Dolunay verschluckte sich fast an ihrem eigenen Atem.
Der Sohn des Priesters.
Der Sohn des Priesters, von dem sie gedacht — gar gehofft — hatte, ihn erfolgreich umgebracht zu haben.
Offensichtlich hatte sie es nicht.
Und sein eigener Sohn hatte sie gezielt gesucht. Er hatte sie gefunden; saß nun unmittelbar neben ihr.
Sie wollte sich nicht einmal umsehen, traute sich nicht, den Blick von den Mädchen abzuwenden. Beide ließen sich von ihren Eltern auftischen. Eines von ihnen hatte ein Spielzeug vor sich und ließ das Pferd mit einem Finger über die Marmorplatte laufen.
Aus dem Augenwinkel hingegen nahm Dolunay jede Bewegung wahr, die der Aart veranstaltete. Er hatte sich ordentlich hingesetzt, nahm ein Glas an die Lippen.
Ein leichter Bart, dunkle Augen, wellig-strähnige Haare und ein schiefes Lächeln — das war alles, was Dolunay von ihm sehen konnte. Sie würde gerne ihren Kopf zu ihm wenden, um herauszufinden, ob das an seiner Wange ein Schatten, oder eine breite Narbe war.
»Bedienen Sie sich.« Die Herzogin deutete auf einen vollen Teller. In einige Beilagen gebettet lag ein Schwan.
Ein Schwan. Fleisch.
Der Sohn des Priesters schien dasselbe zu denken, bedeckte sich mit dem Handrücken den Mund, als würde er überlegen, was er sagen sollte. »Also. Danke«, begann er schließlich zu gestehen — rau, aber selbstsicher — und blickte zu den Herrschaften auf. »Aber wir sind-«
Der Herzog riss die Lider auf, lehnte sich im Stuhl zurück. Er verstand. »Stimmt.«
»Oh nein«, murmelte seine Frau. »Das haben wir ja komplett vergessen.«
Beide Kinder fingen aufgebracht an zu fragen, was los sei.
Jedes Wort hämmerte in Dolunays Kopf. Es waren zu viele Eindrücke für sie.
Der Aart wusste, dass sie seinen Vater umbringen wollte.
Er wusste, dass eben sie der Schütze war.
Er hatte sie beabsichtigt gesucht und hier gefunden.
Ausgerechnet mit ihm zukünftig zu arbeiten; in einer Kammer neben seiner zu schlafen. Mit ihm in einem Haus leben.
Wie sollte sie essen, ohne zu befürchten dass es vergiftet war; oder ihm den Rücken zukehren, ohne mit einem Messer rechnen zu müssen. Es war zu gefährlich.
Doch sie konnte ihn nicht umbringen, ohne ihre Arbeit dadurch zu riskieren. Sobald sie verdächtigt werden würde, würde sie nicht mehr hier arbeiten dürfen. Und wenn sie hier nicht mehr arbeiten durfte, könnte sie dem Herzog auch nicht das Gedächtnis löschen. Sie würde wieder versagen.
Eins würde auf das andere folgen und die Feststellung wog so schwer, dass Dolunay vor Wut beinahe ihren Teller heruntergeworfen hätte.
Zu ihrem Glück begann die Mutter ihren Kindern zu erklären, dass die Aart sich ausschließlich vegetarisch ernährten, woraufhin die Kleinen aufhörten, zu fragen.
Der Herzog hatte sich bereits hingestellt, um zurück in die Küche zu gehen und dem Koch Bescheid zu geben. Auf dem Weg hingegen verharrte er und drehte sich zu ihnen. »Wir haben noch Pilzragout von gestern?«
»Klingt gut«, antwortete Dolunay nüchtern, auch wenn sich bei dem Gedanken von Essen ihr Hals zuschnürte.
Als sie alleine mit der Frau und den Mädchen — die bereits zu essen angefangen hatten — am Tisch saßen, begann die Herzogin: »Übrigens, wenn ihr uns bedient, macht euch damit keine Sorgen. Wir tischen uns im Regelfall selbst auf. Es reicht, wenn ihr vor dem Speisen die Teller auf den Tisch stellt. In der Zeit, in der wir essen, könnt ihr selbst das auch.« Sie wedelte mit der Hand. »Eine Ausnahme ist dabei selbstverständlich, wenn wir Gäste empfangen, oder eine Feier stattfindet.«
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Blut eines Cruors
Fantasía[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
