Die dunkle Straße.
Ein Name, den man kannte – den jeder kannte. Selbst in den umliegenden Städten genoss dieser Ort Ruhm. Anzugspunkt für Pilger, war dies gleichzeitig auch der Platz, vor dem Kinder sich am meisten fürchteten. Dabei machte diese Straße ihrem Namen keine Ehre.
Dieser Weg war alles andere als finster. Hier gab es nahezu keine Schatten, keine Dunkelheit. In keiner Ecke. Überall leuchtete es. Jedes Schild war selbst am Tage angestrahlt, die Metalldrähte reflektierten die Sonne und das Licht wurde künstlerisch einfach von Spiegeln eingefangen.
Hier reihten sich unzählige Geschäfte eng aneinander. Auf den Raum gedrängt, lagen hier mehrere Schmiede, Glasbläsereien, Spielwarengeschäfte, Schneidereien dicht auf dicht. Und überall buhlten Händler um die Aufmerksamkeit ihrer Kunden.
Die dunkle Straße – Was eine Lüge.
Angeblich sei sie nicht grundlos immer erhellt. Sobald sie ihrem Namen gerecht wurde – wirklich alles Licht ausging und Dunkelheit die Häuser unter sich verbergen würden – sollen Monster über die Stadt herfallen. Daher schützte man die Gassen in der Umgebung von der Nacht.
Genau das war der Grund, dass hier mehr Laternen standen, als in den meisten anderen Gebieten von Brus. Man fürchtete sich vor dem, was man nicht sah.
Und nach all dem, was Scarlett über den angeblich eintretenden Untergang der Stadt gehört hatte, verstand sie die Vorsichtsmaßnahmen. Es war nicht wert, dieses Risiko einzugehen. Nichts war dies wert.
Scarlett sah sich nur halbherzig um, suchte die Gesichter nach bekannte Zügen ab, kniff jedes Mal die Lippen aufeinander, wenn ihr Blick auf einen der Cruoren traf, die sich versammelten , um scheinbar Untersuchungen an den Läden durchzuführen.
Auch sie hatte kein Interesse an einem schlichten Einkauf. Viel relevanter war das Gebäude, dessen beige Fassade bereits am Ende zu sehen war.
Die Grenze, wie man den Ort nannte. Die wahrlich heiße Grenze, zwischen Untergang und Aufrechterhaltung des normalen alltäglichen Lebens.
Ein unauffälliger Begriff für ein solch bedeutendes Institut, in dem Scarlett selbst lange genug gearbeitet hatte. Ihre Kontakte reichten in den Bauch des Gebäudes hinein: ob von der Elektronik, über die Wissenschaftler bis hin zu den Gärtnern der Anlage.
Selbst die Wachmänner konnten mit ihrem Gesicht etwas anfangen und so musste sie keinen Ausweis vorzeigen, um mit einer förmlichen Geste hineingelassen zu werden. Trotzdem das Gelände jedoch so überwacht wurde, konnte man nahe genug von Außen an den Eisenzaun herantreten, um die großen Trichter zu betrachten. Tanks neben Rädern, Rohre, Pumpen. Alles lag untermauert von dem Geräusch fließenden Wassers, als der Stamm den Kreislauf durchlief und zurück in die Erde gejagt wurde.
Die Motoren hatten einen steten Rhythmus und donnerten laut, als der Stamm sich an ihnen vorbeibewegte.
Ein Teil von ihr sehnte sich nach diesem Ort. Wohl war es die Tatsache, dass sie hier für das Gemeindewohl gearbeitet hatte – eine moralisch einwandfreie Tätigkeit, die mit Ehre einherging.
Dass sie unter Chase Hardings Kontrolle gelandet war, erschien im Nachhinein wie eine unglückliche Reihe an Zufällen.
Damals hatte sie angenommen, dass seine kleine Gilde lediglich ein Zusammenschluss verlorener Seelen war. Dass sie die Untergrundgeschäfte dominierten, ihr Geld mit dem Handel von Schmugglerwaren und Träumen verdienten, war ihr erst zu spät aufgefallen. Jedes Mal, wenn sie ihre Zweifel vor Chase aussprach, bemühte er sich, ihre Sorgen zu beschwichtigen, indem er ihr vorführte, dass sie lediglich Buchhalterin war. Ein schwacher Trost für jemanden, der damals in sauberen Geschäften eine wesentlich relevantere Position eingenommen hatte.
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Blut eines Cruors
Fantasy[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
