'Vielleicht bist du ja wirklich, wie dein Vater', hallte es in meinem Kopf nach.
Meine Augen brannten, meine Hände zitterten. Er war wütend - zurecht. Trotzdem hatten mich diese Worte getroffen.
Langsam schlich ich durch die Gänge des Verstecks, darauf bedacht, niemandem zu begegnen. Ich wollte alleine sein. Durchatmen.
Tränen verschleierten meine Sicht und liefen mir heiß über die Wangen. Hastig wischte ich sie fort.
Die Bretter knarzten leise unter meinen Füßen, als ich die alten Hotelräume oberhalb des Quartiers betrat. Staub kitzelte in meiner Nase, der Geruch abgestandener Zeiten hing in der Luft. Das einzige Licht kam vom fahlen Schein der Staßenlaternen, der durch die zerbrochenen Fenster fiel und die Möbel in lange Schatten tauchte.
Vor einem Zimmer blieb ich stehen und betrachtete die Silhouetten der Einrichtung. Selbst im Halbdunkel sah man, dass sie einmal teuer gewesen war.
'Vielleicht schlafe ich heute einfach hier ...'
Beim Gedanken , auf dem morschen Bett mit dem mottenzerfressenen Laken zu liegen und am Ende vielleicht durch den Lattenrost zu brechen, entlockte mir fast ein Schmunzeln.
Schließlich erreichte ich die schmale Treppe zum Dach. Sie war steil und wirkte, als wäre sie früher nur vom Personal genutz worden. Vor der Tür hielt ich inne.
'Musik?'
Tatsächlich - leise drang eine Melodie durch das Holz. Jemand spielte Gitarre.
Eigentlich wollte ich allein sein. Doch es konnte nur eine Person sein, die mitten in der Nacht hier oben spielte. Und ehrlich gesagt konnte ich mir heute Schlimmeres vorstellen als seine Gesellschaft. Außerdem wollte ich mich noch bedanken.
'Dann kannst du wieder mit ihm flirten ...' , schoss es mir durch den Kopf. Ich schüttelte den Gedanken ab. Das war kein Flirten. Ich war einfach nur nett. Egal, was Lucas dachte.
Zögernd öffnete ich die Tür.
Lucien saß auf der gegenüberliegenden Seite des Daches, den Rücken an die niedrige Mauer gelehnt, die die Fläche umrandete. Die Gitarre lag locker auf seinem Schoß, sein Blick war auf die Saiten gerichtet. Die Melodie, die er spielte, war schlicht, aber voller Gefühl und hallte über die Dächer der Stadt.
Für einen Moment lauschte ich nur, trat dann näher.
Als er mich bemerkte, verstummte er und hob den Kopf.
"Ähm ... ich wollte mich noch bedanken. Für vorhin", stotterte ich.
"Gern geschehen - auch wenn es nicht ganz uneigennützig war." Sein typisches schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht, während er mich musterte. "Aber das ist nicht der Grund, warum du hier bist."
"Wie meinst du das?", fragte ich irritiert.
"Man sieht, dass du geweint hast."
Sofort wandte ich den Blick ab und wischte mir übers Gesicht.
'Verdammt'
"Setz dich. Willst du drüber reden?"
Er legte die Gitarre beiseite und klopfte auf den Platz neben sich. Ich schüttelte den Kopf, setzte mich dann aber doch.
Eine Weile saßen wir schweigend da. Ich starrte in den sternenklaren Himmel. Mit ihm über mein Beziehungschaos zu reden, war das Letzte, was ich heute vorgehabt hatte. Aber ich wusste auch nicht, was ich sonst sagen sollte. Nervös spielte ich mit dem Saum meines zerknitterten Kleides.
DU LIEST GERADE
Nephilim - Verfluchte Herkunft
FantasiDie Aufgabe der Halbengel ist es schon seit Ewigkeiten die Welt vor Monstern zu schützen. Doch was wenn dein Vater ausgerechnet Luzifer ist? - Genau das ist Samanthas Realität. Oder viel mehr ihr Fluch. Von den Engeln wurde sie versiegelt, von den H...
