Kapitel 9;1 - Ramous

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Eos lag falsch.
Falsch damit, als sie geschätzt hatte, wann Scarlett bereit wäre, es sich anzuhören.

Seit sie von ihrem Ausflug zurückgekehrt waren, war eine halbe Woche vergangen. Beide hatten einander seither nicht gesehen.

Falsch damit, als sie sich Scarletts Reaktion vorgestellt hatte, wenn sie ihr von dem Ausflug erzählte.

Die Formwandlerin hatte sich erkundigt, ob es jedem gut ginge; dann das Thema abgeschüttelt. Hatte keine Fragen gestellt, ob sich die Droge nun in ihrer Obhut befand, oder wann ihr erster Auftrag stattfand — nichts.
Eos war nicht einmal dazu gekommen, ihr zu beichten, was die Situation mit dem Aart für Folgen getragen hatte. 

Falsch damit, als sie dachte, die Konversation würde sich nicht unangenehm anfühlen.

Als könnte Eos sich ablenken, betrachtete sie ihre Beine. Das Wasser floss unter ihren Schuhen vorbei — in einem Strom, der den Nachthimmel reflektierte. Beide Monde färbten die Oberfläche in silbrigem Schein, während einige Blätter den Kanal entlanggetrieben wurden.

Neben ihr hatte Scarlett den Blick in die Weite gesenkt; ihre Erscheinung dabei so ergraut wie das Wasser... Als sei sie krank.
In ihren Augen schimmerte Bitterkeit — die Finger angespannt, die Schultern eingesackt... Eos konnte nicht wirklich lesen, ob sie traurig, oder wütend war.

»Möchtest du noch über das reden, was in der Grenze passiert ist, hm?«, bot sie schließlich an.

Doch sie schüttelte den Kopf — zu schwach, um eine ausdrucksstarke Antwort zu sein. »Nein. Sprich gerne weiter über euren Ausflug. Was meintest du mit dem Priester vorhin?«

»Du bist schlecht drauf«, stellte Eos fest. Scarlett schwieg so lange, dass sie nicht davon ausging, dass noch eine Antwort folgen würde. Die Nachtschwärmerin antwortete daher selbst: »Der Ausflug war eine... brutale Katastrophe. Das hat dir sicher schon jemand erzählt. Oder?«

Sie hob den Blick, sah zur Seite. Ihre grünen Iriden schienen im Verlangen nach Informationen zu leuchten. »Ich habe mit niemand anderem darüber geredet, wieso? Was hat der denn noch gesagt?«

Eos berichtete — in Detail. Erklärte alles, was geschehen war und konnte dabei fühlen, wie die alte Erinnerung wieder in ihr aufkam. Dann fuhr die Anspannung aus ihrem Rückgrat, sie sackte nach vorne. »Wir haben das Produkt trotzdem bekommen.«

Ihre Augen waren zwar im Schreck geweitet, doch sie äußerte sich nicht dazu — war es gewohnt dass die Ausflüge brutal enden konnten. »Und wann ist dein erster Auftrag?«

»Mein Auftrag.« Ihre Finger fuhren über das Moos der Steine. Ihre Haut so dunkel, dass der Granit blass unter ihren Berührungen wirkte. »Es ist nicht mein Auftrag. Generell ist es kein Auftrag — davon kann man nicht sprechen. Wir würden niemandem das Gedächtnis löschen, weil wir dafür bezahlt werden. wir-«

Scarlett zwang sich ein Lächeln auf die Lippen, legte dann aber ihre Hand auf Eos Hose. Sie lehnte sich vor, schluckte, ehe sie zu Worten fand. »Du brauchst nicht so zu tun, als würdest du überlegen, auszusteigen. Ich verstehe, wenn du weitermachen willst.«

Die Augenbrauen der Nachtschwärmerin schnellten nach oben, so stark, dass sie damit rechnete, sie würden ihren Haaransatz berühren. »Ich werde das nicht unterstützen. Ich weiß- also ich weiß, dass du Angst davor hast.«

»Meine Angst davor sollte dich aber nicht aufhalten.« Sie lehnte ihren Kopf an Eos, umkreiste mit ihren Fingernägeln die Bestickungen auf dem Hosenstoff. »Ich werde aussteigen. Das heißt längst nicht, dass du es auch tun solltest. Deine Familie verlässt sich auf dich.«

»Es ist aber... beschissen« Sie hielt inne. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Ich möchte dich nicht beeinflussen. Deine Familie ist abhängig von deiner Arbeit... Selbst, wenn sie moralisch nicht angemessen sein sollte. Du tust alles am Ende zu einem guten Zweck.«

Blut eines CruorsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt