"Fuck! Was hast du gemacht?"
Ich wusste nicht ob ich erleichtert oder schockiert über Lis' Eingreifen sein sollte. Letztlich war ich beides.
"Herzstillstand", sagte sie trocken, während sie leicht humpelnd um den Polizisten herum ging. Ich betrachte den Mann am Boden. Seine Hand krampfte sich immer noch in das Hemd über seinem Herzen. War das die berüchtigte Blutmagie der Vampire?
"Ist er tot?", fragte ich mit zittriger Stimme. Mein Herz raste unaufhörlich.
"Nein. Dafür hab ich es nicht lange genug angehalten", erwiderte sie und musterte mich von oben bis unten. "Du siehst mitgenommen aus."
"Sag doch scheiße, wenn du es meinst", erwiderte ich und versuchte mit einem Grinsen meine Schmerzen und die immer noch nicht abgeklungene Panik zu überspielen. Offensichtlich eher mäßig, denn Lis sah mich nur mit hochgezogener Augenbraue an.
Dann schweifte ihr Blick zu dem Polizisten. Beinahe verträumt starrte sie ihn an, leckte sich unbewusst über die Lippen. Ihre Finger zuckten leicht. Man konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Wie sie überlegte, ob sie sich nicht einen Schluck genehmigen sollte.
Ich konnte ihr den Gedanken nicht einmal verübeln. Sie war verletzt, und frisches Blut hatte eine heilende Wirkung auf Vampire. Normalerweise trank sie fast ausschließlich aus Blutkonserven. Dennoch zögerte sie, wog ab. Vielleicht nur, weil ich neben ihr stand. Lis hatte zwar schon mein Blut getrunken, aber abgesehen davon hatte sie sich nie dabei beobachten lassen. Sie mochte es nicht, wenn jemand zusah. Und ich wollte das ehrlich gesagt auch nicht unbedingt.
Plötzlich veränderte sich ihr Blick. Sie drehte leicht den Kopf.
"Wir müssen los, bevor noch mehr Polizisten auftauchen."
Und dann hörte ich sie auch: Schritte und Stimmen. Noch waren sie weiter entfernt, aber sie kamen näher.
"Hier lang", sagte sie und steuerte auf die Gasse zu, aus der sie wohl gekommen war. Ich schaute noch einmal auf dem Mann am Boden. Erleichterung durchströmte mich. Auch wenn er mich fast umgebracht hatte - er hatte heute schon genug durchgemacht. Dann folgte ich Lis die schon fast vom Dunkel der schmalen Straße verschluckt wurde.
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Wohin genau, wusste ich nicht. Ich hoffte, dass wir uns in Richtung Clanversteck bewegten. Aber in dieser Gegend war ich noch nie gewesen und daher größtenteils orientierungslos.
Hier war es still. Eigentlich viel zu still. Doch ich bemerkte es kaum. Meine Gedanken begannen abzuschweifen. Zum Massaker auf dem Platz. Zu diesen Augen, deren Anblick sich in mein Gedächtnis gebrannt hatte. Zu der Dunkelheit und der Gestalt, die sie beherrrschte. Wobei - herrschte die Gestalt über die Dunkelheit oder die Dunkelheit über die Gestalt? Wie auch immer, ich wollte er kein zweites Mal begegnen. Vermutlich konnte ich von Glück reden, die erste Begegnung überlebt zu haben. Aber wieso? Das war mir ein Rätsel. Ich hatte vermutet sie würde direkt auf mich losgehen. Doch das tat sie nicht. Vielleicht sah sie mich einfach nicht als Gefahr?
Sollte ich Lis davon erzählen? Wenn hier so ein starker Gegner sein Unwesen trieb, musste sie es wissen. Aber eigentlich wollte ich es viel lieber verdrängen. Tief in meinem Unterbewusstsein vergraben.
"Lis?", setzte ich trotzdem an.
"Hm?" Sie drehte den Kopf leicht zu mir.
"Vorhin ... da hab ich etwas gesehen ..."
Sie blieb abrupt stehen, sah mich nun direkt an.
"Und was?", fragte sie.
" Ich war auf einem Platz. Und da war jemand -"
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
