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Vier Jahre waren seit diesem Tag vergangen. Vier Jahre voller Training, Zweifel und Gedanken. Vieles hatte sich verändert - und gleichzeitig nichts. Mein Training lief gut. Ich war stärker, präziser und schneller geworden. Ob Raziel das bemerkte? Ich wusste es nicht. Er hatte mich nie darauf angesprochen, meine Kräfte aber auch nicht wieder entsiegelt. Vertrauen? Fehlanzeige.

Natürlich bekam ich hin und wieder eine Strafe aufgebrummt, wenn ich zu spät kam. Aber das störte mich längst nicht mehr. Ich hatte gelernt ohne die Engel klarzukommen. Dafür waren die Vampire fast so etwas wie eine Familie geworden. Nicht alle akzeptierten mich, einige mieden mich oder sahen mich misstrauisch an - doch das war okay. Ich hatte meinen Platz gefunden.

Schwieriger war da schon die Sache mit Lucas.

Nach dem Kuss hatte ich ihn einen Monat lang gemieden. Kein Treffen, keine Nachrichten. Ich war zu überfordert. Es brauchte noch einmal zwei Monate und einen kräftigen Schubs von Lis um mich seinen Gefühlen gegenüber zu öffnen. Und es zeigte Wirkung. Wir hatten uns langsam angenähert - waren zusammenkommen.

Ich war glücklich. Wirklich. Bis es kippte.

Bei ihm fühlte ich mich sicher. Verstanden. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr begann er mich in Beschlag zu nehmen. Nach dem Schulabschluss hatten wir die selben Collegekurse belegt, zum Training ging ich nur noch, mein Training passte ich an seine Termine an. Und zu den Vampiren? Ging ich nur noch selten. Lucas wollte nicht mitkommen. Er hatte Angst vor Ärger. Angst vor ihnen. Er mochte sie nicht. Lissandra bildete da keine Ausnahme, auch wenn er sich hin und wieder dazu überreden ließ sich mit ihr in der Güterhalle zu treffen.

Mit der Zeit wurde mir klar, wie sehr mich das alles einengte. Ich begann mir meine Freiräume zurückzuholen. Traf Lis wieder häufiger. Ging zu den Vampiren. Nahm mir Zeit nur für mich.

Seitdem stritten wir häufiger.

Aber Schluss machen? Nein. Ich konnte es nicht. Wir waren uns so nah. Ich brauchte ihn.

Doch an diesem Abend konnte ich all das beiseiteschieben. Denn Lissandra und ich waren auf der Jagd.

Ein fremder Clan - berüchtigt für seine Unberechenbarkeit- war in unser Gebiet eingedrungen - und das in den letzten Wochen immer häufiger. Marcus hatte uns aufgetragen diesmal ein Zeichen zu setzen. Keine Gnade.

"Bist du dir sicher dass sie hier sind?", flüsterte ich, während wir uns durch die Dunkelheit bewegten.

"Hier wurden sie zuletzt gesehen. Und ich glaube, ich habe gerade etwas gehört", antwortete Lis genauso leise.

Ich nickte und hockte mich auf den Asphalt. Mit einem Stück Kreide zeichnete ich eine Rune auf den Boden. Dann stach ich mir in den Finger und ließ das Blut auf sie tropfen. Leitete Energie hinein.

"Monstra in vampire.", flüsterte ich.

Die Rune leuchtete auf, und mehrere Spuren wurden sichtbar - nur für mich und durch einen vorbereiteten Zauber auch für Lis. Eine Spur führte zu ihr, logisch. Die Anderen führten in Richtung eines heruntergekommenen Hauses.

"Gut gemacht", lobte Lis. Ich musste grinsen. Ein Lob von ihr war selten - aber dieser Zauber war anspruchsvoll. Ein falscher Strich und er funktionierte nicht.

Doch Lissandra setzte sich bereits in Bewegung. Ich folgte ihr.

"Denk dran was ich dir beigebracht habe. Die hier werden dich nicht schonen."

Dann trat sie die Tür ein.

Zwei erschrocken Gesichter wandten sich uns zu. Zwei junge Männer - zumindest sahen sie so aus. Der eine trug kurzes, schwarzes Haar, war durchtrainiert und circa 1,80 groß. Eine auffällige Narbe zog sich quer über sein Gesicht. Sein Begleiter war etwas kleiner mit braunen Haaren und einen hasserfüllten Blick.

"Oh sorry habe ich vergessen zu klopfen?", grinste Lis. Für die war das ein Spiel.

Nicht für unsere Gegner. Blitzschnell kamen sie auf uns zu. Der Schwarzhaarige stürmte auf meine Mentorin zu - sie wich mühelos aus und landete hinter ihm. Ich hingegen hatte Glück, dass ich mich im letzten Moment ducken konnte: Der Braune hatte nach mir geschlagen und dabei den Türrahmen zerschmettert. Splitter flogen mir in den Rücken. Gleichzeitig wehte mir von dem Vampir ein metallisch stechender Geruch entgegen. Es roch nach Blut gemischt mit Whisky.

Ich ließ mir nichts anmerken. Stattdessen sprang ich vor und verpasste ihm einen Schlag zwischen die Beine. Er krümmte sich. Genau lang genug um mich in Position zu bringen.

Ich zog meinen Dolch. Der nächste Angriff kam sofort. Härter. Wütender. Ich wich aus, stach zu - doch verfehlte ihn.

"Was soll das überhaupt?", knurrte er. "Wir gehören doch ohnehin bald alle zusammen."

Was?

Ich hatte keine Zeit nachzudenken. Ein Fausthieb trat mich in die Seite, riss mich zu Boden. Noch ehe ich reagieren konnte, krachte ein weiterer Schlag gegen meinen Kopf. Für einen Moment war alles Schwarz.

'Nicht aufgeben! Reiß dich zusammen!'

Ich kam taumelnd auf die Füße, gerade noch rechtzeitig um einen Tritt abzuwehren. Er zielte genau zwischen meine Beine. Doch meine verstärkte Hose hielt stand. Schmerz durchzuckte mich, aber ich blieb stehen.

Mein Gegner war überrascht.

Ich nutzte die Sekunde, legte ihm die Hand auf die Brust.

"Chikara o tokihanatsu", rief ich.

Das Schriftzeichen auf meiner Hand- 死 ,Tod - begann zu leuchten. Ich hatte es zuvor eingeritzt und vorbereitet, mit lila Kerzen, einem Spruch 'Teki o korosu chikara o kudasai'.

'Bitte gib mir die Macht den Feind zu töten.'

Der Vampir vor mir schrie auf, dann zerfiel er zu Staub.

Keuchend blickte ich zu Lis. Das Blut rauschte durch meine Ohren, Adrenalin pumpte durch meinen Körper.

Sie stand ruhig da, ein Splitter des Türstocks in der Hand - der zweite Gegner tot zu ihren Füßen.

"Verstehst du was er meinte", fragte ich.

Die Vampirin runzelte die Stirn, blickte gedankenverloren ins Nichts.

"Nein. Aber ich denke es braut sich etwas zusammen."

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt