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Die Tage vergingen. Lis war weg - und niemand wusste, wohin sie wollte. Doch alle waren besorgt.

Ich hatte versucht, mich umzuhören, etwas in Erfahrung zu bringen - aber nichts. Es war, als ob mir alle aus dem Weg gingen. Nicht einmal Raziel ließ sich blicken. Und das beunruhigte mich. Hatte er bemerkt, dass ich gelauscht hatte? Aber warum hat er mich dann nicht zur Rede gestellt? Oder spielte er ein eigenes Spiel?

Fragen über Fragen - aber keine Antworten.

Ich saß über meinen College - Büchern. Wieder einmal. Seit Tagen versuchte ich mich auf die anstehenden Prüfungen zu konzentrieren. Vergeblich. Seufzend klappte ich das Buch zu und fuhr mir durch die Haare. Es hatte doch keinen Sinn. Ich stand auf und lief einige Runden durch mein Zimmer.

Die Situation machte mich wahnsinnig. Ich schüttelte den Kopf.

'Nur nicht die Nerven verlieren.'

Mein Blick fiel auf mein Handy.
"Hey, wie läuft's. Später telefonieren?" Ich tippte die Nachricht ein und sendete sie Lucas.

Er war immer noch in South Dakota, meldete sich nur selten. Ich hätte ihn jetzt so gerne bei mir. Einfach seine Nähe spüren. In seinen Armen liegen. Er würde mir sagen, dass alles gut wird. Und für einen Moment, würde ich es ihm sogar glauben.

Die Stunden zogen sich. Ich versuchte alles - Musik, Training, sogar den Boxsack. Aber nichts half. Meine Gedanken kreisten unaufhörlich um Lis, die Dämonen, Raziel. Alles war still. Zu still.

Schließlich ließ ich mich wieder an meinem Schreibtisch nieder und starrte auf die Bücher. Sollte ich sie nochmal aufschlagen? Wofür? Ich konnte mich sowieso nicht konzentrieren.

Seufzend ließ ich meinen Blick über die Seiten gleiten - bis sich meine Finger fast wie von selbst bewegten. Ein Luftzug. Das Buch klappte auf. Trotz allem musste ich grinsen.

Ich hatte Marcus im Training mit Windmagie zu Boden geschickt - aber von echter Kontrolle war ich noch weit entfernt.

Ich versuchte es erneut. Diesmal gezielter: zwei Seiten umblättern. Ich konzentrierte mich, spürte wie sich Schweiß auf meiner Stirn bildete, mein Blut pochte in meinen Ohren - und dann bewegten sich die Seiten tatsächlich.

Wieder. Und nochmal.

Ich wiederholte die Übung, bis ich völlig erschöpft war.

Elementarmagie war verdammt schwer. Nicht einmal alle Hexen konnten sie wirklich beherrschen. Und die Luft war noch das einfachste Element.

'Wie sollte ich dann erst mit Feuermagie klarkommen...?'

Ich seufzte. Immerhin war wieder eine Stunde vergangen.

Da vibrierte mein Handy. Endlich. Lucas. Mein Herz machte einen Sprung.

Hastig nahm ich den Anruf entgegen.

"Hey Schatz, wie geht's dir", fragte ich erleichtert.

"Gut soweit. Hier ist alles ruhig, keine besonderen Vorkommnisse", antwortete er.

Ich atmete hörbar aus. Auch, wenn Lucas lieber mitten im Geschehen war - ich war froh, dass er gerade in Sicherheit war.

"Das freut mich."

"Mir wäre es anders lieber", meinte er lachend. Natürlich - typisch Lucas. Er mochte Herausforderungen.

"Ach komm schon. Sei doch froh, dass es ruhig ist. Dann kommst du wenigstens bald wieder"

Für einen Moment war es still in der Leitung. Dann fragte er:
"Und bei dir? Alles ruhig? Keine unüberlegten Aktionen?"

"Nein. Ich sitze hier und lerne."
Mehr musste er nicht wissen.

"Sicher?" Misstrauen schwang in seiner Stimme mit.

"Ja versprochen. Wir haben bald Prüfungen und ich weiß ja nicht wie du das siehst. Aber ich möchte nicht durchfallen." Ich hasste es, ihn anzulügen. Doch manchmal musste man eben tun, was man tun musste.

Nochmal Stille.
"Ich krieg das schon hin. Wenn ich wieder da bin hören wir uns um. Okay?"

"Okay", flüsterte ich.

"Danke. Ich liebe dich"

"Ich liebe dich auch."

Dann legte er auf.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt