Kapitel 6
Es war kurz vor vier und Alice saß bereits mit Heiko und Janine im Seminarraum, in dem sie heute ihre Vorbesprechung halten würden. Heiko erzählte gerade von seinem einen Einsatz, zu dem er heute gerufen wurde.
„Nein, die machen das immer noch?", fragte Janine ungläubig.
„Doch, tatsächlich. Wir haben irgendwo ein Leck... da gibt jemand die Dienstpläne raus."
Es war so: Heiko war auch bei den Schulsanitätern, und jedes Mal, wenn er Bereitschaft hatte, kam es vermehrt zum Missbrauch der Hotline. Der Dienst wurde angerufen, wenn es sich um angeblichen Schwindel oder starke Kopf- und Bauchschmerzen handelte – alles meist nur ein Vorwand, um ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen. Denn sobald er sich dann verabschiedete, oder jemand anderes übernahm, damit er zum Unterricht zurückkehren konnte, ging es den Studentinnen immer ganz plötzlich wieder super. Vielleicht war Heiko aber auch nur ein Wunderheiler, sowas wie Jesus. Wer weiß.
Allmählich trudelten auch die restlichen Tratschtanten ein und Bärbel begann mit ihrer Ansprache.
Es war kurz vor sechs, als sie an diesem Abend das Spielfeld verließen. Ihre Leichtathletik-Kollegen trafen sie auf dem Weg zu den Umkleiden. Sie hatten in etwa zeitgleich mit dem Training aufgehört. Lars erzählte von einem Gerücht, das er über die Strategie der Fußballmannschaf der JU gehört hatte.
„Wir sollten uns trotzdem nicht drauf verlassen, dass das wahr ist." meinte Bijan und alle stimmten ihm zu, dann begann er von seinen krassen Kopfbällen, Alice driftete gedanklich weg. Sahra lief vor ihr und unterhielt sich mit Anne. Ihre sonst immer so akkurate Frisur hatte viele lose Strähnen, aber sie sah trotzdem wunderschön aus – irgendwie hatte das ja auch etwas, dieses verschwitzte Erscheinungsbild. Alice biss sich unbewusst auf die Lippe.
Annalena hielt sie am Arm fest und holte sie mit einem Mal in die Realität zurück. „Unsere Umkleide ist hier, Lille." Sie grinste und zeigte auf die Tür, an der Alice beinahe vorbeigelaufen wäre.
„Wo wolltest du denn hin?"
Sie sah Sahra, Anne und ein paar weitere Leichtathletikerinnen in der Umkleide zwei Türen weiter verschwinden. Dann blickte sie zu Annalena, „Keine Ahnung. Ich war wohl gerade in Gedanken."
Die Duschen waren bei ihnen außer Betrieb und so mussten sie heute auf die reguläre Dusche nach dem Training verzichten. Sie verabschiedeten sich flott von den restlichen Teammitgliedern und trafen Cem auf dem Gang vor den Umkleiden, er hatte seinen Helm und den Schlüssel für sein Fahrradschloss bereits in der Hand.
„Ich denke fahr noch schnell beim Discounter vorbei und kauf ein Brot, der Bäcker hat schon zu. Wir müssen die Woche unbedingt einkaufen gehen, wenn wir Bastet nicht ihr Futter wegessen wollen. Bei uns im Kühlschrank siehts nicht gut aus."
Annalena nickte, „Danke Cem, du bist ein Schatz."
Sie liefen noch gemeinsam zum Ausgang, dann verabschiedete er sich von ihnen und ihre Wege trennten sich als er zum Fahrradstellplatz lief und sie zur Haltestelle.
Überraschenderweise standen Sahra und Anne bereits an der Haltestelle.
„Die Duschen?", fragte Annalena.
„Bei euch auch?", grinste Anne.
„Woran habt ihr es gemerkt, an unseren glänzenden Gesichtern oder an unserem besonders charmanten Duft?", scherzte Alice.
Sahra lächelte, „So schlimm ist beides nicht."
„Der Scholz hat euch heute ja ganz schön um den Platz gejagt." Annalena sah die beiden an.
„Naja, gehört dazu, nicht wahr?", grinste Anne.
Alice und Sahra standen schweigend da und sahen sich gegenseitig an. Annalena dachte ja, dass es nicht offensichtlicher sein konnte, dass die beiden den übelsten Crush aufeinander hatten. Trotzdem schienen sie es nicht zu merken – wie konnte man so schlau sein und gleichzeitig so unbeholfen in Punkto sozialer Beziehungen.
„Eigentlich können wir das den anderen Fahrgästen nicht zumuten", scherzte Annalena. „Ich meine unseren After-Workout-Körpergeruch und das hier", sie schlug demonstrativ auf ihre Sporttasche, in der unter anderem ihre durchschwitzen Klamotten und die Schuhe waren.
„Meinst du wir sollten das Stück laufen?" Anne sah sie an.
Cem radelte auf seinem Fahrrad vorbei und winkte ihnen zu.
„Ach ja, Cem kauft Brot."
„Mmh, lecker", grinste Anne.
„Kommst du noch das Stück mit, Lille? Oder steigst du hier ein?"
Endlich bewegte Alice sich wieder und sah jetzt zu Annalena, die sie etwas gefragt hatte. „Ach wieso nicht. Ob ich hier oder bei euch in den Bus einsteige, macht fast ja keinen Unterschied."
„Toll." Annalena lief mit Anne los und drehte sich zu Sahra und Alice um: „Kommt ihr?" Und so setzten auch sie sich in Bewegung. Wie komisch das alles für Außenstehende hatte wirken müssen, darüber war sich keiner von ihnen bewusst.
Sie redeten ein bisschen untereinander. In der nächsten Straße trafen sie zufällig ein paar Montagsspaziergänger. Pegida Deppen, Neonazis und der Mitläuferschmutz – hatten die montagabends nichts Besseres zu tun als auf der Straße rumzuhängen? Gegendemos waren was anderes. Das war Ehrensache. Heute Abend kam es auf dem Heimweg zu keiner Auseinandersetzung; irgendwie waren sie alle froh darüber.
Einen schönen Mittwoch <3
DU LIEST GERADE
Bundestag College AU
Fiksi PenggemarDer Titel und das Cover Art sagen eigentlich schon alles aus, was man über diese Geschichte wissen sollte. Falls es doch etwas detaillierter sein soll, dann gibt es vor dem ersten Kapitel eine kleine Übersicht. :) Crack-esque
