Kapitel 2;1 - Federleichte Schwingungen

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Die Träume galten als eigenes Reich. Das Spiel mit seinen Gedanken im Schlaf, die Verarbeitung der Sünden und Ängste...

Man konnte so viele Geständnisse aus Träumen fischen. So viele, dass es ein eigenes Geschäft geworden war: In den Schlaf von Lebewesen eindringen, um ihre Sünden zu vernehmen... Um sie im Anschluss zu verraten.

Mit dem Ziel des Verrats stand Dolunay alleine im Gebetsraum. Ein mit weißen, blau-grünen Fliesen gearbeiteter, fensterloser Saal mit nur einer Tür, die hinter dem größten der Altäre hinausführte.

Und irgendwo dazwischen der eingeschlafene Priester... Niemand anderen gab es im Raum. Nur sie, die vier Statuen auf Sockeln und den Mann, der hoffentlich tatsächlich schlief. Nicht, dass er sich lediglich in einen solch tiefen Zustand der Mediation begeben hatte, dass er alles um sich herum ausblendete.

Dolunay belastete sich mit ihren eigenen Vorstellungen: Was wäre, sollte er nicht schlafen? Dann müsste sie ihn umbringen. Sie würde sich den Weg in ihre eigene Höllenschleife eröffnen.

Mit der Unruhe kamen die Fragen. Und so war Dolunay sich am Ende doch nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, alles zu riskieren, nur um in seine Träume einzutauchen – sie ihm gar zu rauben.

Es war wie ein Weg in ihr Verderben. Ein dunkler Pfad, ausgelegt mit Fliesen, so fein und sauber, wie sie seit Jahren keinen solchen Boden berührt hatte. Jeder Schritt zu ihm fühlt sich wahrlich edel an – als besuche sie diesen Ort nicht mit der Absicht von Diebstahl... Sondern aus reiner Demut.

Es mussten nun schon Jahre vergangen sein, seit sie das letzte Mal eine Kathedrale betreten hatte... Und nun tat sie es das erste Mal mit böswilligen Absichten.

Als sie vor ihm stehen blieb, fühlte es sich an, als wolle sie ein unschuldiges Kind befallen... Ihn auszubeuten war eine grausame Aufgabe, die für eine Aart wie Dolunay mit viel Selbsthass einherging.

Die junge Frau streckte ihre Finger aus, beugte sich zu ihm herunter und... fühlte keine Barriere.
Ihre Finger glitten durch seinen Nacken hindurch.

Er schlief tatsächlich.
Und ein Teil ihres Geistes befand sich bereits in seinen Träumen.

Binnen weniger Sekunden wurde die Welt weich und Dolunays Brust hatte ein so aufgewühlt- warmes Gefühl wie nach einem glücklichen Schrecken.

Dort, wo auch ihr Dolch gehangen hatte, spürte sie nur noch eine Phiole mit einem leeren Blatt Papier.

Als könne sie so ihre Gedanken besser sammeln – sich wortwörtlich festhalten – klammerte Dolunay sich an das Gefäß.

Das einzige, was sie tun musste, war sich treiben zu lassen.

Ein Ruck, dann das benebelnde Rauschen des Hineingleitens in einen tiefen Schlaf. Wörter. Irgendwo an ihren Fingerspitzen kribbelte ein gewisser Ausdruck: „Rückzug". Dann mehr. Raub, Laterne, Blut, Zähne, Schüsse.
Immer wieder zehrten sie an ihren Muskeln, brannten, kribbelten, quälten sie. Die Wörter waren so hart — sie wogen schwer, ohne dass sie sehen konnte, was an dem Szenario so schrecklich war.

Nur langsam konnte sie in seinen Traum gleiten. Allmählich konnte sie hören, was seine tiefste Sünde war, konnte seine Erinnerungen wahrnehmen. Leise Schüsse hallten in der Ferne... Gedämpft, wie sich Leute unterhielten, über Themen, die kaum zum eigentlichen Geschehen passten. Sie sprachen über Familie, Wetter, Essen... Irgendetwas passte nicht. Es stimme nicht. Es war verschoben.

Gerade als Dolunay sich auf eine gewisse Stimme konzentrieren wollte, zerriss der Schrei einer Frau die Luft.
Er schnitt durch die Projektion... zu scharfkantig, zu hart, um dem instabilen Gebilde eines Traums zu entspringen.

Blut eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt