Rhun betrachtete die Wand an Glocken, die neben der Tür angebracht war. Ein gesamtes Klingelsystem, um die Arbeiter in der Grenze herumzuscheuchen. Eine entwürdigende Aufgabe, wie er sich vorstellen konnte... und doch amüsierte ihn die Vorstellung, wie sich Menschen von einem einfachen Ziehen der Leine beeinflussen ließen.
Neben ihm hatte Zorn einen der Arbeiter herbeigerufen. Zur Hälfte selbst eine Maschine, war der Mann so winzig, dass man ihn anfangs für ein Kind hatte halten können. »Ich weiß. Ich habe bereits mit der Chefabteilung darüber gesprochen-«
»Das ist durchaus möglich. Aber wir sind nicht die Chefabteilung. Wir müssen diese Informationen ebenfalls erhalten; immerhin sind wir für das Gemeindewohl verantwortlich.« Er wandte sich nach hinten zu Rhun. »Wenn die anderen kommen, führ sie hier her.«
Als er nickte, legte der Fremde den Kopf zur Seite. »Es gibt nicht sonderlich viel, was ich erzählen kann, Veu.«
»Nichts zu erzählen? Das Licht in der Grenze ist ausgefallen; dergleichen sollte nicht mehr vorfallen. Wann ist es wieder angegangen?«
»Vor wenigen Augenblicken.«
Rhun verlagerte sein Gewicht nach hinten. Die Welt um sie herum erschien stabil, nicht so, wie er es gelernt hatte, wenn die Lichter ausfielen. Hier gab es keine Monster oder Überreste von Verwüstung. Stattdessen erschien alles normal... wenn auch die Einrichtung allgemein eher verwahrlost und liegengeblieben wirkte.
Vielleicht war gar nicht die gesamte dunkle Straße in Finsternis gefallen.
Als würde sein Herr sich die selbe Frage stellen, murmelte Zorn: »Also ausnahmslos hier im Gebäude ist das Licht ausgefallen. Verstehe ich das richtig?«
»Naja, nein. Im untersten Kellergeschoss hat die Energie versagt. Wir haben die restliche Grenze ausgeschaltet, um mit dem Stamm zu sparen. Stattdessen haben wir überall Kerzen aufgestellt.« Der Herr stieß Luft zwischen geschlossenen Lippen aus, fügte dann erklärend hinzu: »Nur im Keller ist das Licht ausgefallen. Der Rest war ein kontrolliertes Ausschalten.«
»Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen. Sagen Sie doch bitte von selbst, was genau überhaupt vorgefallen ist, Herr...« Er fuhr nicht fort, sondern wartete stattdessen darauf, dass der Mann seinen Namen von selbst hinzufügte.
»Kellen.«
»Ich bezweifle, dass das Ihr Nachname ist.«
»Es ist mein Vorname, das stimmt. Ich kann meinen Nachnamen nicht ausstehen.«
Zorn sah zu Rhun. Sein maskenartiges Gesicht ließ für sich durchdringen, was er dachte. Diese merkwürdigen Eigenarten der menschlichen Seele wurden von Generation zu Generation abstrakter, als würden sie nichts anderes in ihrem Leben finden, woran sie arbeiten könnten.
»Gut, Kellen.«, grummelte er- »Dann-«
Als er stockte, begann Kellen zu schildern, doch Rhun schenkte ihm keine Beachtung. Er bewegte sich im Raum umher, ignorierend, dass die Angestellten ihn betrachteten. Sie schienen jede Bewegung zu verurteilen und doch vermieden sie seinen Blick. Erst, als andere Cruoren den Raum betraten, schien diese unerhörte Aufmerksamkeit von ihm abzuweichen. Als könne er das erste Mal durchatmen, beschleunigte sich sein Schritt. Erstmals konnte er alles im Gesamten auf sich wirken lassen.
Der Raum hatte eine argwöhnische Form. Drei gerade Wände, ausgestattet mit unförmigen Fenstern, Klingeln und unangenehm farblosen Bildern... Und ein Podest in Form eines Halbkreises in der zweiten Hälfte des Saals. Auf ihm ein Rednerpult, an dem kein eloquenter Sprecher, sondern unzählige Kisten Platz gefunden hatten.
»Jetzt raus!«, fauchte ein Cruor in roter Kluft. Mit einer ausschweifenden Handbewegung jagte er die umstehenden Menschen aus dem Raum und traf in der heftigen Geste fast seinen Hintermann am Kopf. »Kann man hier nicht einmal stehen, ohne wie Ware betrachtet zu werden?«
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Blut eines Cruors
Fantasía[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
