Kapitel 7;1 - Aussicht auf Blut

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Der anbrechende Herbst brachte noch einmal letzte Wärme über Brus zurück. Die Stadt, verschlungen in ihren Mauern, lag in warme Strahlen gebettet und das Treiben auf den Straßen war reger, als an anderen Tagen. Dort, wo einem sonst niemand begegnete, traf man unangenehm häufig auf gesprächige Menschen und das einzige, was einen davor bewahrte, war der Schutz einer Gruppe.

Dolunay tapste neben Caden. Die Lippen zusammengepresst, ein Schleier über dem Gesicht — der ihre Augen gänzlich verbarg — mutete sie wie eine wahre Weise an. Ihre Kleidung war aus hellem Stoff; machte sie somit zwar anmutig schön, doch auch gespenstisch. Ein Geist. Ein Eindruck, der durch ihre zurückgezogene Persönlichkeit nur unterstrichen wurde. Sie sprach lediglich, wenn sie musste... Wie es für ihresgleichen üblich war.

Anfangs hatte Caden sich stets gewundert, dass sie sich überhaupt in Hardings Diensten befand. Sie war schon vor ihm dort gewesen und hatte sich rasant hochgearbeitet. Dabei waren die Aart keine aggressive Rasse — im Gegenteil.

Damals hatten sie abseits in den Wäldern gelebt; in eigenen Ortschaften mit Tempeln, Stätten — mit der Natur im Reinen. Musikalische Elemente und Kunst bestimmten ihr Leben. Ein friedliches Volk waren sie allemal. Und ebenso unauffällig. Als sie das erste Mal in der Nähe der Stadt gesichtet wurden, hatte man mit ihren strahlenden Gestalten nichts anfangen können. Stattdessen hatten die Bewohner in Angst vor ihnen gelebt und sie schlichtweg als "Die Art" bezeichnet. Niemand wagte sich, ihnen auch nur einen ansprechenden Namen zu geben.

Hunderte Jahre später, nach unzähligen Kontaktaufnahmen, waren die ersten von ihnen in Brus eingezogen. Der Missmut verschwand, Verträge wurden geschlossen und die Aart... Nun, sie behielten ihren Titel. Man hatte lediglich einen Buchstaben hinzugefügt.

Heutzutage arbeiteten die Aart als Musiker, Künstler und Architekten. Dass Dolunay sich von dieser friedfertigen Lebensweise abgewandt hatte und anderen Menschen die Träume stahl... Es war ihm ein Rätsel.
Schon seit langer Zeit arbeitete sie für Harding und beide behandelten einander mehr wie faire Kollegen und Freunde.
Sie würde ihn verteidigen — selbst wenn es ihr den Kopf kosten würde.

Verteidigung. Eine Notwendigkeit. Kinder lernten es schon im frühen Alter und auch als Caden sich in seiner kleinen Gruppe umsah, stieß er auf mondäne Ausrüstung. Dolunay war geschickt mit Bogen und Dolch. Alle anderen hatten Schwerter bei sich... Und gerade Kenga — als Sohn eines Adligen und Mitglied der Stadtwacht — hatte die Ausrüstung eines gestandenen Soldaten.
Er war reich, besaß viel. Das einzige, an dem es ihm mangelte, war Schlaf — wie man aus seinen Augen ablesen konnte. Man kannte ihn nur von der Müdigkeit überreizt, oder genervt, wann immer er frisch aus dem Bett aufstand.

»Wir sollen auf den Markt gehen, nicht wahr?«, hakte Eos nach — nicht bemüht, fröhlich über diese Reise zu klingen. Sie drehte sich nicht einmal um, um Harding zu fixieren.

Der Mann hob beide Brauen, gab schließlich einen brummenden Ton zur Bestätigung von sich. Eine Weile rang er mit Worten, aber fügte dann hinzu: »Was kommst du überhaupt mit, wenn du eigentlich nicht willst?«

»Ich werde Scarlett Bericht erstatten.«

»Das hätten auch die anderen machen können.«

Erstmals sah Eos sich zu ihm um, öffnete den Mund, um zu sprechen... Aber brachte keinen Ton heraus.

Caden betrachtete die Häuser des Dorfes. Auf einem kleinen Hügel befand sich der Ort — eine Stunde Fußmarsch von Brus entfernt. Es war eine abergläubische Gemeinde, die dort hauste. Zwei Kathedralen, kleinere Gebetsräume und Kammern in jedem anständigen Haus. Gleich, welchem Gott man huldigte, man hielt sich streng an dessen Lehren. Und jedem, der Zweifel hatte, wurde mit solcher Abneigung entgegengetreten, als habe er sich strafbar gemacht.

Blut eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt