-52-

16 3 0
                                        

Ich dachte, Mary einen Schubs in Richtung Lucien zu verpassen wäre eine gute Idee. Tja, war es nicht. Zumindest für mich nicht.

Es tat weh. Mehr, als ich mir eingestehen wollte. Aber es gab kein Zurück. Ich musste da jetzt durch. Warten, bis es nachließ.

Vielleicht würde es irgendwann egal werden. Und vielleicht würden dann auch meine Schuldgefühle gegenüber Lucas leiser werden.

Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg. Also beschloss ich,mit kleinen Schritten anzufangen. Wie aufzuhören, mich zu verkriechen.

Ich ging also in den Gemeinschaftsraum. Freiwillig. Ohne das Zutun von Lis. Und ich bereute es sofort.

Auf der Couch saß Lucien. Und auf seinem Schoß natürlich Mary. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie kicherte.

Noch in der Bewegung stockte ich. Mein Kiefer presste sich fest aufeinander, während mein Blick starr auf die beiden gerichtet blieb.
'Da musst du durch', schoss es mir durch den Kopf.

Ich zwang mich wegzusehen. Durchzuatmen.

Plötzlich wurde ich von hinten umarmt.
"Du hier?", hörte ich Lucas' Stimme dicht an meinem Ohr. Ich wandte mich um und sah ihm direkt in die Augen.

"Ähm ja. Mir war langweilig", antwortete ich hastig.

"Langweilig? Dir?" Er zog eine Augenbraue hoch und musterte mich.

Anstatt mich weiter zu erklären küsste ich ihn einfach. Etwas zu hektisch. Zu fest. Doch er zog mich nur näher an sich und erwiderte den Kuss.

Als ich mich von ihm löste, lag ein breites Grinsen auf seinem Gesicht.
"Schön, dass es dir wieder besser geht."

Seine Skepsis schien vergessen. Zum Glück.

Wie automatisch zog es meinen Blick zurück zu Lucien. Er sah mich an. Ausdruckslos. Dann widmete er sich wieder Mary zu. Mein Herz krampfte sich zusammen.

"Sam! Schön, dich zu sehen." Lis stand plötzlich neben uns. Ich zuckte zusammen. Gott, wann war ich so schreckhaft geworden?

Sie lächelte mir zu.
"Ich kann ja nicht ewig in meinem Zimmer bleiben", murmelte ich.

Lis nickte.
"Stimmt. Und heute Nacht kommst du mit raus."

Mir stockte der Atem. Wollte ich das wirklich? Es war besser, als wieder mit Mary hierzubleiben. Trotzdem wusste ich nicht, ob ich die Kraft dazu hatte, heute Nacht auf die Straße zu gehen. Ob ich überhaupt von Nutzen war.

Lucas hatte seine Entscheidung offenbar bereits getroffen. Er trat einen Schritt vor und stellte sich vor mich.
"Spinnst du? Sie kann noch nicht raus. Das ist zu früh", knurrte er Lis an.

Was sollte das? Ein unangenehmer Druck zog sich in meiner Magengegend zusammen. Ich konnte doch wohl für mich selbst reden.

"Sagt wer?" Die Vampirin verzog spöttisch den Mund. "Du?"

Ich versuchte, an Lucas vorbeizukommen, doch er drängte mich wieder nach hinten.
"Wer sonst? Außer mir scheint sich ja niemand darum zu kümmern, wie es ihr geht." Seine Stimme war kalt, jeder  Muskel angespannt.

"Es reicht!", platzte es aus mir heraus. 

Um mich herum wurde es still. Lis und Lucas sahen mich entgeistert an, als hätten sie vergessen, dass ich auch noch da war.

"Keiner von euch beiden hat zu bestimmen, was ich heute mache. Verstanden?"
Ich atmete schwer. Hitze wallte in mir hoch.

Keiner antwortete. Sie standen nur da und starrten betreten auf den Boden.

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt