Keine zehn Minuten später standen wir wieder vorm Quartier. Lucien hatte glücklicherweise angeboten, uns zu teleportieren. Sehr zu meiner Freude, denn ich hatte denkbar wenig Lust auf weitere unangenehme Begegnungen.
Lis war von dem Angebot weniger begeistert. Wen hätte das auch gewundert? Doch mit dem Hinweis, dass die Sonne bald aufgehen würde und sie zu Fuß Gefahr liefe, vom Licht erwischt zu werden, gab sie sich schließlich geschlagen.
Nach einer kurzen Erklärung, was es mit der Frau auf sich hatte, über die ich gestolpert war, warf Lucien sie sich kurzerhand über die Schulter. Dann nahm er uns jeweils an einer Hand - und im nächsten Moment waren wir schon am alten Hotel.
Drinnen herrschte reges Treiben. Wir schienen wohl so ziemlich die letzten zu sein, die zurückkehrten. Zumindest von denen, die übrig waren. Ich ließ meinen Blick über die Menge schweifen, suchte nach bekannten Gesichtern. Einige waren da - zum Teil verletzt, zum Teil bereits geheilt. Doch alle sahen gezeichnet aus von dieser Nacht. Andere suchte ich vergeblich.
Kaila, die junge Vampirin, die vorher berichtet hatte, war nicht unter den Anwesenden. In einer Ecke entdeckte ich jedoch Samira, ihre beste Freundin. Mit zitternden Händen hielt sie einen Blutbeutel. Sie weinte bitterlich, wurde von ihren Schluchzern nur so geschüttelt.
Der Anblick traf mich tief. Es schnürte mich die Kehle zu, Tränen stiegen mir in die Augen. Ich wollte zu ihr gehen, sie in den Arm nehmen - einfach für sie da sein.
Doch da fiel mein Blick auf Lucas und alles andere rückte in den Hintergrund. Er sah gestresst aus, fast so, als hätte er die letzen Stunden damit verbracht, gehetzt auf und ab zu laufen. Neben ihm stand Marcus, ebenfalls gezeichnet, auch wenn nur noch die Risse in seiner Kleidung von seinen Wunden zeugten.
"Oh Gott, Sam! Wie siehst du denn aus?", rief Lucas, als er mich sah, und kam sofort auf mich zugestürmt. Alle Augen richteten sich auf uns. Etwas verlegen stand ich da, bis Lucas mich schließlich in sein Zimmer zog. Mit Samira würde ich wohl später sprechen müssen.
"Was ist denn passiert?", fragte er und fuhr sich durch die ohnehin schon zerzausten blonden Strähnen.
"Ich hatte ein paar ... unschöne Begegnungen", antwortete ich.
"Ich hätte, mitkommen sollen. Dich beschützen."
Er tigerte unruhig im Zimmer umher.
"Dann würdest du jetzt auch so aussehen", entgegnete ich trocken und hob eine Augenbraue.
"Du aber vielleicht nicht."
Er lief weiter auf und ab, fuhr sich immer wieder nervös durchs Haar.
Ich verdrehte die Augen und räusperte mich.
"Könntest du vielleicht...?"
Er hielt inne.
"Oh - ja, sorry" Ein gehetztes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Trotz allem musste ich grinsen. Lucas hatte in dieser Nacht wohl mindestens genauso viel Stress gehabt wie wir.
Er hob die Hände, murmelte einige mir unbekannte Worte. Seine Handflächen begannen hell zu leuchten.
Augenblicklich wurde auch ich von dem Licht erfasst. Eine angenehme Wärme legte sich um mich, wie eine Umarmung. Ein Kribbeln breitete sich auf meiner Wange aus, wanderte hinunter zur Wunde an meinem Arm. Ein Keuchen entwich mir, als sich meine Rippen mit einem hörbaren Knacken wieder an ihren Platz schoben.
Langsam verblasste das Licht, ebenso wie die Wärme. Die Schmerzen in meinem Körper waren verschwunden. Nur das Brennen an meiner Rune blieb.
Etwas verlegen senkte ich den Blick.
"Bist du noch sauer?", fragte ich leise.
"Ja."
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich seufzte. Ob ich das wohl je wieder gutmachen konnte? Tränen stiegen mir in die Augen. Offenbar hatte ich es jetzt tatsächlich geschafft, ihn zu verlieren. Dabei wollte ich doch genau das Gegenteil. Warum musste ich immer alles kaputt machen?
Ein Schluchzen überrollte mich. Heiße Tränen liefen über meine Wangen. Ich schlang die Arme um mich, grub die Nägel in meinen Oberarmen, bis es weh tat. Den Schmerz hatte ich verdient, daran konnte ich mich festhalten.
Egal was ich tat,am Ende machte ich alles kaputt. Ich erletzte Menschen, zerstörte Leben. Das hatte mir diese Nacht wieder einmal deutlich gezeigt. Alles was ich hinterließ, war Schmerz und Abneigung.
Lucas' Arme legten sich um mich, zogen mich an ihn.
"Hey, das ist nichts im Vergleich zu den Sorgen, die ich mir um dich gemacht habe", flüsterte er und streichelte sanft meinen Rücken.
Ich vergrub mein Gesicht in seinem Oberteil, das sich schnell mit meinen Tränen vollsog.
"Trotzdem mache ich immer alles kaputt", murmelte ich gegen seine Brust und schluchzte.
Er hielt mich einfach fest. Ließ mich in meiner Verzweiflung, ohne etwas zu sagen. Dann spürte ich seine Lippen auf meinen Haaren. Seine Hand strich über meine Wange, hob schließlich mein Kinn leicht an.
Ich sah in seine Augen. Diese blauen Augen, tief und dunkel wie das Meer und doch voller Sanftheit. Sie waren erfülllt von Sorge.
Seine Lippen fanden meine - erst sanft, kaum mehr als ein Hauch, dann etwas fester. Der Kuss schmeckte salzig von meinen Tränen und doch vertraut. Ich legte meine Hand in seinen Nacken, drückte mich etwas fester an ihn.
"Ich weiß, dass du das nicht wolltest", murmelte er gegen meine Lippen.
"Trotzdem...", entgegnete ich leise, meine Stimme brach.
"Du kannst doch nichts dafür. So bist du halt."
'Du bist wie dein Vater', schossen mir seine Worte wieder durch den Kopf.
Mein Magen zog sich zusammen. Ich verkrampfte mich, löste mich von ihm und trat einen Schritt zurück. Lucas war der Erste gewesen, der mich nicht auf meinen Vater reduziert hatte. Der Erste, der mich gesehen hatte, wie ich wirklich war. Und nun war er doch wie alle anderen.
Ich wusste, dass er es nicht so gemeint hatte. Dass es im Streit aus ihm herausgerutscht war. Trotzdem tat es weh.
Er musterte mich, legte den Kopf leicht schief.
"Alles okay?", fragte er.
"J-ja ich bin nur müde", antwortete ich.
"Außerdem brauche ich dringend frische Klamotten und eine Dusche" Dabei deutete ich an mir herunter und zwang mich zu einem Lächeln.
"Sicher?"
Ich nickte, auch wenn das nicht einmal die Hälfte der Wahrheit war. Aber wozu sollte ich das jetzt aufreißen - nicht, wo es endlich wieder halbwegs gut zwischen uns war.
"Sehen wir uns später?", fragte ich schließlich.
"Sicher doch", sagte er und lächelte.
Ich küsste ihn auf die Wange, bevor ich ging. Eine Spur zu schnell, etwas zu verkrampft. Er sagte nichts, drückte nur leicht meinen Arm. Doch in seinen Augen lag etwas, das mein Herz schwer werden ließ - als wüsste er, dass etwas zwischen uns stand, das vielleicht nicht zu überwinden war.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
