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Lis seit einer Woche verschwunden. Eine Woche, die sich zog wie Kaugummi. Doch jetzt war sie zurück. Marcus hatte mir nur eine knappe Nachricht geschrieben: "Sie ist wieder da."
Keine Erklärung, kein Kommentar.

Zuerst bemerkte ich die Nachricht gar nicht - zu sehr war ich in meine Prüfungsvorbereitungen vertieft. Doch als ich in einer kurzen Pause auf mein Handy sah, machte mein Herz einen Satz.

Wenige Minuten später hatte ich mir meine Lederjacke übergeworfen und war aus der Akademie gestürmt.

Meine Gedanken überschlugen sich. 'Wo war sie gewesen?'
' Wen hatte sie getroffen?'
' Hatte sie Antworten gefunden?'

Verschwitzt und keuchend kam ich beim Clan an. Ich war gerannt, bis meine Lunge brannte, dann im Laufschritt weiter.

Kaum betrat ich das Gebäude, lief ich Marcus über den Weg. Er wirkte angespannt- und erschöpft.

"Und?", fragte ich sofort.

"Sie ist zurück.",sagte er, und obwohl seine Stimme ruhig klang, lag in seinem Blick ein besorgter Ausdruck.

"Hat sie was herausgefunden?"

Er zögerte. "Frag sie am besten selbst. Sie ist im Trainingsraum."

Ich nickte, und wollte schon los-
"Sam!"

Ich drehte mich um.

"Sie hat nicht gerade... die beste Laune", warnte Marcus.

Was auch immer das bedeuten sollte. Ich holte tief Luft und ging weiter.

Lis bemerkte mich zunächst nicht. Sie verprügelte einen Boxsack - anders konnte man es nicht nennen. Ihre Schläge kamen schnell und brutal, so heftig, dass selbst die verstärkte Halterung für Vampire unter der Wucht ächzte.

"Lis!"

Sie zuckte zusammen, fuhr herum. Ich stürmte auf sie zu und umarmte sie. Doch sie blieb steif, ihr Körper verkrampft, die Arme reglos an den Seiten.

"Was ist los? Wo warst du? Hast du etwas herausgefunden?" Die Fragen sprudelten aus mir heraus.

Doch Lis löste sich aus der Umarmung und wich einen Schritt zurück. Ihr Blick war hart, ihre Augen kalt - fremd.

"Ich hab nichts herausgefunden. Wir müssen warten", sagte sie knapp.

"Wo warst du die ganze Zeit?"

"Ist nicht wichtig. Ich... brauchte Zeit."

Ich nickte langsam. Sie wollte nicht reden.

Dann trat sie in die Mitte des Raumes.
"Training?"

Ich zögerte kurz.
Etwas in mir spannte sich an. Mein Rücken kribbelte. Alles an ihr schrie Vorsicht.
Trotzdem folgte ich ihr.

Wir stellten und gegenüber auf. Lis musterte mich - kühl, distanziert. Ihr Kiefer zuckte leicht.

Dann, ohne Vorwarnung, war sie verschwunden.

Ein Aufprall - ich lag am Boden. Schmerz durchzog meine Seite. Ich versuchte mich aufzurichten, da traf mich der nächste Schlag - diesmal von rechts.

Ich rutschte über den Boden, keuchend, benommen.

"Na los, steh auf!", knurrte Lis.

Ich rollte mich ab, spürte den Luftzug ihres nächsten Angriffs. Gerade so entkam ich ihm

Schwerfällig kam ich auf die Beine. Mein linker Arm pochte, ließ sich kaum noch bewegen. Doch Lis ließ nicht locker.

Ich riss meine Hand hoch, drückte gegen die Luft - ein Windstoß.

Zu schwach. Er brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht, aber er bremste sie - gerade genug, dass ich ausweichen konnte.

Fieberhaft überlegte ich.
'Kampfzauber? Zu gefährlich.'
'Elementarmagie? Nicht kontrolliert genug.'
'Körperlich? Keine Chance.'

"Lis bitte.."
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Doch sie hatte sich nicht mehr unter Kontrolle.

Sie stürmte erneut auf mich zu, packte mich, drückte mich gegen die Wand. Ihre Hand um meinen Hals, presste mir die Luft ab. Ihr Gesicht war nur Zentimeter vor meinem entfernt. Kalt, grausam, fremd.

Ich krallte mich in ihren Griff, trat nach ihr - doch nichts half.

Die Welt verschwamm.

"Lis.."
Mehr brachte ich nicht hervor.

"LISSANDRA, HÖR AUF! Willst du sie umbringen?!"
Marcus' Stimme gellte durch den Raum.

Der Druck ließ nach. Lis wich zurück, ließ mich los. Ich sackte auf den Boden.

Sie starrte mich an - ausdruckslos.

"Ich verstehe ja, das dieses Treffen Dinge in dir aufgewühlt hat, die du lieber  vergessen hättest", sagte Marcus, der zu uns geeilt war. Sein Blick war hart.
"Aber du hast dich dafür entschieden, ihn zu treffen. Also lass deine Wut jetzt nicht an Sam aus."

Lis' Blick wanderte zwischen uns hin und her.

"Ich wollte nicht. Ich musste", zischte sie - und verschwand aus dem Raum.

Ich hustete, fuhr mir über den Hals.

"Was zu Hölle war das?"

Marcus sah ihr nach, seufzte.
"Das muss sie dir selbst erzählen. Irgendwann. Wenn sie soweit ist."

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt