Rhun hob den Kopf, um dem Blick seines Vermieters zu begegnen. »Willst du reden, oder was, alter Mann?«
»Gerne, wenn du es schon anbietest.«
»Ich biete es nicht an. Lass mich in Frieden.«
Der ältere Cruor vor ihm fuhr sich über die weißen Hörner. Die Finger wie fleischlose Knochen, waren sie so hell, wie seine Kleidung. Weiß in Weiß, als stehe ein Geist vor ihm: Die Überreste seiner Art.
Dass dieses Wesen sein Herr war, verdrängte Rhun so gut es ihm möglich war. Ebenso wie er die Vorstellung verdrängen musste, dass er dem Greis mit einem Ruck einen Arm ausreißen könnte. Der Schein trügte. So mager wie jeder Cruor auch zu sein schien, so simpel war es für sie, sich zu verteidigen.
Rhun stellte seinen Gehstock an die Seite des Tisches. »Ich hoffe, du hast die Ironie in meiner Aussage verstanden.«
»Du hast dir viel zu viele menschliche Sprachgewohnheiten angenommen.«
»Solange ich nicht gefühlvoll-melodramatisch werde, sehe ich darin keine Probleme.«
Sein Gesprächspartner nahm vor ihm Platz.
Zorn wurde er genannt – ein Name, der seiner nüchternen Art alles andere als gerecht wurde. Pure Emotionslosigkeit — Reinheit — strahlte er aus. Das, was man in den Cruoren gerne sah. Er war, wofür sie standen. Nicht umsonst war gerade er einer der führenden Politiker... Und nicht umsonst verhielt er sich auch dementsprechend.
Zorn überschlug die Beine, spielte mit den Perlenketten, die von seinen Hörnern herunterhingen. »Wie fandest du die Experimente im Untergrund?«
»Um ehrlich zu sein, werde ich da nie wieder hingehen. Was für kranke Spielereien. Was bringen diese Forschungen am Ende?«
»Das sind« Zorn hielt inne. »Das sind nicht die richtigen Experimente, sondern die Untersuchungen davor. Das sind unsere Vorbereitungen auf das wirklich wichtige Geschehen.«
»Wenn du ohnehin nur um die wesentlichen Punkte herumredest, brauchst du das Thema gar nicht erst anzuschneiden. Im Endeffekt erzählst du mir eh nicht, wozu das alles dienen soll.«
»Bald wird ein feierliches Treffen stattfinden, in dem auch du in unsere Geschäfte eingeweiht werden wirst.«
»Zusammen mit allen anderen Cruoren? Eine Ehre, in der Tat. Ich bin ja so besonders.«
»Nun?« Der alte Greis hielt in seinen Bewegungen inne, lehnte sich stattdessen vor und seine schmalen Augen starrten ihn mit einer solchen Eindringlichkeit entgegen, dass Rhun den Blick lieber abgewandt hätte. »Seit wann ist dein Ehrgefühl denn ein solch unkontrollierbares Gut für dich geworden, Rhun?«
»Was willst du damit andeuten?«
»Dass du einen ungesunden Selbststolz entwickelt hast. Du hinterfragst unsere Handlungen, nur weil du nicht alles weißt. Du vertraust mir nicht.«
»Ich arbeite für dich seit Jahren. Du hast keinen besseren Berater als mich, hast du gesagt. Ich kenne mich in den politischen Lehren aus, wie die wenigsten anderen. Ich bin fähig, die Gesetze aufzusagen. Und doch vertraust du mir nicht an, was für abstrakte Zahlen ich für dich in Bücher eintragen muss. Du diktiert mir verschlüsselten Briefe, deren Botschaft ich nicht einmal anzuzweifeln wage.«
»An deiner Stelle würde ich meine Wortwahl überdenken. Nicht ich bin es, der deine Reaktionen fürchtet, sondern die anderen.« Er erhob sich, um sich an Rhuns Küchenregal umzusehen. »Ich habe diese Thematik vor den anderen im Kongress angesprochen. Ich habe erfragt, ob ich dich einweihen dürfe.« Er fasste jedes Objekt auf den Brettern einzeln an. Eine unerhörte Geste, die jeder andere Gastgeber mit Sicherheit unterbunden hätte. In jedes Glas fasste er einzeln hinein, als wäre er in der Lage, es somit segnen zu können. »Sie sind der Meinung, vorerst einmal Schweigen zu wahren. Sie sind der Auffassung, dass du zu empathisch bist, als dass wir es dir aufbürden könnten.«
»Empathisch? Ich? Was eine Schande, dass mein Name so verunglimpft wird.«
Zorn blickte über seine Schulter zurück, als sei er amüsiert. »Du weißt, dass viele Cruoren empathisch geworden sind über die Zeit. Zumindest, gegenüber solchen Experimenten.«
»Und gegenüber Kindern, nicht wahr?« Rhun musste einen Moment innehalten, damit er nüchterner fortfahren konnte. »Du hast selbst ein Kind von den Straßen mitgenommen. Aber du seist nicht empathisch in den Augen des Kongresses, oder wie muss ich die gesamte Situation nun verstehen?«
»Hm. Ich verstehe, worauf du hinauswillst. Aber ich bin froh, nun jemandem im Haus zu haben, mit dem ich sprechen kann.«
»Du hättest zwei Treppen auf dich nehmen und mit mir jeden Tag reden können, wenn du das Bedürfnis dazu hättest. Darum geht es nicht. Du hattest Mitleid mit dem kleinen Burschen gehabt und ihn deswegen eingesteckt, wie eine Münze.« Rhuns Rücken knackte, als er sich in die Lehne zurückwarf. »Sie bevorzugen dich. Und ich frage mich, wieso. Hab ich jemals etwas falsch gemacht? Ich habe nie geäußert, dass ich Mitgefühl habe.«
Zorn wich vom Regal zurück. Er stellte sich ins Sonnenlicht. Die goldenen Symbole auf seinem Gesicht schimmerten und blendeten so stark, dass die meisten in seiner Umgebung den Kopf senken mussten. »Das war nicht der Grund, weshalb ich dich aufsuche.«
»Meinetwegen, dann verdrängen wir das Thema eben ein weiteres Mal. Immerhin bin ich nur emphatischer und keiner ungeduldigen Natur.«
Gerade als sich beide in gesitteter Haltung an den Tisch niederlassen wollten, dröhnte ein abgebrochenes Klopfen durch den Raum. Das Holz der Haustür ließ das undurchdringliche Signal lauter erscheinen als es war.
»Ich sage dir wenn das einer dieser Bauern ist«, begann Rhun und griff zu seinem Gehstock. »Dann werden die dieses Mal aber wirklich mit einem wunden Rücken nachhause zurückgehen. Heute ist mein Ruhetag.«
Die Tür öffnete sich einen Spalt noch ehe er im Flur stand und Rhun schob seine Finger hindurch, um sie direkt aufzureißen. Er wollte wissen, wer sich unerlaubt Zutritt in seine Wohnung verschaffte. »Was?«, fauchte er, als er niemanden stehen sah. Dann raste sein Blick herunter, dorthin, wo ein kleiner Junge vor der Schwelle stand.
Das Kind begegnete ihm mit einem schwachen Lächeln. Er war in reiche Kleidung gehüllt und hatte ein Wappen an seinem Arm, das es stets unterstütze, ihn zuzuordnen. »Guten Tag, Veu«, grüßte er.
»Was gibt es denn?« Rhun legte den Kopf zurück, um in seine Küche zu spähen, wo der Vater des Burschen in einer solch geraden Haltung ruhte, als interessiere ihn der Besuch nicht. Er berichtete Zorn: »Dein Gesprächspartner ist da.«
Der Junge quetschte sich vorbei, steuerte unerlaubt zum Esstisch in die Wohnung.
»Was«, hauchte Rhun lediglich. Gerade als er dem Jungen eine Belehrung über Anstand und Benehmen einbläuen wollte, rief dieser — in etwas zu lauter Stimme aus: »Eben hat jemand angerufen- Das Licht in der dunklen Straße ist ausgefallen. Ich soll dringend Bescheid sagen.«
Zorn sah seinen Sohn an, lange, durchdringend. »Wer hat angerufen?«
»Einer der Cruoren. Ich weiß nicht wer. Der Name ist... ich weiß nicht, der war so kompliziert.«
»Verstehe. Gut. In Ordnung. Ich denke« Zorn stand auf, wirkte jedoch so wackelig, als würde er jede Sekunde nach vorne umfallen.
»Kann ich mitkommen?«
»Ich weiß, dass du die Straße magst, aber« Er schob sein Kind etwas am Rücken nach vorne. »Geh mit Oliver nachhause« Er schaute an Rhun vorbei, starrte einen gewissen Punkt an.
Verwundert, wer außer ihm dort sein könnte — wer Oliver war — drehte Rhun sich um und begegnete dem Blick eines jungen, Mannes; eines Angestellten... Der ebenso ungefragt wie der Bengel in sein Zuhause eingetreten war.
»Tut mir Leid«, murmelte der Diener. »Er ist einfach rausgelaufen«
»Sag mal!«, schimpfte er. »Bringst du denn deinen Menschen kein verdammtes Benehmen bei, Zorn?«
Doch dieser stieß Rhun in die Seite, als er an ihm vorbeilief. »Dieses Problem ist wohl definitiv nicht wichtig.« Ein weiteres Mal stieß er den Ellenbogen in seine Seite — dieses Mal mutwillig und beabsichtigt schmerzhaft. »Kannst du etwa nicht verarbeiten, was er gesagt hat? Komm jetzt mit«
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Blut eines Cruors
Fantasi[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
