Ihr Weg an der Einkaufsstraße vorbei verlief gesprächslos. Scarlett hatte ihre Nase nebenbei in ein Buch versenkt, versuchte zu recherchieren, worum es sich bei dem Schrei hätte handeln können.
Währenddessen hatte Dolunays Selbstwahrnehmung zunehmen können. Das Verständnis der Welt gegenüber hatte sich verbessert.
Es war nicht mehr fern ihrer Fähigkeiten, zu bemerken, wie Scarlett vor einem Geschäft stehen blieb und den Laden durchdringend betrachtete. In seinem Inneren leuchtete noch Licht. Einige Papiere lagen ausgestellt an der Tür.
Eine teure Papeterie.
Scarlett wandte ihren Kopf zu ihnen. »Habt ihr etwas dagegen, wenn ich noch kurz hier reinschwenke?«
Caden hob den Blick, betrachtete sie, dann den Laden: »Meinst du, sie ist noch bereit für Besuch?«
»Licht ist immerhin an.«
»Einen Versuch ist es wert.«
Dolunay sah nur zu ihm. Ihr Gesichtsausdruck sprach für sich.
Caden erklärte: »Die Eigentümerin von dem Geschäft ist eine alte Freundin von Scarlett, oder so.«
Die Eingangstür war geöffnet und so trat sie, gefolgt von Dolunay, in den Raum hinein.
Neben dem Geruch von Orangenextrakt und Kräutern wurden sie von Leere begrüßt.
Hier stapelten sich die Waren so eng in den Regalen, dass nur ein Experte zwischen den Mustern ein System zu finden vermochte. Aber es war kein solcher Experte in Sicht. Selbst im Kontor hinter dem Verkaufsplatz war niemand anzutreffen.
»Hm«, machte Caden und drehte sich auf den Kacheln. Für einen Moment sah es aus, als spiele er mit dem Gedanken, das hochwertige Papier zu stehlen. »Also sie scheint wohl wirklich vergessen zu haben, das Licht auszumachen.«
»Sie wohnt oben« Mit einem Schlüssel in der Hand bewegte sich Scarlett zu einer Hintertür, die direkt in ein Treppenhaus führte. Die Stufen waren so flach, dass man zwei mit einem Mal nehmen konnte.
Sie gelangten in einen kleinen Flur, wo auch die letzten Geräusche der Straßen getilgt waren.
Scarlett zog an ihnen vorbei, lief durch eine offene Küche hindurch und sah sich in den seitlichen Zimmern um: eines davon ein Büro, das andere wurde durch ein vorgerücktes Regal versperrt.
Die Kommode blockierte den Rahmen, dass man kaum darüber hinwegsehen konnte.
Dolunay sah Caden aus dem Augenwinkel an. Beide schienen dasselbe zu denken, als sie den verschlossenen Durchgang sahen. Irgendetwas stimmte nicht. Räume zu versperren, oder Türrahmen zuzunageln, galt als verpöhnt. Es war eine Tat, die man nur durchführte, wenn man die Geister bedrohen wollte.
Durchgänge – Zugänge in Welt und Zimmer — zu versperren war in einigen Nachbardörfern sogar gänzlich verboten worden. Man stimmte die Geister somit unruhig. Man legte sich mit ihnen an. Und niemand wollte sich mit höheren Mächten anlegen... Erst recht keine so noble Dame, wie Scarletts Freundin es sein musste.
War dies ein Zeichen des Einbruchs? Raubs? Die Möbel waren intakt, selbst der teure Schmuck hing an den Wänden.
Scarlett hatte sich vor die Kommode gestellt, um sie wegzuschieben. Caden half ihr, flüsterte dabei: »Ich weiß nicht, ob du wirklich ihre Leiche sehen willst.«
»Sei still! Sie ist nicht tot! Wieso sollte sie denn aufeinmal-« Sie fuhr nicht fort, konzentrierte sich stattdessen darauf, den schweren Holzschrank anzuheben.
Dolunay wusste nicht, ob ihre Hilfe zu gebrauchen wäre, verkreuzte daher nur die Arme vor der Brust und lief die Wohnung ab, als gäbe es nichts Relevanteres zu tun. Ihr Kopf war schwammig und so vergaß sie für einen Moment, was sie überhaupt hier hineingebracht hatte.
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Blut eines Cruors
Fantastik[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
