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Jeder Atemzug versetzte mir einen Stich in die Rippen, mein Arm pochte. Nicht mehr nur wegen der Rune - auch Andys Krallen hatten ihre Spuren hinterlassen. Jacke und Oberteil waren zerrissen, darunter sickerte warm mein Blut hervor.


Am liebsten hätte ich mich irgendwo hingesetzt und gewartet, bis alles vorbei war. Doch das ging nicht. Ich konnte nicht hier bleiben. Schon gar nicht allein. Ich musste Lis finden. Oder zumindest jemanden, den ich vertrauen konnte.

Dennoch lehnte ich mich an die Wand, schloss kurz die Augen. Nur einen Moment durchatmen.

Sirenen hallten durch die Nacht. In der Ferne Schüsse, Geschrei - dann wieder Stille. Offenbar war mittlerweile auch die Polizei involviert.

'Na großartig ... Noch mehr Chaos ...'

Ich atmete noch einmal tief durch, verzog das Gesicht und zwang mich weiterzugehen.

Die nächste Seitenstraße wirkte leer - zumindest fast. Auf dem Boden lagen zwei Gestalten. Als ich näher kam, stockte mir der Atem.

Der Körper, der näher bei mir lag, gehörte einem Mann. Vielleicht um die dreißig, eindeutig menschlich - und eindeutig tot. Seine Haut war aschfahl und eingefallen. Am Hals die Bissspuren, darunter ein getrocknetes Rinnsal Blut.

Sein Gesicht war zu einer Fratze des Schreckens erstarrt. Die Augen weit aufgerissen, der Mund zu einem stummen Schrei verzogen.

Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle. Ein Mensch - völlig unschuldig, hatte nichts mit unserer Welt zu tun. Und trotzdem war er tot.

Ob er wohl Familie hatte? Menschen, die auf ihn warteten? Würden sie je erfahren, dass er hier gestorben war? Oder würde in ein paar Tagen ein Dämon mit seiner Gestalt herumlaufen, während niemand merkte, dass er fehlte?

Schwerfällig kniete ich mich neben ihn, legte zwei Finger über seine Augen und schloss sie. Friedlich wirkte er nicht, aber ich hatte das Bedürfnis, ihm wenigstens diese Ehre zu erweisen.

Es dauerte, bis ich mich wieder hochgerappelt hatte. Mit der Hand an der schmerzenden Seite fluchte ich innerlich. Wie einfach war es früher gewesen, als eine Engelsrune noch jede Wunde heilen konnte. Jetzt war sie nur noch ein blasses Relikt auf meiner Haut. Und in der allgemeinen Runenmagie gab es keine einzige für Heilung.

Sollte ich diese Nacht überleben, musste ich Lucas unbedingt dazu bringen, mir endlich Heilzauber beizubringen. Falls er jemals wieder mit mir redete.

Mein Blick fiel auf den zweiten Leichnam, nur ein paar Schritte entfernt. Zusammengekrümmt lag er auf der Seite, die Hände zu Fäusten geballt, verfilzte Haare verdeckten sein Gesicht.

Vorsichtig - als könnte er jeden Moment aufspringen - stieß ich ihn mit dem Fuß an der Schulter an. Der Körper rollte auf den Rücken. Sein Mund klappte auf, entblößte spitze Reißzähne, an denen noch Blut klebte. Alles an ihm schrie danach, dass er erst vor kurzem verwandelt worden war.

Sein T-Shirt war blutdruchtränkt und zerrissen. An der Stelle, wo sein Herz hätte sein sollen, klaffte ein riesiges Loch.

Mir blieb die Luft weg. Offenbar hatte er für seine Taten sofort gebüßt - grausam, ohne dass er vermutlich überhaupt verstanden hatte, was er geworden war.

Ein neuer Schuss riss mich aus meinen Gedanken. Diesmal war er nah. Verdammt! Ich hatte ganz vergessen, dass ich in Bewegung bleiben musste.

Mit verkrampfter Hand um den Dolch legte ich einen schnelleren Schritt ein. Ich bog um die nächste Ecke - leer.

Gerade wollte ich erleichtert aufatmen, da hörte ich ein Zischen, dann ein gurgelndes Geräusch.

'Was war das?'

Nephilim - Verfluchte HerkunftWo Geschichten leben. Entdecke jetzt