Kapitel 27
Die Woche war bereits vorangeschritten. Es war Donnerstagnachmittag und Sahra stand an ihrem Spind, um ein paar ihrer Bücher mal wieder mit nach Hause zu nehmen. Sie musste sich ja irgendwann mal dazu überwinden. Außerdem hatte Annalena ihr freundlicherweise ihre Unterstützung angeboten (sie hatte das Ganze sogar vorgeschlagen), zumindest bis sie zum Training musste.
Letzten Freitag wurden die Bewerbungen der Kandidatinnen und Kandidaten für den Studierenden Vorsitz offiziell. Sahra hatte am Mittwochabend ein kurzes Interview für einen Steckbrief mit Linda gemacht. Ein zweites Gespräch würde wohl demnächst anstehen, da ging es dann auch mehr um (sozial-) politische Positionen und Engagement, für einen detaillierten Überblick zur Person.
Gestern Vormittag wurde Sahra von einem Kommilitonen aus ihrem Russischkurs zur Benefizgala am Samstag eingeladen. Ja, es stand tatsächlich eine Gala an. Der Student war Teil der Unimannschaft im Leistungsschwimmen und sie hatten schon an einem Projekt zusammengearbeitet. Aber Sahra hielt nichts davon zu so einer Gala zu gehen... zumindest nicht mit ihm.
Es war ja irgendwie für den guten Zweck, die Uni musste ja auch irgendwo ein bisschen Geld herbekommen. [Leute ich weiß, dass das so NICHT funktioniert, ich brauchte nur eine Ausrede für die Gala, tbh!] Wenn Cem oder Annalena sie gefragt hätten, dann hätte sie nicht nein gesagt. Und Anne wäre wohl auch ohne die Begleitung von jemanden zu sein reingekommen.
Aber Annalena hatte nach dem Gerücht am Donnerstag vor einer Woche wohl kaum vor mit Begleitung aufzutauchen – zumindest hatte sie gegenüber ihrer MitbewohnerInnen kein Wort über eine mögliche Begleitung verloren. Und selbst wenn, dann vielleicht mit Robert... aber zwischen den beiden war die Lage zurzeit etwas angespannt, also wohl eher nicht. Und Cem hatte noch niemanden gefragt.
Die Gerüchteseite wusste auch nicht mehr über die beiden. Trotzdem postete sie ständig angeblich 'confirmte' Begleitungen des Fußball- und Schwimmteams in ihre Story. Die schienen irgendwie besonders interessant zu sein, den Hype verstand Sahra ja gar nicht.
Nicht, dass Sahra sich den Mist anschaute, aber sie wusste dadurch mittlerweile, dass auch Christian Lindner vor Ort sein würde. Er ging nämlich mit einer Verteidigerin der Fußballmannschaft, mit Franca. Bijan ging mit Julia und Lars mit einer Studentin, die Sahra nicht kannte. Alices Namen hatte sie noch nicht auf der Liste gelesen. Verehrerinnen hatte sie sicherlich einige, aber warum ging sie mit keiner?
Annalena räusperte sich und drückte Sahra ein Buch in die Hand. „Na gut, es wird jetzt auch Zeit für mich." Sie schulterte ihre Sporttasche und verabschiedete sich dann von Sahra. Diese sah ihr kurz hinterher; während Annalena den Gang hinunterlief, zog sie ihr Handy heraus. Dann fiel Sahras Blick auf das Buch, das sie in den Händen hielt und sie runzelte die Stirn. „Was..."
Sahra hatte keine Ahnung, wie dieses Buch in ihren Spind gekommen war. Es war nämlich gar nicht ihres. Und sie hatte es auch noch nie zuvor gesehen. Iphigenie auf Tauris. Natürlich kannte sie das Werk und besaß es auch, aber dieses Buch, mit seinem Pergamenteinband, dem goldenen Rückentitel, Filetenvergoldung und dem Kopfgoldschnitt hatte sie noch nie gesehen.
Das Signal von Annalena kam und Alice atmete tief durch. Lille, du schaffst das, jetzt ist es eh zu spät. Beweg dich! Und dann bog sie auf den Gang ein, auf dem Sahra gerade verwirrt das Buch ansah.
Heiko hat es geschafft Macron zu fragen! Das ist nur Sahra. Das ist SAHRA! Sie blieb wie angewurzelt stehen. Sahra blickte auf und sah sie an. Mist, sie hat dich gesehen! Einen Fuß vor den anderen.
Alice kam vor Sahra zum Stehen. Hände aus den Taschen und gerader Rücken. Alices Stimme war zwar ruhig, aber die Aufregung machte sich durch ihre beinahe übertriebene Lautstärke bemerkbar. „Ja hallo, Sahra! Was hast du da?" Sie hörte sich an wie ein Roboter, der das betonte Sprechen erst noch lernen musste.
„Iphigenie auf Tauris." Sahra fuhr mit zwei Fingern über den Buchrücken. Alice starrte.
„So?"
„Das gehört mir aber nicht."
„Vielleicht steht ein Name drin?", meinte Alice und sah sie an.
„Ich hoffe doch nicht! Das sieht teuer aus", sagte Sahra, während sie das Buch aufklappte. Es fiel ein Zettel zu Boden. Alice hob ihn schnell auf und reichte ihn ihr.
Sahra sah ihn sich an. Dann faltete sie den Zettel auf und Alice hielt unbewusst die Luft an.
Sie hätte natürlich niemals in das Buch geschrieben. Dafür hatte sie mal eben um die 500 Tacken ausgegeben. Mit einer persönlichen Signatur würde der Wert sofort fallen. Eigentlich wollte sie Sahra ja eine Erstausgabe von Faust schenken, aber da bekam man nichts unter 1600 und das hätte sie ihr mal nicht eben so erklären können.
Anscheinend hatte Sahra den Text durchgelesen, denn sie faltete ihn wieder zusammen und sah Alice sprachlos an. War es zu kitschig gewesen? Es war das selbstgeschriebene Gedicht, an dem sie sich versucht hatte. Das war zu viel des Guten.
„Du sagst ja gar nichts", meinte Alice zögerlich.
„Du... Ich..."
Alice lächelte.
„Es hat mir ehrlicherweise kurz die Sprache verschlagen."
Das war sicher im positiven Sinne gemeint. „Bekomme ich trotzdem noch eine Antwort? Du kannst es mir ja auch schreiben."
„Nein."
Alice entgleisten die Gesichtszüge.
Sofort fügte Sahra eine Erklärung hinzu: „Oh Gott, nein, so war das nicht gemeint! Ich werde es dir nicht schreiben, sondern sagen. Jetzt. Hier. Ja, sehr gerne. Sehr gerne würde ich mit dir zur Benefizgala gehen."
Der Blondine fiel ein Stein vom Herzen. „Oh man, du hast mich richtig erschreckt gerade." Sie lachte etwas und dann machte Sahra den Schritt auf sie zu und umarmte sie. Alice legte ihre Hände zaghaft an Sahras Rücken.
Als sie sich voneinander lösten begann Alice wieder zu reden. „Du hast es sicherlich schon gelesen. Goethe ist ja einer deiner Lieblingsautoren, aber ich habe es gesehen und musste an dich denken."
„Danke Alice." Sahra wurde rot! „So viel Ahnung hab ich davon jetzt zwar nicht, aber das sieht wirklich teuer aus."
„Mach dir keine Gedanken, ich hab dafür einen guten Preis bekommen beim Händler. Ich hab da ein paar Verbindungen."
Falls es mal finanziell eng wird, dann wäre das natürlich auch eine Art Notgroschen. Aber Alice würde es nie so weit kommen lassen.
„Danke schön."
Alice lächelte. „Was sagst du zum Gedicht?"
„Also aus fachlich – vergiss das. Ich fand es total schön. Danke Alice."
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Bundestag College AU
FanfictionDer Titel und das Cover Art sagen eigentlich schon alles aus, was man über diese Geschichte wissen sollte. Falls es doch etwas detaillierter sein soll, dann gibt es vor dem ersten Kapitel eine kleine Übersicht. :) Crack-esque
