-56-

13 3 0
                                        

Ich machte mir gar nicht mehr die Mühe, mich auszuziehen, sondern ließ mich einfach in mein Bett fallen. Das Training hatte mich endgültig ausgelaugt. Kaum hatte mein Kopf das Kissen berührt, riss mich die Erschöpfung in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Plötzlich rüttelte jemand energisch an mir. Erschrocken riss ich die Augen auf. Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren.

Lucas stand neben mir, die Hände immer noch an meinen Schultern. Irritiert starrte ich ihn an.

"Was ist los?", fragte ich und gähnte. Wie lange hatte ich geschlafen? Eine Stunde? Zwei?

"Es gibt eine Versammlung", antwortete er. "Jetzt."

Hektisch schlug ich die Decke zurück und stand auf. Das klang dringend. Ich fuhr mir schnell durch die zerzausten Haare und band sie zu einem unordentlichen Dutt zusammen. Dann drängte ich mich an Lucas vorbei.

Er blieb stehen und musterte mich prüfend. Ich hob fragend eine Augenbraue.

"Kommst du?"

Lucas verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. Sein Blick glitt über meine Kleidung.
"Sam?", fragte er kühl. "Warum riechst du nach Rauch?"

Mein Herz setzte kurz aus. Verdammt. Ich war so müde gewesen, dass ich mich nicht mehr umgezogen hatte.

"Weiß ich nicht", antwortete ich eine Spur zu schnell. "Lucien raucht im Gemeinschaftsraum. Vielleicht daher."

Sein Blick wurde hart. Er machte einen Schritt auf mich zu und sog die Luft ein.
"Das riecht nicht nach Zigaretten. Eher nach einem Wohnungsbrand."

Ich machte einen Schritt zurück, drehte mich halb weg und funkelte ihn an.
"Muss ich mich jetzt neuerdings rechtfertigen, wie ich rieche, oder was?", fauchte ich.

"Wenn du mich anlügst", knurrte er. Sein Blick spießte mich förmlich auf.

Mein Puls schoss direkt in die Höhe. Innerlich seufzte ich. Schon wieder derselbe Streit. Schon wieder dieses Misstrauen. Ich war es so leid.

Jemand räusperte sich.

Erschrocken fuhr ich herum. Lis stand hinter uns. Die Arme in die Seiten gestemmt, sah sie uns mit genervtem Blick an.

"Wir warten nur noch auf euch."

Ich sah sie dankbar an und murmelte ein leises 'Sorry'.

Als ich an ihr vorbeiging, verzog die Vampirin das Gesicht. Sie öffnete schon den Mund für eine Bemerkung. Doch als sie mein leichtes Kopfschütteln sah, klappte sie ihn wieder zu. Ihr Blick blieb jedoch kurz an meiner Kleidung hängen.

Schweigend liefen wir zum Gemeinschaftsraum. Dort waren tatsächlich schon alle versammelt.

Direkt gegenüber der Tür saß Marcus auf einem einzelnen Stuhl. Neben ihm stand ein weiterer, auf den Lis mit schnellen Schritten zuging.

Die restlichen Sitzgelegenheiten waren im Halbkreis davor angeordnet. Der Raum war mit angeregtem Gemurmel gefüllt. Links von mir entdeckte ich Lucien. Er saß neben Mary und hatte die Hand auf ihren Oberschenkel gelegt.

Mein Blick blieb einen Moment an ihnen hängen. Ein kleiner Stich ging durch mein Herz. Doch ich drückte ihn weg und zwang mich, ihnen freundlich zuzunicken.

Mary lächelte überschwänglich und winkte mir zu, während Lucien mir ebenfalls zunickte. Unsere Blicke verharrten kurz aufeinander. Sein Mundwinkel zuckte kaum merklich.

Schließlich riss ich mich von ihm los und setzte mich auf einen freien Platz neben Samira. Diese zog kurz die Nase kraus, als ich an ihr vorbeiging und eine Wolke Rauchgeruch hinterließ. Vermutlich aus Höflichkeit sagte sie jedoch nichts dazu. Ich hätte mich wohl wirklich umziehen sollen.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt