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Das schrille Piepen riss mich aus dem Schlaf. Genervt drehte ich mich um, immer noch im Halbschlaf, kämpfte ich mit dem Drang, dieses verfluchte Ding einfach gegen die Wand zu schleudern. Stattdessen streckte ich die Hand aus und drückte die Snooze-Taste. Noch zehn Minuten.
'Fuck ist das früh.' Drei Stunden Schlaf, mehr war mir nicht vergönnt. Dank der gestrigen Aktion. Und wofür? Für nichts. Für Bestrafung. Ich grummelte unzufrieden.

Als mein Handy erneut diesen widerlichen Ton von sich gab, stöhnte ich und schälte mich aus dem Bett. Ich gähnte herzhaft. Duschen! Mit schlurfenden Schritten trottete ich ins Bad, das Handy schlaff in der Hand.

'Erstmal Musik'
Ich scrollte durch meine Playlist, bis ich das Richtige fand: Jekyll and Hyde von Five Finger Death Punch. Genau die Aggressivität, die ich jetzt brauchte. Als die ersten Takte erklangen, zog ich mich aus und schlüpfte unter die Dusche. Noch immer müde ließ ich das Wasser laufen, wartete darauf, dass es warm werden und meine Laune hob. Und ja - es half. Beim nächsten Lied summte ich bereits leise mit.
'Fuck it, fuck every single memory...'
Ich liebte Hollywood Undead einfach. Diese Wut, die zwischen den Zeilen vibrierte - sie sprach mir aus der Seele.

Als ich fertig war, griff ich nach meinem Handtuch. Wieder im Schlafzimmer angekommen, öffnete ich den Schrank. Fast alles darin war schwarz. War wohl ein unausgesprochenes Gesetz für einen Nachkommen Luzifers. Aber das passte. Schwarz war mehr als eine Farbe. Es war Schutz. Eine Art Panzer, der mich zum Schatten werden ließ. Meine Wahl fiel auf eine zerrissene, Jeans und ein Bandshirt. Beides schwarz, beides schlicht. Perfekt für diesen Tag.

Viel zu spät betrat ich die Küche. Egal. Hunger hatte ich ohnehin keinen.
"Ah, auch schon wach", trällerte mir Elena mit gespielten Enthusiasmus entgegen. Sie lehnte an der Theke, die Haare perfekt gestylt, das Make-up auf ihre feine ,weiße Bluse abgestimmt. Mit einem Augenrollen nahm ich mir eine Tasse Kaffee und ging hinüber zum Tisch. Dort saßen bereits Andy und Noah - die Zwillinge. Abkömmlinge niederrangiger Engel. Und Elena's persönliche Schatten.
"Sieht wohl so aus", grummelte ich.
"Da hat sich wohl jemand noch nicht ganz von dem Anschiss gestern erholt.", stichelte die Blonde mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen. Noah kicherte leise im Hintergrund, seine braunen Locken fielen ihn dabei ins Gesicht. Andy hingegen musterte mich nur schweigend . Sie hatte ihnen die Geschehnisse von gestern Nacht bestimmt schon brühwarm aufgetischt.
"Ich fand es unfair",entgegnete ich knapp, biss die Zähne aufeinander.
"Du hast einen Vampir getötet.", erwiderte Elena mit gespielter Empörung.
"Nichts was du nicht auch schon gemacht hättest." Ich stieß ein entnervtes Seufzen aus.
"Bei mir muss man aber keine Angst haben dass ich in einen Blutrausch verfalle."
"Ach aber bei mir schon? Ich bin genauso wie du, vergiss das nicht!"
Wut stieg in mir auf.
"Nein bist du nicht. Du bist Luzifers Tochter und somit eine Gefahr." 'Natürlich, wie immer das selbe. Und ich bin wieder das Monster... Zur Hölle mit meinem Vater. Auch, wenn er da schon längst ist.'
Etwas zu heftig stellte ich die Tasse auf den Tisch.
"Ob ich eine Gefahr bin oder nicht entscheide doch immer noch ich!" Meine Stimme überschlug sich beinahe.
"Ha, du bestimmst gar nichts! Du solltest froh sein, dass du überhaupt noch lebst!"
Das war zuviel. Diese Worte trafen mich wie ein Schlag. Wut und Hilflosigkeit wirbelten in mir hoch. Was, wenn sie Recht hatte? Was, wenn mein Blut mich eines Tages doch zum Monster machte?

Ich stand abrupt auf und verließ die Küche. Niemand sollte die Tränen bemerken, die in meinen Augen glitzerten.
Zurück in meinem Zimmer ließ ich mich aufgewühlt und überfordert gegen die Tür sinken. Die Tränen liefen mir jetzt unaufhaltsam über die Wange. Ich schluchzte. 'Warum kann ich nicht einfach normal sein', dachte ich wehmütig. Einen Moment ließ ich es zu - das Selbstmitleid, die Ohnmacht. Dann zwang ich mich dazu auf die Uhr zu sehen. Noch zehn Minuten bis zum Bus.
'Die Zeit für Nervenzusammenbrüche ist dann wohl vorbei...'
Seufzend richtete ich mich auf, ging ins Bad. Mein Spiegelbild begrüßte mich mit rotgeränderten Augen und verheultem Blick, welcher vom Neonlicht noch zusätzlich betont wurde. So konnte ich nicht unter die Leute. Beherzt griff ich zu meinen Schminksachen, kaschierte, was möglich war.
Wenig später sah ich zumindest so aus, als hätte ich mein Leben im Griff. Schwarzer Eyleliner umrandete meine Augen und brachten ihr grün perfekt zur Geltung. Die Maske saß.
Dann fiel mein Blick auf die kleine Nagelschere, in dem Regal.
'Wenn ich schon nicht selbst über mein Leben entscheiden durfte, dann doch wohl wenigstens über meine Frisur.'
Ohne groß darüber nachdenken, griff ich nach ihr und schnitt mir die vorderen Haarsträhnen ab. Eine nach der anderen landete im Waschbecken. Übrig blieb ein Pony, der schräg über mein rechtes Auge fiel. Kurz betrachtete ich das Ergebnis. Es sah anders aus, rebellisch. Und es war meine Entscheidung.
Zufrieden packte ich meine Sachen zusammen. 'Zwei Minuten noch.' Ich schnappte mir meine Tasche, steckte mir die Ohrstöpsel ins Ohr und drückte auf Play. Face Everything And Rise von Papa Roach hüllte mich ein, als ich die Haustür hinter mir zuzog. Bereit für einen neuen Schultag. Oder zumindest bereit ihn zu überleben.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt