-29-

30 5 6
                                        

Schon in der Eingangshalle drangen Stimmen und Musik an unsere Ohren. Das Fest war also bereits in vollem Gange.

Meine Schritte wurden langsamer, je näher wir dem Saal kamen. Ein schmerzhafter Knoten zog ich in meinem Magen zusammen und der bittere Geschmack von Galle legte sich auf meine Zunge. Ich spürte es in jeder Faser meines Körpers. Das hier würde nicht gut enden.

Lucas nahm meine Hand und drückte sie leicht.
"Es ist nur ein Fest", sagte er sanft.

"Ein Fest, das feiert, wie mein Vater verbannt wurde", entgegnete ich und zwang meine Stimme, ruhig zu klingen.

"Das hat dich sonst auch nicht gestört."

Stimmt. Das hatte es nicht. Und das tat es auch jetzt nicht - nicht richtig. Ich hatte mich daran gewöhnt - an die Blicke, die mir an diesem Tag zugeworfen wurden, an die spitzen Bemerkungen. Heute hielt sich für gewöhnlich niemand zurück. Deshalb blieb ich auf dem Fest auch immer nur so kurz wie möglich.

Aber heute war anders. Heute musste ich bleiben. Musste zuhören, beobachten und hoffen dass ich nicht aufflog. Ich atmete tief durch, straffte die Schultern - und betrat mit Lucas den Festsaal.

Der Raum war brechend voll. Kronleuchter warfen warmes Licht auf eine Menge aus elegant gekleideten Nephilim und Mitgliedern aus Lucas' Zirkel.

In der Menge entdeckte ich Elena. Ihr silbernes Kleid schmiegte sich an ihren Körper, betonte jede Kurve. Mit dem edlen Schmuck und den hochgesteckten Haaren wirkte sie wie eine Prinzessin. Gerade warf sie den Kopf zurück und lachte viel zu laut über die Witze des jungen Hexers neben ihr. Typisch. Für die war alles eine Bühne.

Ich verdrehte die Augen und ließ meinen Blick weiter schweifen - nur um festzustellen, dass ich niemanden sah, auf dessen Gesellschaft ich jetzt Lust gehabt hätte. Das flaue Gefühl in meinem Magen wuchs, Widerwillen spannte jede Faser meines Körpers.

Lucas dagegen schien ganz in seinem Element zu sein. Er legte den Arm um meine Taille und zog mich direkt auf eine großgewachsene Frau zu. Ihre Haut schimmerte wie Bronze, schwarze Locken umrahmten ein Gesicht das gleichzeitig weich und unerbittlich wirkte. Obwohl sie an die zweihundert Jahre alt war, wirkte sie kaum älter aus als Ende dreißig. Selbst für eine mächtige Hexe wie sie war das bemerkenswert.

"Hallo Lucas, schön dich zu sehen", begrüßte Amara Delacroix ihn mit einem strahlenden Lächeln, das ihre exotische Schönheit noch unterstrich.
Mir schenkte sie lediglich ein kurzes Nicken.

"Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Oberste", erwiderte Lucas höflich und verbeugte sich leicht.

"Wie lief es in South Dakota?", fragte sie und deutete mir unmissverständlich, dass ich die beiden allein lassen sollte.

Seufzend drehte ich mich um und bahnte mir einen Weg durch die Menge. Mein Blick blieb an einem Tisch mit Champagnergläsern hängen. Wenigstens etwas.

Zielstrebig steuerte ich darauf zu, griff nach einem Glas und nahm einen Schluck. Das Prickeln der Kohlensäure auf meiner Zunge war angenehm - meine Laune jedoch unverändert. Also trank ich noch einen größeren Schluck, während ich erneut die Menge musterte. Niemand achtete auf mich. Perfekt. Dann würde mich auch niemand vermissen.

Leise schlüpfte ich durch die Tür nach draußen. Nur ein paar Minuten frische Luft schnappen.

Kurz darauf stand ich im Garten der Akademie, einem Innenhof voller exotischer Pflanzen.

Ich mochte diesen Ort, auch wenn ich selten hier war. Die Ruhe war wie Balsam für meine Nerven. Die kühle Abendluft füllte meine Lungen, ein Seufzen entwich meiner Kehle. Ich ließ den Blick über die akkurat angelegten Beete und Hecken schweifen.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt