Rhun betete, dass dies nicht sein letzter Tag sein würde.
Mehr Menschen als sonst trieben auf den Straßen ihr Unwesen, standen in Gruppen eng gedrängt im Sonnenlicht. Viele von Ihnen trugen Laternen mit sich.
Alles Beten würde nichts nützen, denn sie wussten: wenn Brus erst untergehen würde, dann hatten die Götter sie ohnehin schon längst gänzlich verlassen.
Rhun war vor Verwirrung ebenfalls stehengeblieben. Mit einem Schlag waren alle aus ihren Häusern herausgeströmt und vermieden nun wie Insekten den Halbschatten.
Er musste sich näher an die Gruppen bewegen, um heraushören zu können, was geschehen war.
»Die Grenze hat wieder keine Energie mehr«, hauchte eine Frau mittleren Alters. Ihre sonnengebräunte Haut war mit Ruß überzogen. »Jetzt hat die dunkle Straße gänzlich keine Lichter mehr. Sie versuchen alles, um an den Stamm zu kommen.«
»Wie konnte das überhaupt passieren?«, fragte ein anderer, der sich soeben erst zu ihr umgewandt hatte — er musste die umliegenden Gespräche ebenso sehr abgehört haben, wie Rhun.
»Ja scheinbar ist angeblich der Leiter der Grenze festgenommen worden, von der Stadtwacht. Er hat es in der Vergangenheit immer noch geschafft, die Notfallmaßnahmen zu koordinieren. Jetzt ist er nicht mehr da, um uns alle zu retten.« Sie warf die Arme in die Luft. »Weißt du was, ich werde aus der Stadt verschwinden!« Sie stürmte an Rhun vorbei, ohne ihn zu beachten.
Der stand nur wie versteinert da.
Kellen.
Wenn überall aus der Dunkelheit Monster heraustreten — entstehen — könnten... Er war noch in Gefangenschaft. Er war in einem Keller. Genügten die notdürftigen Beleuchtungen dort, um ihn zu schützen?
Von einem Fluchtversuch hatte Rhun bisher nichts gehört — Kellen musste noch dort sein.
Sollte er nun nachhause zurückkehren? Sich in ein Zimmer setzen und die Kerzen aufstellen, die er gekauft hatte? Warten, bis alles vorbei war? Andererseits, woher sollte er wissen, dass es vorbei war, wenn er sich von anderen abkapselte? Sollte er jemanden finden, der ihn informierte?
Sollte er gar zu Kellen gehen, um zu fragen, was man dagegen unternehmen könnte?
Das hatte er davon, wenn er vom Hafen den weiten Weg nachhause nahm. Die Einkäufe noch in einem Korb unter dem Arm, entfleuchte ein Grummeln seiner Kehle. Er bewegte sich unter einem Torbogen entlang, bog nach links, in eine weitere Seitenstraße.
Er wurde dort von weitaus mehr Wesen empfangen.
Eines von ihnen schrie hysterisch. »Wir werden sterben, wenn die Sonne sich senkt!« Als er Rhun bemerkte, hob er die Hand, wollte ihm gerade die Schuld dafür geben — ihn schlagen.
Doch Rhun betrachtete erst die Faust, dann den Mann. »Tu es und du wirst definitiv sterben.«, murmelte er lediglich, bevor er an ihm vorbeilief.
Dabei hatte er recht. Noch schützte die Dämmerung die dunkle Straße vor wahrhaftiger Finsternis... Wenn erst einmal jede Fläche in Schatten fiel, wenn niemand in dieser Zeit für Kerzen sorgte, würden sie alle sterben
Er fixierte den Blick auf die Fläche vor sich. Sollte er auch fliehen? Herauslaufen, die Stadt hinter sich lassen? Oder verließ er sich auf die Kompetenz der anderen? Wie wirkte es, sollte ein Cruor Brus verlassen? Nicht nur wäre es lächerlich, sondern auch ein schlechtes Omen für die Gesellschaft.
Zwischen den Menschen wurde Kerzen ausgeteilt, Streichhölzer getauscht. Sie schienen sich vorzubereiten, damit gegen die Wesen in den Schatten zu kämpfen.
Wie konnte man sich eine solche Kreatur vorstellen? Er hatte viele Erzählungen gehört. Doch Erzählungen konnten niemals an die Realität heranreichen. Die Zeichnungen würden mit Sicherheit nichts als ein erbärmliches Bild sein, wenn er erst einmal vor einer solchen Existenz stand. Ein Wesen geschaffen aus reiner Finsternis... Wie konnte etwas solches leben?
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Blut eines Cruors
Fantasy[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
