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Achtung dieses Kapitel könnte triggern. Sollte jemand von euch da Probleme haben überspringt das Kapitel am besten. Trigger : Selbstverletzung

In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Das Kissen zerdrückt, die Decke längst zu warm. Doch das eigentliche Chaos spielte sich in meinem Kopf ab.
'Was soll ich nur tun?'
'Kann ich dem Vampir wirklich trauen?'
'Es wäre schon toll auch mit meiner Fessel kämpfen zu können.'
'Aber was wenn Raziel es erfährt?'
'Oder sie mich doch betrügen?'
'Gott warum kann denn nichts einfach sein?!'

Genervt von mir selbst raufte ich mir die Haare und warf die Decke beiseite. Vielleicht würde ein Schluck Wasser helfen. Wenigstens ein bisschen. Ich schlich zum Wasserhahn, nahm einen Becher, trank ein paar Schlucke. Nichts. Der Druck blieb. Die Gedanken auch. Es musste schon halb vier sein.
'Na toll schon wieder kaum Schlaf...'

Ich starrte in die Dunkelheit, umgeben von Stille. Ich hasste mein Leben, diese Ohnmacht in der ich feststeckte.
Hatte ich wirklich keine andere Wahl? Blieb mir nur mich auf Vampire einzulassen?
Meine Fessel konnte ohnehin nur Razeil lösen. Aber vielleicht konnte ich zumindest seiner Kontrolle entkommen?
Gott das war alles, was ich immer wollte. Und wenn ich "frei" war - könnte ich dann nicht auch einfach fliehen? Irgendwo ein ganz normales Leben führen. Dann würden mich sowohl die Engel, als auch die Vampire jagen. Und überhaupt wollte ich wirklich normal sein? Ich war Teil der magischen Welt, auch wenn ich sie verfluchte.

Aber das hieß auch, ich musste mitspielen. Auf der einen oder auf der anderen Seite. Und die Vampire hatten eindeutig die besseren Argumente.

Ich musste nur sicherstellen, dass Raziel nichts davon wusste. Um diese Uhrzeit hatte er vermutlich keinen Grund, mich zu überwachen. Hoffentlich. Und sollte er doch Alarm schlagen, dann wusste ich wenigsten, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hatte.

Es gab einen Zauber, eine Rune, die ich laut den Vampiren verwenden sollte. Mit ihr, so sagten sie, konnte ich Raziel, und auch allen anderen, welche mich bewachten, vorgeben etwas zu sehen, was ich aber in Wirklichkeit gar nicht machte. Ich seufzte laut. Das Risiko war groß, aber dafür hatte ich eine Chance auf Freiheit. Diese Art der Runenmagie unterschied sich allerdings grundlegend von der, welche die Engel ausübten. Das hier war ein Zauber, wie ihn die Hexen ausführen. Für mich bedeutete das, absolute Konzentration.

'Also schön wie war das nochmal?'

-
Vor einigen Stunden:
"Nehmen wir einfach mal an ich würde zustimmen... was bringt es euch?", fragte ich vorsichtig.
Der Weißhaarige sah mich mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und Belustigung lag.
"Du wirst Informationen liefern. Wer jagt gerade, was gibt es Neues. Und du wirst uns decken, wenn es nötig ist. Im Gegenzug wirst du lernen dich ohne die Engel und deren Runen zu behaupten."
'Klingt verdammt gut'

"Aber was ist, wenn ich auffliegen?", wand ich ein. "Wenn sie mich bestrafen... vielleicht töten?" Meine Stimme zitterte, als ich die Worte aussprach. Ich hatte keinen guten Stand bei den Engeln.

" Du bist doch nicht dumm, oder?" Sein Ton wurde schärfer. "Wenn du tust, was wir sagen, wird alles gut."

'Wie beruhigend'

"Ich brauche Bedenkzeit... mindestens bis morgen Abend", forderte ich.

"Du weißt ja wo du uns findest", sagte er nur. "Lissandra kümmert sich um den Rest." Dann ging er.

Kaum war er weg, trat die Rothaarige ein. Lissandra hieß sie also.
"Du siehst besser aus als vorhin", sagte sie, als sie mich musterte. "Pass auf, du willst keinen Blödsinn bauen!"

Ich nickte stumm. Ihre Stimme klang nun kalt, aber doch irgendwie wohlig vertraut. Vampirisch eben.

"Hier ist die Rune." Sie zog einen Zettel hervor, auf dem eine geometrische Form mit dicken und dünnen Linien zu erkennen war.

"Die musst du auf deinen Arm einritzen. Je dicker der Strich desto tiefer der Schnitt, verstanden?"

Ich nickte, obwohl mir bei dem Gedanken übel wurde. Bis jetzt dachte ich immer, das Einbrennen der Engelsrunen wäre barbarisch. Aber offensichtlich war diese Runenmagie da eine ganz andere Liga. Aber das war meine einzige Chance frei zu sein.

"Denk dran: drei schwarze Kerzen in einen Halbkreis aufstellen. Schwarz! Das ist wichtig. Und sprich die Worte: 'Abscondit facie mea ante vos' klar und deutlich, solange du schneidest"

Sie schrieb die Worte zur Rune. Diese Art Zauber war schon deutlich aufwendiger, als ich es gewohnt war. Das war aber auch logisch. Die allgemeine Runenmagie, konnte von jedem magischen Wesen, verwendet werden. Das bedeutete aber auch, dass die verwendete Magie richtig kanalisiert werden musste.

"Oh und bevor ich es vergesse", sie drückte mir ein Fläschchen in die Hand, "gib das auf die Rune wenn sie fertig ist!"
"Was ist das", fragte ich mit brüchiger Stimme.
"Vampirgift dann heilt es schneller." Ihr Ton war sachlich, fast fürsorglich.

"Danke", sagte ich, leicht überfordert von der Situation. Was zum Teufel machte ich hier?
"Ich darf dann gehen ja?", fragte ich.
Sie nickte. Hastig griff ich nach dem Zettel - und verließ den Raum so schnell ich konnte.

-
Im Bad
"Ok schwarze Kerzen.. ich hatte doch noch welche...", murmelte ich, während ich die Schubladen durchwühlte.
"Ah hier!"
Unten in meiner Kommode waren noch welche. Fünf um genau zu sein. Hastig nahm ich drei raus und griff mir das Feuerzeug von meinem Nachtkästchen. Schnell lief ich wieder ins Bad. Jetzt brauchte ich nur noch etwas scharfes. Suchend sah ich mich um. Meine Nagelschere? Ne die war zu stumpf. Die Pinzette? Wie soll ich damit etwas zerschneiden? Schließlich viel mein Blick auf meinen Rasierer.
'Damit sollte es klappen.'
Ich nahm ihn aus der Dusche und entfernte die Klingen.
'Ok, jetzt habe ich alles.'
Die Kerzen stellte ich in eine Art Halbkreis auf dem Badezimmerboden auf und zündete sie an. Das flackernde Licht warf geisterhafte Schatten an die Fliesen. Danach legte ich die Klinge vor ihnen ab. Vorsichtshalber legte ich mir auch noch ein Päckchen Taschentücher und das Vampirgift bereit. Sollte ja blutig werden.
"Du schaffst das", flüsterte ich mir selbst zu, als ich zögernd die Klinge an den Arm legte.
"Abscondit facie", begann ich und zog gleichzeitig den ersten Schnitt über meinen Arm.

Der Schmerz war stechend, schneidend, brennend.Die Tränen traten mir in die Augen, doch ich unterdrückte sie. Ich musste weitermachen.Dann folgte der zweite Schnitt. Das Blut tropfte auf den Boden und bildete eine kleine Pfütze. Schnitt für Schnitt arbeitete ich mich so vor.

'Verdammt warum tue ich das..'
Der Kummer und die Verzweiflung verdichteten sich immer weiter, stiegen im mir hoch.
Der letzte Schnitt quer über meinen Unterarm, fühlte sich an, als würde mein Leben aus mir herausströmen.

"Abscondit facie mea ante vos", brachte ich mit letzter Kraft hervor. Stumm sah ich dem Blut zu wie runter zu meiner Hand lief und auf den Boden tropfte. Der Schmerz in meinem Arm pulsierte, doch ich war leer.

Doch ich hatte noch etwas zu tun. Das Vampirgift. Mit zittrigen Fingern nahm ich das Fläschchen und goss es vorsichtig über die Wunde.
'Verdammt!'
Ein brennender Schmerz durchzog meinen Arm, als das Gift die Schnitte berührte. Es fühlte sich an als würde mein Arm in Flammen stehen. Ich konnte keinen Laut mehr von mir geben.

Tränen liefen mir über die Wangen, meine Ohren dröhnten. Der Schmerz war zu viel. Ich versuchte aufzustehen, doch mein Körper war wie gelähmt. Ich musste ins Bett. Warum ich das musste? Vielleicht wollte ich einfach nur, dass es aufhörte. Aber der Boden fühlte sich kühl an. So angenehm. Und plötzlich war es mir einfach zu viel.

Ich wollte aufstehen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Mein Blick verschwamm, alles wurde dunkel. Vielleicht war es doch besser hier zu bleiben.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt