Die Flammen füllten die Stille aus, knisterten gespenstisch, nahmen diesen atemlosen Raum gänzlich für sich ein.
Atemlos war, wie Rhun seine Empfindungen am Besten beschreiben konnte, als er sich mit dem anderen Mann auf die Pritsche setzte und Kellen auf der anderen Seite ansah.
Der Wissenschaftler wendete das Messer in seiner Hand, betrachtete es von allen Seiten, fuhr mit der Klinge über die Haare an seinen Armen. »Hm«, machte er schließlich.
»Möchtest du mich nun einweihen?«
»Wie viel weißt du bisher?« Er war wie verändert, urplötzlich kooperativ und so unheimlich-freundlich, dass Rhuns Missmut dabei stieg.
»Nichts. Erzähl mir alles. Und ich hoffe für dich, dass es die Wahrheit ist.«
»Du weißt wirklich nicht, was deinesgleichen anstellt, was?«
»Das ist auch der Grund weshalb ich hier bin. Also nun los. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
»In Ordnung« Kellen blies die Wangen auf. »Der Gedächtnishandel zuerst. Daran sind die Cruoren nur indirekt beteiligt.« Er sah auf, um aus Rhuns Reaktion wohl so etwas wie Schuld lesen zu können. »Kleinere Randgruppen, oder Einzelstehende kümmern sich darum. Sie verkaufen das Gedächtnis an verschiedene Parteien. Einige verkaufen das an irgendwelche Wissenschaftler, die damit Untersuchungen durchführen wollen, oder einige erpressen mit dem Gedächtnis auch die Familien; fordern Lösegeld. Die meisten dieser Gedächtnisse hingegen gehen an die Experimente, die von den Cruoren betreut werden.«
»Heißt?«, fragte Rhun.
»Uns führt tatsächlich eins zum anderen. Die Formwandler, die verschwinden, sind die Opfer dieser Experimente. Formwandler sind künstlich geschaffene Lebensformen, wie Sie gelernt haben sollten?«
Hatte er. Auch, wenn er diesen Fakt die meiste Zeit außer Acht ließ, denn — soweit wie er informiert war — waren Formwandler dennoch in der Lage Emotionen und Willen zu beweisen.
Lebewesen hingegen, die ihre Körper verändern könnten, gab es nicht in der Natur. Es war unnatürlich, es war falsch.
So falsch wie es für ihn war, hier zu sein.
Alles, was Kellen erklärt hatte, ergab Sinn. Sinn, weshalb keinen Formwandlern das Gedächtnis ausgeraubt wurde, sondern nur Menschen betroffen waren.
Es ergab Sinn, dass Formwandler künstlich geschaffene Lebensformen waren...
Und mit jedem aufbegehrenden Gedankengang, wurde es wärmer in der kleinen Kammer.
Rhun zog seinen Mantel aus, nickte und Kellen fuhr fort.
»Nun, Formwandler können ihre Rasse verändern. Sie können alles gleichzeitig sein; umso wichtiger sind sie als Arbeiter in der Not.« Er zog die Augenbrauen hoch, begann, die Fakten zu ordnen. »Also. Das Gedächtnis, das von den Menschen gestohlen wird, wird den Formwandlern eingesetzt. Im... Prinzip wird versucht, somit Elite-Soldaten herzustellen. Dadurch, dass Formwandler ihre Form ändern können, können sie sich den Umständen anpassen. Noch besser wird ihr Dienst, wenn sie über das dazugehörige Wissen verfügen. Sie würden Wesen sein, die dem Krieg dienen können, die Fähigkeiten und Talente perfektionieren, alles können.«
Es ergab Sinn. »Und warum ausgerechnet Formwandler?«
»Hä? Na, Formwandler sind doch schon einmal künstlich erschaffen worden. Man kann ihnen einen künstlichen Verstand einsetzen, weil sie in dieser Hinsicht wie Maschinen sind.«
»Erspar dir dein Hä. Wie du siehst, ist dergleichen offensichtlich nicht mein Metier. Ich bin anstrebender Herr über die Stadtwacht, ich kann Gesetzestexte auswendig.« Er hob die Hände. »Daher... Lass mich zusammenfassen. Einem Formwandler kann der Verstand von anderen Wesen einverleibt werden, um sie im Krieg zu verwenden? Man nimmt also von jeder Fähigkeit der Menschen etwas, um das ultimative Gehirn zu erschaffen und diesen Formwandlern einzusetzen.«
»Ja, genau. So in etwa.«
»Schön, dass ich jetzt auch verstehe«, entwich es Rhun und er lehnte sich nach hinten. Er zupfte an dem Ärmel seines Hemdes, dessen weiße Farbe sich scheußlich mit seiner Haut biss. »Und der Ausfall des Stamms an der Grenze... Hat der damit auch zu tun?«
»Der Energieausfall, so vermuten einige Experten und ich, wurde dadurch ausgelöst, dass viel Energie für diese Vorgänge beansprucht wird. Experimente fressen eben viel Energie. Ich kann mir vorstellen, dass unfassbare Mengen verbraucht werden, um die Erinnerungen aus dem Gedächtnis der Menschen zu löschen — nur das Wesentliche zu behalten. Und um dieses ultimative Gehirn zusammenzusetzen. Und um dieses im Anschluss den Formwandlern einzusetzen.«
Rhun erinnerte sich an das Gespräch, das er belauscht hatte; in dem sich Declan dafür entschuldigt hatte, dass er von den Experimenten zu viel aufeinmal verlangt hatte.
Declan leitete diese Experimente...
Etwas, das Rhun ihm niemals zugetraut hatte — hatte er ihn stets für dumm empfunden.
Doch davon abgesehen schloss sich der Kreis. Alles ergab einen Sinn.
Es gab nur einen Punkt, an dem Rhun sich rieb: wenn die anderen Cruoren wussten, dass der Lichtausfall an der Grenze mit den Experimenten zusammenhing... Dann hatte Zorn ihn belogen. Belogen, als sein Herr zu ihm gesagt hatte, sie wissen selbst nichts davon.
Der Kopf wie Watte, hatte Rhun die Aufmerksamkeit einzig auf seinen Mantel fixiert, der vor ihm lag. Er schnipste Dreck vom dunklen Stoff, sprach dennoch weiter mit Kellen: »Eure kleine Gruppe, die du leitest... Wofür setzt ihr euch ein? Wofür das mit der Bombe?« Eine Frage ehrlichen Interesses. Allmählich konnte er verstehen, weshalb die Menschen die Cruoren so verachteten... Er lernte Seinesgleichen selbst zu hassen.
»Wir sind nicht wie die anderen Untergrundgruppen und versuchen unser Leben durchzudrücken durch Diebstähle, oder andere Straftaten. Wir haben uns eigentlich zusammengefunden, weil ich gesehen habe, dass der Stamm immer schwächer wurde. Ich wusste, dass irgendwo eine Quelle sein musste, die ihn anzapft. Also hab ich mich erstmal mit einigen Leuten zusammengeschlossen, die mir Antworten liefern konnten. Aus diesem ursprünglich locker-kleinen Bündnis wurde bald etwas festes, größeres. Dann haben wir immer mehr Leute in unsere Kreise gelassen und bereiten uns nun darauf vor, was wir tun könnten, wenn die Energie endgültig versagt. Wir sind eine Gruppe der Selbsterhaltung und eigentlich, Ja, eigentlich nicht gewalttätig. Aber viele von uns demonstrieren gegen die schrecklichen Lebensverhältnisse, die eben vorherrschen.«
»Weißt du, wer das mit der Bombe war?«
Kellen hob den Kopf, schloss die Lippen. Er würde nicht sprechen.
Rhun fügte hinzu: »Ich kann euch eure Hälse retten, meinen Herren davon zu überzeugen, euch beide in Freiheit gehen zu lassen, wenn du Zorn seinen Namen nennst.«
»Hör auf, freundlich zu tun.« Kellens Schmunzeln war bitter. »Wer bist du überhaupt.«
Es klang nicht wie eine ehrlich gemeinte Erkundigung aus Interesse, sondern mehr wie ein Anzweifeln von Rhuns Wirken und Position. Dennoch antwortete er: »Ich bin sein Assistent und Nachfolger, wenn man mich so zu bezeichnen wünscht. Er ist führende Macht der Stadtwacht und auch in dementsprechend viele Experimente und Geheimnisse eingeweiht. Ich weiß nicht, wie ich euch helfen kann, aber Zorn kann es.«
»Verschwinde, Cruor, für uns kannst du rein gar nichts machen, wenn dir dein Besitzer nicht mal die Geheimnisse anvertraut. Du hast absolut keine Macht, wie du siehst.«
Es war schmerzlich, dass er recht hatte.
Kellen fragte: »Was willst du mit den Informationen überhaupt anfangen?«
»Das weiß ich noch nicht.« Er erhob sich. »Ich kann mich darauf verlassen, dass ihr nicht sprecht?«
»Ich wollte noch keinen Selbstmord begehen. Dafür muss ich schon verzweifelter sein.« Kellen hob das Messer entgegen des Lichtes.
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Blut eines Cruors
Fantasy[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
