er mir so in Fleisch und Blut übergehen.

Der Spruch war auf Altgriechisch. 'ἴασαι τὸ ἕλκος.'
Zum Glück stand er darunter aber auch in lateinischen Buchstaben: 'íasai tò hélkos.'

Was genau er bedeutete, wusste ich nicht. Mein Altgriechisch war nicht sonderlich gut. Ich vermutete aber so etwas wie "Heile die Wunde".

Nachdem ich tief Luft geholt hatte, krempelte ich meinen Ärmel hoch. Dieses Etwas hatte sich weiter ausgebreitet. Höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich sammelte Energie in meiner Hand und rezitierte den Spruch. Doch es passierte absolut gar nichts.

"Verdammt", fluchte ich.

Ich versuchte es erneut. Und noch einmal. Beim fünften Mal gelang es mir schließlich. Meine Hand wurde warm, gerade zu heiß. Ein gleißendenes Licht breitete sich auf ihr aus. Vorsichtig hielt ich sie über die Rune, sodass das Licht auf sie überging und die Hitze sich auch in meinem Arm ausbreitete. Nach einigen Sekunden erlosch das Licht. Länger konnte ich den Zauber nicht aufrechterhalten. An der Rune hatte sich nichts geändert.

Das hieß entweder es hatte nicht gereicht oder es war der falsche Zauber. Etwas demotiviert fuhr ich mir durch die Haare. Was jetzt? Eigentlich konnte ich nur weitermachen bis ich irgendwas fand, das half.

Also versuchte ich es weiter. Gefühlt ein Dutzend Zauber später hatte ich immer noch nichts erreicht. Dafür meldete sich aber mein Magen laut und deutlich. Ich ließ erschöpft den Kopf auf den Tisch fallen. Zeit für eine Pause. Zum Glück aßen auch Vampire normales, menschliches Essen. Und so gab es hier eine große Küche und genug Vorräte. Auch jetzt.

Auf dem Weg in die Küche kam ich an der Waffenkammer vorbei. Genau in diesem Moment schwang die Tür auf, und Lis kam heraus. Den Blick hatte sie auf ihre Klinge gerichtet, die sie in der Hand hielt.
"Ich hoffe, das reicht", murmelte sie.

"Was reicht?", fragte ich.

Sie zuckte erschrocken zusammen. Offenbar war sie so vertieft gewesen, dass sie mich gar nicht bemerkt hatte.

"Da doch mehr Dämonen unterwegs sind, als wir gedacht hatten, hat sie mich darum gebeten die Waffen etwas aufzurüsten. Jetzt kann man sie damit töten, nicht nur zurück in die Hölle schicken", antworte Lucien, der hinter ihr aus der Tür trat.

Lis funkelte ihn missbilligend an. Sie hatte ihn wohl nicht sonderlich gerne um Hilfe gebeten. Dann wanderte ihr Blick zu mir.

"Wie siehst du eigentlich aus?" Sorge blitze in ihren Augen auf.

"Ich? Naja ich hab schlecht geschlafen", erwiderte ich und zuckte mit den Schultern. "Bis wir los müssen bin ich wieder fit."

Alle beide sahen mich nur stumm und mit hochgezogener Augenbraue an.

"Wirklich", schob ich schnell nach.

"Ich glaube du bleibst heute lieber hier und ruhst dich aus", meinte Lis.

"Was nein!", rief ich empört. Ich konnte doch nicht hier unten rumsitzen, während die anderen draußen ihr Leben riskierten. Das ging nicht.

"Denkst du wirklich so bist du eine große Hilfe?", entgegnete Lucien und sah mich eindringlich an. Das kühle Blau seiner Augen ließ mich jede trotzige Antwort, die mir schon auf der Zunge lag einfach runterschlucken. Vielleicht hatten sie ja recht.

Bevor noch jemand was sagen konnte, meldete sich mein Magen erneut zu Wort.

"Jetzt iss erstmal was", sagte Lis mit einem Grinsen.

Doch auch nach dem Essen ließ sich niemand umstimmen. Und so zog mich Lucas, der statt mir heute Nacht nach draußen ging, einige Stunden später in seine Arme und gab mir einen langen Kuss.
"Wir sehen uns später, versprochen", flüsterte er mir ins Ohr.

"Wehe, wenn nicht", antwortete ich und spürte wie sich ein Kloß im meinem Hals formte. Wenn ihm heute Nacht etwas passieren würde, würde ein Teil von mir da draußen bleiben. Ich klammerte mich an ihn, als könnte ich ihn so dazu bringen, einfach hier zu bleiben. Aber er löste sich schließlich von mir.

Da ich nicht wusste, was ich hier alleine sonst machen sollte, wandte ich mich wieder den Büchern zu. Drei Bücher, und nochmal einer Menge Zauber später, war ich allerdings mit meiner Geduld entgültig am Ende. Kein einziger Zauber hatte auch nur ansatzweise gewirkt. Natürlich konnte es auch sein, dass ich sie einfach falsch gewirkt hatte. Trotzdem half mir das kein Stück weiter.

Dazu kamen die Gedanken, die ständig um das Geschehen draußen kreisten. Was passierte dort? Würden alle wieder zurückkommen?

Mit einem Seufzen warf ich das Buch in die Ecke und stand auf. Ich warf nocheinen Blick auf meinen Arm, auf das hässliche schwarze Geflecht auf Äderchen, das sich stetig weiter ausbreitete. Wenn ich doch wohl eh verloren war, dann konnte ich mich draußen wenigsten nützlich machen.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt