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Verlegen spielte ich mit meinen Haaren, während ich überlegte, was ich darauf entgegnen konnte. Eine unangenehme Stille hatte sich zwischen uns ausgebreitet. Sie hatte recht. Es war nicht dasselbe. Aber es war alles, was wir ihr bieten konnten.

Plötzlich hörte ich Schritte und wandte den Kopf Richtung Tür. Lis kam herein.

"Kommt ihr mit aufs Dach, oder wollt ihr hier weiter rumhängen und jammern?", fragte sie mit einem aufmunternden Lächeln.

Verwirrt hob ich eine Augenbraue. Aufs Dach? Jetzt? Was wollte sie denn dort?

"Ernsthaft? Jetzt? Die Sonne geht doch gerade auf, oder?", entgegnete ich skeptisch.

"Auch wir sehen ab und zu gerne Sonnenaufgänge an. Vor allem nach so einer Nacht." Die Vampirin grinste breit.
"Also, kommt ihr?"

Immer noch leicht irritiert stand ich auf. Weniger, weil ich jetzt tatsächlich Lust auf so viel Gesellschaft hatte, sondern eher aus Neugier, was ein Haufen Vampire bei Sonnenaufgang auf einem Dach vorhatte.

Lis sah auffordernd zu Samira.
"Kommst du auch? Ein bisschen Ablenkung tut dir bestimmt gut."

Mit deutlichem Widerwillen und einem tiefen, schweren Seufzen stand schließlich auch sie auf.
"Na gut", murmelte sie kaum hörbar.

Auf dem Dach verschlug es mir fast die Sprache. Über die Dachterrasse hatte jemand eine Menge dunkler Tücher gespannt, die nun genug Schutz vor der aufgehenden Sonne boten. Ich entdeckte Lucas in einer Ecke, auf dem Boden sitzend, und bewegte mich auf ihn zu. Samira dagegen folgte Lis, die sich neben Marcus setzte.

Als ich mich neben Lucas auf den Boden Platz nahm, legte er direkt seinen Arm um mich und gab mir einen Kuss. Er verhielt sich als wäre nie etwas gewesen. Obwohl sich wieder ein ungutes Gefühl in meinem Magen ankündigte, ließ ich es einfach geschehen. Wozu weiter streiten?

Also ließ ich meinen Blick umherwandern, auf der Suche nach Ablenkung. Und die fand ich.

Etwas entfernt von uns entdeckte ich Lucien. Er saß auf dem Boden, den Blick abgewandt, als würde er irgendeindeinen unsichtbaren Punkt in der Ferne fixieren. Plötzlich wandte er sich um. Unsere Blicke trafen sich. Die Zeit schien um uns herum einzufrieren, nur noch das kühle eisblau seiner Augen existierte. Ein Schauer zog durch meinen Körper. Ich zwang mich wegzusehen, doch meine Augen gehorchten nicht.

Marcus räusperte sich und riss mich so aus meiner Starre. Ich zuckte erschrocken zusammen, warf einen hastigen Blick auf Lucas. Doch der schien so in seinen Gedanken vertieft zu sein, dass er gar nichts mitbekam.
'Was zu Hölle tust du da, Sam?'

Unwillkürlich drückte ich mich etwas fester an Lucas. Als Zeichen? Oder um mir selbst zu beweisen, dass dort mein Platz war. Bei ihm.

"Schön dass ihr alle hier raufgekommen seid", erhob Marcus die Stimme. Er griff eine Flasche, die neben ihm auf dem Boden stand.
"Also dann. Trinken wir darauf, dass wir diesen Sonnenaufgang noch erleben dürfen und auf jene die leider nicht mehr bei uns sein können."
Damit hob er die Flasche, nahm einen Schluck und reichte sie an Lis weiter.

"Auf die Toten", sagte sie bevor sie ebenfalls die Flasche ansetzte und sie Samira reichte.

"Auf Kaila", murmelte diese.

Schließlich kam die Flasche bei mir an. Ich nahm einen Schluck des klaren, auf der Zunge brennenden Schnapses. Still gedachte ich der Opfer der heutigen Nacht und gab die Flüssigkeit an Lucas weiter.

Schweigend sah ich auf die Stadt, die von der aufgehenden Sonne in goldenes Licht getaucht wurde. Am Horizont - oder besser gesagt an der Stadtgrenze - sah man die Kuppel schimmern, welche die Stadt umschloss. Für ungeübte Augen wirkte es wie das Flimmern in der Luft an einem heißen Sommernachmittag. Aber für mich war klar:  das war eine Barriere. Eine Grenze die uns in der Stadt einschloss.

"Was machen wir eigentlich mit diesem Ding über der Stadt", sprach jemand die Frage aus, die auch mich beschäftigte.

"Nichts", antwortete Marcus knapp.

"Oder hast du Lust darauf, dass uns das Militär einen Besuch abstattet?", fügte Lucien hinzu.

Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Aber es stimmte:  Wenn keiner nach draußen kam, kam auch niemand hinein. Ansonsten würde das Militär nach den Ereignissen der letzten Nacht natürlich sofort auf der Matte stehen.

"Hey, das ist kein Thema für jetzt", fuhr Lis dazwischen und beendete damit das Gespräch. Stille legte sich wieder über das Dach.

Ich lehnte mich an Lucas' Schulter und wandte mich wieder dem Sonnenaufgang zu. Wir konnten uns glücklich schätzen ihn heute erleben zu dürfen, auch wenn ich ein flaues Gefühl hatte , dass es vielleicht das letzte Mal war.

-

In der Akademie:

Leviathan stand am Fenster des großen Büros und beobachtete, wie das morgendliche Licht den Garten der Akademie in einen warmen Schein tauchte und die Schatten der Nacht vertrieb.

"Wie läuft die Suche nach Luzifers Bastard?", fragte sie, ohne Gabriel, der ein paar Schritte hinter ihr stand, anzusehen.

"Raziel verweigert weiter meine Befehle, also habe ich ihn bis auf weiteres in das Verließ werfen lassen. Wir werden sie wohl anders finden müssen", sagte Gabriel und strich sich genervt die blonden Haare aus dem Gesicht.

"Du scheinst insgesamt Probleme in deinen Reihen zu haben. Unter deinen Nephilim gab es herbe Verluste", bemerkte Leviathan, während sie sich endlich zu ihm umdrehte. "Genauso wie in deinem Zirkel, Amara."

"Bei deinen Leuten sind auch einige gestorben", entgegnete Amara und schnaubte verächtlich.

"Erstaunlich", murmelte Gabriel trocken.

"Bedauerlich", ergänzte Mammon, wischte nachdenklich über seine Brille und zog die Lippen schmal zusammen. "Das waren gute Soldaten, und wir haben nichts herzugeben."

Leviathan verdrehte die Augen. Eine andere Äußerung wäre von ihm auch nicht zu erwarten gewesen.

"Und weiß man, wer die Dämonen auf dem Gewissen hat?", wandte sich Gabriel an sie.

"Ich habe einen Verdacht." Ihr Blick schweifte ab, sie kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.

"Gut, dann ziehe ich ein paar Ritter aus meiner Eliteeinheit ab. Die kümmern sich um deinen Verdacht", sagte Satan und verschränkte die Arme. Er überragte selbst Gabriel um mindestens einen Kopf, war breit gebaut. Seine langen Haare und sein Vollbart glänzten wie glühendes Kupfer. In seiner Aura lag etwas Gefährliches, wie bei einem Krieger aus alter Zeit. 

Leviathan musterte ihn kurz. "Wenn ich recht habe, dann werden auch sie Probleme bekommen."
Sie fuhr sich hastig durch die feuerroten Locken.

"Keine Sorge. Ich hab da noch ein kleines ... Schmuckstück in meiner Sammlung, das ich ihnen mitgebe", antwortete Satan. Ein Grinsen stahl sich über sein Gesicht. Eines, das nichts Gutes verhieß.

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Habt noch eine schönen Sonntag Abend 😊

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt