Kapitel 22;3 - Herr der Wächter

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Die folgende Nacht war unruhig gewesen.

Rhun hatte sich im Bett gewendet, wie ein Kind, das vor Aufregung nicht schlafen konnte. Immer wieder hatte er die Augen geöffnet, wenn seine Gedanken in Träume abgedriftet waren, um sicherzugehen, dass niemand in seinem Zimmer stand. Er hatte die Tür zugeschlossen und eine Kugel Licht die gesamte Nacht über in der Ecke scheinen lassen.

Kurz nach Anbeginn des neuen Tages war er aufgestanden, um zu seinem Gott Jarett zu sprechen.

Seinen Angestellten hatte er ebenso in Kenntnis gesetzt. Der Diener — und ausgebildete Leibwächter — hatte den Rücken unter dieser Information versteift, aber professionell abgenickt. Mehrfach hatte er nachgefragt, ob er ein großes Aufgebot an Soldaten bestellen sollte... Doch da Rhun Herr über die Wachen war, konnte er leicht verhindern, dass noch mehr Menschen seine Wohnung besetzen würden.

Für all die nächtliche Unruhe hatte diese eine Nachtschwärmerin — Eos, wie sie sich vorgestellt hatte — gesorgt. Sie hatte erklärt, dass sie zuvor mit Zorn einen Handel geschlossen hatte. Sie hatte erwähnt, dass Zorn ihr für Informationen das Freilassen ihrer Tante angeboten hatte.

Mittlerweile erinnerte sich Rhun auch, woher er sie kannte. Es war eine jener Damen, die ihm in der Grenze begegnet waren. Damals hatte sie nach ihrer Formwandler-Freundin gesucht... Und er verspürte enorme Schuld dafür, dass er ihr hätte erzählen können, was man mit der Frau getan hatte.

Sein Schlaf war von zu viel Pein zerfressen gewesen — den Gedanken konnte er nicht entgehen.

Umso schlaftrunkener war Rhun den ganzen nächsten Tag. Selbst zur Mittagszeit saß er am Esstisch, rieb sich die müden Augen.

Ein nüchternes Erwachen hingegen war Declans Anwesenheit. Der Cruor hatte unangekündigt die Wohnung betreten, ließ sich mit dem Wink einer Hand dasselbe Essen auftischen, wie Rhun.

»Das ist nicht dein Ernst«, brummte Rhun.

»Es gibt ein Problem«, Declan suchte in seiner Tasche, holte einen Zettel und einen Stift hervor. »Wir dürfen dir erst die Experimente zeigen, wenn du das unterschreibst.«

»Und was ist es, das ich dort unterschreiben soll?«

»Die Einwilligung, dass du dich an den Experimenten beteiligst.«

»Aber ich will doch heute erst entscheiden, ob ich mich daran beteiligen will. Das weißt du doch?«

Declan warf ihm einen zweiten Stift entgegen. »Entweder du unterschreibst es jetzt, oder eine andere Person kümmert sich um die Forschungen.«

Rhun wusste: er konnte diese Experimente nur aufhalten, wenn er in diese eingeweiht war.

Er starrte missmutig über den Rand seines Tellers, nahm einen Federkiel und unterschrieb.

***

Rhuns Kopf war erfüllt von einer trägen, dumpfen Masse. Gedanken klebten aneinander und das neutrale Chaos an Eindrücken sorgten für ein Gefühl der Falschheit.

Er wusste, dass er fühlen sollte — musste — doch er konnte es nicht.
Die Spritze vom gestrigen Tag hatte ihre Wirkung entfaltet und würde seine Emotionen in nächster Zeit dämpfen.

Vor ihm befand sich ein Pausenraum — mit unzähligen Rädern, Rohren, Pulten.

Declan hatte seinen Mantel über einen Stuhl geworfen. Einen Arm auf dem Rücken, blätterte er mit der freien Hand durch ein Buch. Auf den alten Seiten befanden sich feine Runen — Notizen, so sauber und einheitlich, lesbar und filigran, dass Rhun die Buchstaben auch aus weiterer Entfernung lesen konnte.

Blut eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt