Rhun hatte weiterhin seinen Blick auf die Bibliothek fixiert.
Zorns verschlüsselte Briefe... wie stark konnten sie überhaupt verschlüsselt sein?
Sein Herr musste ihn nicht einmal ansehen, um entfernt zu ahnen, was er vorhatte. »Wenn du meinst, dass die Bücher der Bibliothek dir Antworten bieten... Wenn du dich dann besser fühlst, dann nur zu, beließ dich.«
Doch Rhun wollte sich an ganz anderen Quellen informieren. »Ich vertraue dir. Ich bin nur-«
»Gefühlvoll. Das bist du.«
»Ich wag zu behaupten, dass ich für meine Emotionen nicht die Schuld trage.«
Zorn lehnte sich zurück, fügte mit Nachdruck in der Stimme hinzu: »Tust du auch nicht, Rhun. Sei trotzdem vorsichtig, dass dich niemand dabei entdeckt, wie du heimliche Ermittlungen durchzuführen wünscht. Deine Absichten sind unedel.«
»Ich weiß, dass mir für meine Taten Strafen drohen könnten. Ich wünsche hingegen nicht, euch auszuspionieren. Ich möchte lediglich meinen eigenen Wissensdurst stillen.«
»Da ist kein Unterschied. Aber los, mach, was dein Verstand dir einredet.«
Rhun antwortete darauf nicht, befand sich stattdessen bereits in der Bibliothek, deren Regale bis fast an die Decke schossen. Mehrere Ebenen wies die Räumlichkeit auf. Dazu Sitzplätze in Nischen, Fensterbänke, hergerichtete Lebensmittel...
Zorns Worte hallten in Rhuns Kopf wider, während er sich durch die Regale bewegte. Hin und wieder entdeckte er eine Gestalt zwischen den Büchern, oder den kleinen Bibliothekar, wie er mit einer Leiter hantierte.
Der Kopf des Nachtschwärmers neigte sich zur Seite und er starrte ihn an — mehr mit dem Ausdruck eines neugierigen Tieres, als einer intelligenten Lebensform. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Wenn ich das selbst wüsste« Er trat näher heran und der Bibliothekar versteinerte in seinen Bewegungen.
Die Schultern des Mannes waren zu steif, als dass sein Lächeln echt sein könnte. »Vielleicht interessieren Sie sich ja für unseren Besuch aus Weyfris. Eine Händlerin ist im Nebenraum und berichtet von den Ereignissen ihrer Reise. Sie hat einiges erlebt, was sie möglicherweise ebenso interessieren könnte, Veu.«
Die Kehle beinahe wässrig, wollten die Worte aus seinem Mund herausströmen. Es interessierte ihn reichlich wenig, was eine Frau auf ihrem Weg durch das Land erlebte. Außer sie hätte Informationen zu den Experimenten im Untergrund, oder dem Geschehen an der Grenze.
»Ich bin nur hier, um die Dokumente meines Herren abzuholen«, gab Rhun zur Antwort. Er wandte sich ab, noch ehe jemand ihn ansprechen konnte.
Die Theke hatte sich zwischen den Regalen eingefunden — oftmals leer gelassen. Angeleuchtet vom Sonnenlicht hingegen war es, als sei das gold-gestrichene Holz extra dafür angefertigt worden, die Strahlen einzufangen.
Ein weiblicher Cruor hatte sich daneben eingefunden und sortierte die ledergebundenen Werke in weitere Schränke. Ihre hellen Augen folgten Rhun, während er sich an die Theke stellte. Für einen Moment bewegte sie sich nicht, dann schob sie ihm einen Stapel Pergamente zu. »Richtig?«, vergewisserte sie sich, aber wandte sich im selben Augenblick wieder an die Regale hinter sich.
Er schob die Schleifenbänder vom Papier, um Zorns schräge Schrift lesen zu können. Zahlen. Durchgestrichen, untermalt mit blauer Tinte, mit Kreisen hervorgehoben; kleinere Symbole an den Seiten und oberhalb des Randes einige Runen, die darauf hinwiesen, wozu diese Zahlen dienen sollten. So viele Ziffern reihten sich aneinander, dass sich ein träger Druck in Rhuns Muskeln schlich, als er an die lange Arbeit dachte.
Zahlen, deren Bedeutungen er nicht kannte. Einem empathischen Cruoren konnte man nichts anvertrauen. Er hatte zu viele Gefühle, war nicht vertrauenswürdig genug.
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Blut eines Cruors
Fantasy[Wattys 2022 Winner] »Wir sind Kreaturen des Lichtes und doch steckt in uns eine solche Dunkelheit. Willst du wirklich erfahren, was dann erst die Schatten kreieren?« Seitdem die Cruoren die Macht an sich gerissen haben, hat sich die kleine Hafensta...
