Dolunay schloss die Lider, um sich zu sammeln. Ein Moment der Eingekehrtheit für sich, abseits des Tisches, an dem aufgebrachte Gestalten saßen und Cadens Trommeln auf dem Holz die Ruhe füllte.
Es rieb an Dolunays Nerven, Eos zu sehen, wie sie zu einer Bestie geworden zu sein schien — in einem Zustand dazwischen, aggressiv zu werden und ruhig in Tränen auf dem Stuhl zu sitzen.
Am Vormittag war die Aart aus dem Schlaf gerissen worden, als Harding an ihrer Tür gedonnert hatte, mit der Nachricht, dass Scarlett verschwunden sei.
Nun hatten sie sich in die eiserne Eiche zurückgezogen. Die Kneipe war vorübergehend geschlossen worden. Der Angestellte — ein Mann von Hardings Gefolgsleuten — hatte sich nun zu seinem Zuhause aufgemacht.
Chase saß vor ihnen am Ende des Tisches. Er fuhr die Maserungen des Holzes nach und verzog in Missgunst das Gesicht, als er erkannte, dass jemand seine Initialen hineingeritzt hatte.
Er schien sich kaum um Eos zu kümmern.
Diese hatte sich nach vorne gestemmt. In ihren Augen flammte Hass — als öffnen sich die Tore der Höllen und würden ihre tiefsten Sünden ihr einverleiben. »Formwandler sind schon häufiger verschwunden«, knurrte sie. »Und niemand sagt mir etwas davon.«
Harding blieb ruhig. Er hatte die Arme vor der Brust überkreuzt, befürchtete nicht, dass sie ein Glas auf ihn werfen würde. »Scarlett wusste davon. Du bist nicht ihr Leibwächter. Warum sollten wir also auf die Idee kommen, dir sowas zu erzählen?«
»Wo ist sie«, jedes Wort einzeln betont, lehnte die Nachtschwärmerin sich weiter vor.
Caden sah zu Dolunay. Er formte mit seinen Lippen ein Was machen wir denn jetzt.
Sie blies lediglich die Wangen auf und wickelte eine Strähne blauer Haare um ihren Finger. Sie war noch immer schlaftrunken und jeder Satz hämmerte in ihren Ohren.
»Ich werde sie finden, werde mich nach ihr erkundigen.«
»Genau so, wie die anderen anderthalb dutzend, die verschwunden sind? Hm? Hast du die auch gefunden? Hast du Jade gefunden?«
»Ich hab mich nach dem Mädchen nicht mal anständig umgesehen.«
Eos Stimme blieb beängstigend ruhig. »Heißt das, du wirst dich auch nicht nach Scarlett umsehen?«
»Wo soll sie denn hin sein, Eos?« Er griff vor sich, nahm einen Zahnstocher, um damit die Kerze vor sich zu massakrieren. Jede Bewegung wie ein Kampf gegen einen Feind, schien es, als wolle sich die Flamme jede Sekunde auf das Holz durchfressen, doch ehe sie überschlagen konnte, zog Chase den Stab weg. »Meinst du, man hat sie Abends weggeschafft?«
»Vielleicht war die Bombe eine Ablenkung.«
»Mach dich nicht lächerlich. Ich weiß, wer das mit der Bombe war« Er faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, legte den Zahnstocher beiseite. »Das letzte was die tun würden, wäre, eine Bombe zu zünden, um sich an irgendwelchen Zivilisten zu vergreifen. Die wollen die Regierung stürzen, weil die Cruoren dafür verantwortlich sind, dass sie ein so miserables Leben führen« Er warf sich zurück, fuhr sich mit der Hand in den Nacken. »Ich komme auch aus diesen Verhältnissen. Das ist ein beschissenes Leben, das ihr euch nicht mal vorstellen könnt, Kinder. Die meisten, die in den Vierteln geboren wurden, wie ich, wollen nicht die Unschuldigen bekämpfen, sondern hochgreifen. Sie wollen Rache, weil wir Dinge gesehen haben, die sich niemand vorstellen kann. Der Anschlag war an die Cruoren gerichtet und kein« Er starrte Eos an. »Ich betone kein Ablenkungsversuch zum Zweck Scarlett zu entführen. Die Welt dreht sich nicht einzig um sie.«
»Was macht man mit ihr. Du weißt etwas?«, fragte Dolunay, fühlte sich fast schon schuldig, die Stimme zu erheben. Das Gespräch war angeregt und ihre ruhige Frage wie aus dem Kontext gerissen.
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Blut eines Cruors
Fantasía[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
