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Blitzschnell drehte ich mich wieder um - und erstarrte. Ich war eingekreist. 'Verdammt warum ausgerechnet jetzt.' Ohne meine Kräfte hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Trotzdem nahm ich Kampfhaltung an. Irgendetwas im mir weigerte sich, sich einfach so geschlagen zu geben.
Zwei der Vampire knurrten mich an. Es war tief und kehlig, stellte mir die Nackenhaare auf. Mir blieb nicht viel Zeit. Einige Augenblicke, vielleicht eine halbe Minute.

'Raziel? Hilf mir bitte.. Ich habe ein Problem... Ein großes Problem..'

Nichts. Keine Antwort. Natürlich nicht, schließlich hatte ich die Regeln gebrochen. Ich hätte um diese Uhrzeit gar nicht draußen rumlaufen dürfen. Er hatte mich zwar gewähren lassen, wollte mir jetzt aber wohl doch eine Lektion erteilen. Bestimmt sah er gerade in aller Seelenruhe zu.

Mir lief es heiß und gleichzeitig eiskalt den Rücken hinunter. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. In meinem Kopf drehte sich alles. '
Das wars dann...'

Aus dem Augenwinkel sah ich eine Bewegung - rechts. Instinktiv duckte ich mich, und entging so nur knapp einem Hieb, der mich von den Füßen gerissen hätte.
Sie umkreisten mich nun wie Wölfe. Knurrend, fletschend, bereit sich ihre Beute zu holen.

'Wie soll ich da nur rauskommen?'

Die Luft war zum zerreißen gespannt. Jeden Augenblick konnte die Situation kippen. Jeder Atemzug konnte zu viel sein. Ich verharrte. Ruhig, die Muskeln angespannt. Wartend.
Sekunden verstrichen. Schweiß lief mir über die Stirn.

'Bitte tut doch etwas...irgendwas..'

"Macht Platz", sagte plötzlich eine Stimme hinter mir. Tief. Rau. Als würde Stein gegeneinander reiben.

Die Vampire gehorchen sofort. Sie wichen zur Seite, ihr Anführer war erschienen.

Vor mir stand ein Hüne von einem Mann - groß muskulös, mit schneeweißem Haar. Seine Augen waren dunkelgrau, wie Sturmwolken kurz vor dem Gewitter. Kein Rot in seiner Iris. Kein Angriffsmodus. Und trotzdem war er das unheilvollste Wesen, das ich je erblickt habe.

Ich war mir sicher - er war ein höherer Vampir. Keiner, der einst verwandelt wurde. Er wurde so geboren.

"Du bist also das Gör, das meinen besten Vampir getötet hat?", sagte er. Ruhig. Aber seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte.

Ich brachte kein Wort raus. Nur ein stummes Nicken. Meine Kehle war wie zugeschnürt.

Er musterte mich. Abfällig.

"Nun, ich hatte etwas... mehr erwartet als das."

'Hatte der Hulk erwartet oder was?!'

"M..mehr?", stammelte ich.

"Auf jeden Fall kein kleines Mädchen."

Seine Hand schnellte nach vorne. Packte mein Kinn. Vor Schreck zuckte ich zurück - ein Fehler. Er drückte zu. Schmerz schoss durch meinen Schädel, mein Kiefer knackte widerlich. Ein unterdrücktes Keuchen, entwich meiner Kehle. Doch er störte sich nicht daran.

Interessiert drehte er meinen Kopf erst nach links, dann nach rechts, als wäre ich ein Tier auf dem Markt.

"Erzengel also..."Seine Finger glitten langsam an meine Runen entlang, nutzlos ohne Macht . Als Vampir konnte er sie natürlich, wie alle magischen Wesen, auch ohne Aktivierung sehen, aber konnte er sie auch lesen?

Mir wurde übel. Mein Magen drehte sich um. Ich fühlte mich bloßgestellt. Ausgeliefert. Wenn er die Bedeutung des Siegels kannte, war ich am Arsch.

"Aber du nutzt sie nicht", murmelte er mit einem seltsamen glitzern in seinen Augen.
"Interessant."

Dann winkte er ab.

"Wir nehmen sie mit. Irgendwas nützliches wird schon in ihr stecken."

Sofort wurde ich wieder eingekreist. Sie drängten mich die Straße entlang.

Meine Gedanken rasten. Unauffällig versuchte ich eine Lücke in den Vampiren zu entdecken. Aber da war keine. Flucht war unmöglich. Meine Wange pochte, heiß und geschwollen, der Schmerz pulsierte bis hinter die Stirn. Ich konnte meinen Mund nicht mehr richtig schließen.Half nicht unbedingt beim Nachdenken.

'Wenigstens die Kraft für meine Heilrune hätte er mir doch lassen können...'

Schweigend liefen wir durch die Nacht. Niemand sprach. Niemand würde kommen um mich zu retten. Ich war allein. Verloren. Mein Blick war starr nach vorne gerichtet. Wenn ich hier schon sterben würde, dann wenigstens mit erhobenem Haupt.

Nach einer Weile erreichten wir ein großes, halb verfallenes Haus. Es schien mal ein Hotel gewesen zu sein. Drei Stockwerke hoch. Offenbar hatte es mal eine Dachterrasse, aber nun war es nur noch ein leeres Flachdach.
Ich starrte es an. Das war also ihr Versteck?
'Einer der größten Clans der Stadt und DAS ist ihr Quartier?!'
"Hast du etwa hier ein Hilton Hotel erwartet?" Der Vampir neben mir lachte dreckig. Er hatte meinen Blick wohl bemerkt.
Ich irgendwas kontern.Schlagfertig sein. Aber mir fiel nichts ein. Und selbst wenn - mein Gesicht war so ramponiert, dass ich ohnehin kein Wort rausgebracht hatte.
Notgedrungen schluckte ich meinen Frust runter. Nur meinen Frust. Mein Speichel hingegen lief mir gerade das Kinn hinunter und tropfte auf mein Oberteil.

Demütigung in flüssiger Form.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt