»Hm«, machte Nya, während sie dem Handwerker zusah.
Der stämmige Mann hatte sich auf eine Leiter gestellt. Eine Lichtkugel in seinen Händen pumpte den Stamm in sich hinein.
Er war sichtlich bemüht, sie auf einem unsichtbaren Punkt in der Mitte des Raumes zu platzieren.
Der leuchtende Kern schwebte unsicher über dem Boden — noch nicht stabil genug, in einer Position zu verharren. Wie eine Laterne im Wind, wankte das Konstrukt vor und zurück.
Allmählich schien der Stamm jedoch Zugriff auf sie nehmen zu können; immer mehr Energie zog sich hinter das Glas zurück und erfüllte dieses mit sanft-weißen Glimmen.
»Ich bevorzuge eigentlich neuerdings natürliches Licht«, flüsterte sie Caden zu.
Dieser hatte sich auf ihrem Sofa zurückgelehnt und starrte an die Wände, die mit Regalen und kleinen Holzmodellen bespickt waren. »Es wäre auch ein Wunder, wenn es dir gefallen würde. Du findest immer was zum nörgeln.«
»So meine ich das nicht« Sie folgte mit ihren Augen den Bewegungen des Handwerkers, wie er mit der Kugel hantierte und ihr Stabilität verschaffte. Es war ein reiner Balanceakt. »Es ist nur so... Unsicher, sich auf den Stamm zu verlassen.«
»Ich denke, wir alle verstehen das mittlerweile. Du kannst ja auch gerne weiterhin Kerzen verwenden. Aber deine Lampen waren reif für den Wechsel. Und dein Zimmer hat wahrlich nicht genug Fenster, als dass wir auf den Stamm verzichten könnten.« Er blickte an die Decke, die sich in hohen Bögen über ihnen auftat. Auf den Balken hatte sie einige Bücher und Bauteile gestapelt. Die Leiter stand schräg und unsicher daneben.
»Hm«, machte sie wieder nur. Für einen Moment huschte ihr Blick zu Caden, dann sah sie sich an ihrem Schreibtisch um, legte Papiere beiseite, sortierte einige Kisten.
Der Handwerker platzierte eine weitere Lampe neben Caden über dem Bett.
»Arbeitest du heute?«, fragte dieser seine Schwester.
Sie öffnete einige Schränke, holte eine Metallbox heraus. »Nein. Heute nicht. Außerdem ist es zu kalt, um rauszugehen.«
»Willst du dich also das halbe Jahr wieder hier einschließen?«
»Solange es kalt ist?« Sie linste mit einem breiten Grinsen zu ihm zurück. »Warum denn nicht?«
»Vielleicht ist es auch besser, wenn du zuhause bleibst«, stimmte Caden zu. Er stand auf »Hier ist es weitaus sicherer.«
Er nickte dem Handwerker dankend zu, als er murmelte, dass er fertig sei.
Nya stellte sich neben den Türrahmen, um den Arbeiter zu verabschieden.
Währenddessen aber redete sie weiter mit ihrem Bruder: »Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Grenze erneut ausfällt?«
»Ziemlich hoch. Deswegen rate ich dir, dass du immer etwas bei dir hast.« Er deutete auf einige Haken an der Wand. Sie hielten dünne Stäbe, die man auseinanderziehen konnte, um für einen Moment Licht zu erzeugen. In ihnen waren einige Überreste des Stamms gespeichert. »Bevor du rausgehst, sag mir Bescheid wo du hingehst.«
»Glaub mir, ich geh nicht raus. Und selbst wenn, ich denke, dass es Leute geben würde, bei denen ich im Notfall Schutz suchen kann.«
»Ob hier überhaupt noch auf Andere Verlass ist, mag ich zu bezweifeln.«
»Und ich dachte, ich sei pessimistisch.«, brummte der Handwerker beim Hinausgehen. Er hatte seine Sachen gepackt und Caden beobachtete, wie er von einem Dienet herausgeführt wurde. Sie verschwanden aus seinem Sichtfeld und Caden wandte sich wieder zu Nya um.
Doch das Mädchen erwiderte den Blick nicht. Stattdessen beobachtete sie, wie sich die Lichtkugeln mit dem Stamm vollsogen. Das Leuchten wurde unangenehm grell und füllte die gesamte Kammer.
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Blut eines Cruors
Fantasía[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
