Mit halbleerem Kaffeebecher und einem kleinen Frühstück in der Hand erreichte ich wenig später das Quartier der Vampire. Zielstrebig betrat ich das Haus, nur um sofort festzustellen dass ich bereits erwartet wurde. Im Schatten einer Wand stand eine große, schlanke Gestalt. Erst als ich näher kam erkannte ich sie: Lissandra. Ihre Augen blitzten, als sie mich entdeckte.
"Ich wusste doch, dass du kommen würdest.",begrüßte sie mich mit einem leichten Lächeln.
"Ich hätte auch mit einer Armee zurückkommen können", brummte ich etwas gereizt.
"Nope, dafür war das Angebot viel zu verlockend", grinste sie und hob eine Augenbraue. Punkt für sie. Das Angebot war wirklich einmalig. So einmalig, dass ich nicht ablehnen konnte.
Bevor ich reagieren konnte, nahm sie mir meine Sachen ab.
"Komm mit!" Sie bedeutete mir mit einer Bewegung mitzukommen und verschwand ins Innere des Gebäudes.
Ich folgte ihr durch den Vampirkeller. Die Vampire, an denen wir vorbeikamen, musterten mich neugierig. Er, der Anführer, war aber glücklicherweise nicht unter ihnen. Der Gedanke an ihn löste immernoch Unbehagen in mir aus. Gerade als ich begann mich zu Fragen, wo sie mich hinführte, blieben wir vor einer schlichten Holztür stehen. Sie wirkte fast wie der Eingang zur Besenkammer, im Vergleich zu den anderen prunkvollen Türen hier. Aber die würde sie mir ja nicht zeigen oder? Wobei, bei Vampiren würde mich eigentlich nichts wundern.
Mit einem Ruck machte Lissandra die Tür auf und offenbarte mir einen riesigen Trainingsraum. Unserer war dagegen ein schlechter Scherz, ein richtig schlechter. Auf der linken Seite hingen einige Boxsäcke, natürlich extra verstärkt, sodass sie auch einen Vampir standhalten konnten. An den Wänden hingen Ziele und an verschiedenen Stellen standen Dummies. Direkt mir gegenüber waren mehrere Hantelbänke aufgebaut mit Gewichten, die sich ein Mensch in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen konnte. Und rechts? Eine riesige freie Fläche, auf die die Vampirin direkt zugesteuert war.
"Kommst du?", fragte sie ungeduldig, während sie mit schnellen Schritten weiterging.
"Ähm.. bekomme ich zumindest mein Essen wieder?",stammelte ich, ihr hinterherlaufend.
"Vergiss es! Das musst du dir verdienen.", lachte sie leise, legte meine Sachen in eine Ecke und machte Musik an.
Die Klänge von 'Going to Hell' von The Pretty Reckless hallten durch den Raum. Ich blinzelte überrascht. "The Pretty Reckless hm?", fragte ich und sah sie ungläubig an. Eher hätte ich mit Mozart oder sowas gerechnet. Immerhin war sie mit Sicherheit mehrere hundert Jahre alt.
"Ich find die heiß. Und außerdem muss ich doch auch zumindest halbwegs mit der Zeit gehen", grinste sie und bewegte die Hüften zum Takt.
'Geschmack hat sie.", dachte ich still vor mich hin.
"Und was soll ich jetzt machen?", frage ich etwas unsicher.
"Na was wohl? Versuch mich zu schlagen!", rief sie und stimmte in den nächsten Refrain ein:"For the lives that I fake, I'm going to hell!
For the vows that I break, I'm going to hell!"
Ich seufzte leise, lockerte meine Schultern. Eigentlich hätte ich ihr viel lieber noch eine Weile zugesehen. Mit ihrer schönen Stimme und den fließenden Bewegungen, hatte sie fast schon etwas elfengleiches.
Außerdem wie sollte ich sie treffen? Ich war zwar schneller als ein normaler Mensch aber von einem Vampir doch sehr weit entfernt. Somit hatte ich realistisch betrachtet nicht den Hauch einer Chance. Aber gut sie wollte es so. Also zog ich meine Jacke aus und nahm meine Kampfhaltung ein.
Bis zum Ende des Lieds, nahm ich mir die Zeit sie genau zu beobachten. Doch was sie tat, hatte weder Muster noch Technik.
'Verdammt!'
Als dann das nächste Lied begann, setzte an einen rechten Hook zu landen. Doch Lissandra duckte sich unter meinem Arm hinweg, als sei es das selbstverständlichste der Welt.
"Take me I'm alive...", sang sie locker, während ich versuchte, sie mit einem Frontkick zu treffen. Doch sie drehte sich einfach weg. Ich hatte jedoch damit gerechnet. Also schlug ich direkt nach ihr. Die Vampirfrau fing ihn allerdings ab und schlug ihn weg. Sofort setzte ich mit einigen Schlägen nach, denen sie natürlich mit Leichtigkeit auswich. Langsam ging ich einige Schritte zurück. Das Problem war nicht nur ihre Geschwindigkeit. Nein sie war mir haushoch überlegen.
Wut stieg in mir auf. Wie sollte ich in dieser Welt jemals mithalten können, wenn ich mit jedem Schritt versagte, ständig an meine Grenzen stieß?
Ich stürmte auf sie zu, schlug wild um mich. Jeder Angriff ein verzweifelter Versuch doch noch einen Treffer zu landen. Doch sie wich allen aus, als wäre ich ein Kind, das versucht gegen einen Riesen zu kämpfen.
Die Wut brannte in mir, verzehrte mich.
'Warum kann ich sie nicht einfach treffen verdammt nochmal?!', schrie ich innerlich.
Meine Sicht verschwamm vor Wuttränen. Und plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde ich mit voller Wucht gegen die Wand gedrückt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich in das kalte, ausdruckslose Gesicht der Vampirin. Mein Atem stockte.
"Du lässt dich zu schnell provozieren.", sagte sie ruhig und ließ mich los. Ihr Tonfall war wie Stahl kalt und präzise.
"Wenn du mit zu viel Wut kämpfst wirst du gegen einem Vampir nicht lange bestehen." Sie trat einen Schritt zurück und musterte mich mit einer Mischung aus Faszination und Schadenfreude.
"Anders treffe ich dich ja auch nicht", murmelte ich immernoch wütend. Etwas in mir bereute es mich für die Vampire entschieden zu haben. Aber gleichzeitig fühlte ich mich in diesem Moment so lebendig, wie schon lange nicht mehr.
"Ja weil du laut Lehrbuch gekämpft hast. Alles technisch sauber, jeder Angriff genau durchgetaktet. Wenn du gegen einen Vampir kämpst sind deine Angriffe vorhersehbar. Du musst lernen deine Emotionen zu kontrollieren und undurchschaubar zu werden. Es gibt kein "richtiges" Rezept. Du musst einfach fühlen, was du tust."
"Ok dann lass es uns nochmal versuchen", knurrte ich, bereit für einen neuen Versuch. Dabei sprang ich ungeduldig von einem Bein auf das andere.
"Nein", sagte sie ruhig und schüttelte den Kopf. "Jetzt isst du erstmal und danach lernst du mal Ausweichen. Ich wollte nur wissen welche Art Kämpfer in dir steckt."
Ich starrte sie an, immernoch irritiert von ihrer Methode.
"Ok Lissandra", murmelte ich.
"Bitte nenn mich nicht so", stöhnte sie. "Ich mag den Namen nicht. Nenn mich einfach Lis."
Mit einem Lächeln, reichte sie mir mein Frühstück.
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Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasyDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
