"Eomma! Eomma!", ruft eine sanfte Stimme und da sehe ich auch schon den kleinen Jungen auf mich zu rennen, der schließlich in meine Arme springt. Ich lache warm. "Wie war die Schule, mein Sohn?", begrüße ich ihn und streichel ihm durch die schwarzen Haare.
"Ich hab wieder eine eins in Mathe, Eomma!", erzählt er stolz, stämmt die Arme in die Hüften, drückt die Brust raus und präsentiert sich voller Stolz. "Das ist super, Großer! Aber überanstrenge dich bitte nicht, ja? Lernen ist nicht alles im Leben."
Er nickt lächelnd. "Natürlich Eomma. Aber heute besuchen wir doch Appa, stimmts?", fragt er, dabei leuchten seine Augen wie ein Sternenhimmel. Ich nicke lächelnd, spüre dabei die Traurigkeit aufsteigen. Taes Tod ist nun schon zehn Jahre her.
So schnell verging die Zeit. Myeong wurde immer größer, zu Beginn merkte ich das gar nicht und jetzt? Jetzt geht der Große schon zur Schule und ist sogar Jahrgangsbester. Er lernt und lernt und lernt. Als ich ihn fragte, wieso er so viel Zeit in die Schule investiert, meinte er stolz, dass er so eine starke Person wie sein Vater werden möchte.
Zwar kennt er seinen Appa nicht, aber trotzdem ist Myeong so stolz auf seinen Appa. Er hat einen Toten als Vorbild. Am Anfang war ich echt dagegen, weil ich eigentlich nichts mehr von der Vergangenheit wissen wollte, aber ich merkte sehr schnell wie sehr das meinen Sohn aufbaute.
Ich nehme seine zierliche Hand in meine und laufen nach Hause. Wir wohnen noch immer in der kleinen Wohnung, obwohl ich eigentlich zuerst ausziehen wollte, aber ich konnte mit dem ganzen hier nicht abschließen. Es fühlte sich jedes Mal so an, wenn ich nach einer Wohnung suchte, dass ich Taehyung im Stich lassen würde.
Die Zeit nach der Beerdigung war verdammt hart. Ich ließ alles stehen und liegen. Nur um Myeong und unseren Hund Yeontan kümmerte ich mich zuverlässig. Aber um mich, um mein Wohlbefinden, um die Wohnung, dass alles regelmäßig bezahlt wird, um die Sauberkeit und besonders um meine Freunde konnte ich mich nicht sorgen.
Nach der Beerdigung meldete ich mich nie wieder bei irgendjemanden. Ich habe den Kontakt zu Jin, Namjoon, Jimin, Yoongi und Hoseok vollständig abgebrochen. Am Anfang standen sie vor meiner Haustür, riefen mich ständig an oder versuchten über Textnachrichten an mich ranzukommen, aber ich ignorierte sie standhaft, bis sie aufhörten sich zu melden.
Damals fiel ich in ein verdammt tiefes Loch. Selbsthass, Suizid, Trauer und Depressionen bestimmten damals meinen Alltag. Aber mein eigener Sohn schaffte es mit seiner puren Lebensfreude mich aus dieser Finsternis herauszuholen.
Ich bin zwar noch immer nicht über den Tod meines Ehemannes hinweg, aber ich war soweit, dass ich Myeongs Fragen bezüglich seines Vaters offen beantworten konnte, ohne in Tränen auszubrechen.
Ich trage sogar noch immer den Ehering, nicht einmal habe ich ihn in all der Zeit ausgezogen. Ich würde das auch heute nicht übers Herz bringen. In der Liebe läuft auch seit dem nichts mehr. Ich habe nicht einen einzigen Mann an mich herangelassen, obwohl ich regelmäßig Liebesgeständnisse bekomme.
Aber ich blocke jeden ab. Ich habe mir geschworen, dass Taehyung mein erster und einziger ist, den ich jemals lieben würde. Viele betiteln mich deshalb als krank - ich bräuchte Hilfe, sagen viele, aber ich höre nicht darauf.
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Myeong kann es kaum abwarten endlich seinen Appa "wiederzusehen". Der kleine Junge besucht ihn unheimlich gerne auf dem Friedhof. Überhaupt ist er gerne auf dem Friedhof unterwegs, weil er die vielen bunten Blumen auf den Gräbern so schön findet. Ich finde das nicht so toll. In seinem Alter sollte man eigentlich noch nicht mal an den Tod denken..
Aber mein Sohn ist in vielen Bereichen schon um einiges erwachsener als seine Kameraden.
Heute ist Taes zehnter Todestag. Unglaublich wie lange das nun her ist.. Mein Sohn wurde auch erst vor wenigen Tagen zehn Jahre alt, doch fühlt sich alles so unwirklich an. Ich weiß noch genau, damals wusste ich nicht, wie ich den nächsten Tag überstehen sollte, jetzt stehe ich alleinerziehend mit beiden Beinen im Leben. Vielleicht noch etwas wackelig aber es reicht aus, um gut leben zu können.
"Hallo Appa~ Eomma und ich besuchen dich endlich wieder. Wir kommen ja nicht so häufig her..", mein Sohn schaut trüb auf das Bild, das an dem Grabstein befestigt wurde. "Aber es ist okay! Denn ich weiß, dass du immer in unserer Nähe bist und uns beschützt. Du weißt bestimmt, dass ich erst Geburtstag hatte. Eomma hat mir eine riiiiiesige Torte gebacken und sie war sooo lecker. Schade, dass du sie nicht probieren konntest, aber trotzdem war ich glücklich, denn ich hab deine Anwesenheit genau gespürt. Du bist immer bei uns, ich weiß es, Appa!", während er spricht, ziert durchgehend ein Lächeln seine Lippen.
Seine Worte versetzen mir ein Stich ins Herz. Er ist oft traurig, dass wir nicht sehr häufig hier her kommen, denn ich schaffe es bis heute nicht, regelmäßig vor dem Urnengrab aufzutauchen. Er tut immernoch so weh wie an jenem Tag.
"Jungkook? Bist du es?" Verwundert drehe ich mich um und erkenne tatsächlich meine ehemaligen Freunde. "Hyungs..", hauche ich schockiert. "Du bist es tatsächlich? Omg Kookie, du weißt nicht wie wir dich vermisst haben!" Sofort schäme ich mich und fühle mich schuldig. Ich hatte sie, ohne ein Wort mit ihnen zu wechseln, aus meinem Leben verbannt.
"Eomma? Wer sind diese Menschen?", fragt Myeong skeptisch und drückt sich an mein Bein. So lebensfroh er doch ist, so schwer vertraut er Fremden. "Saengmyeong? Wow, du bist ja riesig geworden!" Jin kniet sich zu ihm runter und lächelt ihn warm an. Nun ist mein Sohn völlig verängstigt und versteckt sich komplett hinter mir.
"Du kannst ihnen vertrauen, mein Sohn. Das sind alte Freunde von deinem Appa und mir." Das scheint ihn zu reichen, denn er reicht Jin seine Hand und lächelt schüchtern. "Awww, immernoch so süß wie als Baby~"
Ich beobachte das Wiedersehen nur mit einem leichten Lächeln. Ich habe sie zehn Jahre nicht mehr gesehen, aber verändert haben sie sich nicht. "Wieso hast du dich nicht mehr gemeldet, Jungkook?", fragt Namjoon geradeaus. Mir war immer klar, dass ich irgendwann diese Frage beantworten muss.
"Damals wollte ich einfach nur noch für mich sein, Namjoon.. Ich litt so unter Taes Tod, dass ich die Kraft nicht mehr dazu hatte, eine Freundschaft aufrecht zu halten. Ich bin froh, dass Myeong so ein lieber Junge geworden ist. Es tut mir leid, euch enttäuscht zu haben. Bitte verzeiht mir.."
Kurz tretet eine Stille ein, doch dann spüre ich wie am Tag der Beerdigung die starken Arme meiner Hyungs um mich. "Ist schon okay, Kleiner. Wir sind froh, dass es dir gut geht." Traurig lächelnd schmiege ich mich an ihnen und lasse die Tränen stumm laufen.
"Wir sind oft hier und besuchen Taehyung. Wir vermissen ihn alle schrecklich, aber wir sind auch fest davon überzeugt, dass es ihm gut geht und er über uns alle wacht. Besonders über euch, Jungkook.", spricht Jimin sanft und lächelt mich warm an.
"Danke, Hyung.. Es war wirklich ein Fehler, mich von euch abzuwenden. Das wird sich nun ändern. Tae lebt weiter in unserem Herzen und in unseren Erinnerungen. Lebe wohl, mein Schatz.."
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Wow, was ein Gefühl, dass diese Geschichte nun beendet ist. Ehrlich ist es mir bis Kapitel 49 total leicht gefallen diese zu schreiben, aber ab 49 war das echt schlimm für mich.
Ich möchte nicht großartig viel zu der Story sagen.
Zuerst möchte ich mich aber bei jedem von euch bedanken, dass ihr diese Story so aufmerksam gelesen habt. Ich finde diese Geschichte ist keine, die man so als Zeitvertreib ließt, es ist viel mehr.
Ich hab hier so viel Herzblut hereingesteckt, sogar mit den Charakteren mitgeweint. Ganz am Anfang fiel die Frage, wie ich auf so eine Story komme. Naja, es hat mehrere Gründe. Zum einen wollte ich Leute, die das oder ähnlich erlebt haben das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind. Oft fühlt man sich in so einer Situation verloren, nicht verstanden, das soll diese Geschichte verhindern.
Dann zum anderen soll die Geschichte auch für Leute sein, die sowas noch nie erlebt haben, aber sollte der Moment mal kommen, dann erinnert ihr euch vielleicht an die Story und wisst ungefähr, wie ihr mit der Situation umgehen könnt. Aber auch, wenn Freunde von euch das erleben, seid für sie da und stößt sie bitte nicht von sich, nur weil das ein hartes Thema ist und der Tod sowas wie ein Tabuthema ist. Aber so macht ihr es der betroffenen Person nur noch schwerer.
Danke an jeden einzelnen fürs lesen. Ich hoffe ihr und eure Familie/Freunde bleiben gesund.
Tschüss meine Lieben. (Aber das ist kein Abschied für immer, denn vielleicht sehen wir uns bei meiner neuen Story "Pregnant from a One-Night-Stand" wieder. Würde mich riesig freuen. ♡)
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𝐈𝐍 𝐓𝐇𝐄 𝐄𝐍𝐃 • ᵗᵃᵉᵏᵒᵒᵏ
FanfictionEine schwierige Zeit bricht in dem Haus des Paars ein. Taehyung geht es über Wochen hinweg schlechter, verliert Appetit und Ausdauer. Er und sein Mann Jungkook gehen zum Arzt, um ihn untersuchen zu lassen und dann die Diagnose. Kim Taehyung leidet...
