Kapitel 70

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Kapitel 70

Linda stand verwirrt vor der Bank, auf der sie Sahra damals das erste Mal gesehen und angesprochen hatte. Aber hier war sie ja komplett falsch! Was ist heute nur los mit dir, Linda? Sie schüttelte ihren Kopf und sah auf die Uhr. Daraufhin verließ sie sofort den Hof und rannte in Richtung der Teilbibliothek.

Sie kam vom Indisch-Essen. Also nicht direkt vom Restaurant, sondern mit einem kleinen Umweg. Linda, Sahra und Robert waren zur Besprechung der Wahlkampfstrategie in der TB Philosophie verabredet. Nur hatte Robert vorhin beim Abendessen kurzfristig abgesagt. Er hatte sich tausendmal entschuldigt und gefragt, ob sie es verschieben sollten, aber Linda meinte, sie könnten ihm die Ergebnisse des Abends ja zukommen lassen und beim nächsten Mal wäre er dann wieder mit dabei.

Ziemlich aus der Puste stieg sie also die Wendeltreppe zu den schweren Holztüren der Bibliothek hoch. Linda öffnete eine Tür und trat ein. Mittlerweile konnte sie voll und ganz verstehen wieso das Sahras Lieblingsbibliothek war.

Die anderen Teilbibliotheken waren innen moderner gehalten: helle Wände, relativ neue Regale, überall Arbeitsplätze mit Steckdosen oder Computern. Diese Bibliothek war so ziemlich das Gegenteil davon; außerdem eine der kleineren, zumindest was den Bestand anging.

Der Raum, den Linda betreten hatte war ein alter Hörsaal. Er war zweistöckig und offen. Die Wände waren mit Holz verkleidet, das mit Schnitzereien verziert war. Einige der Regale, in denen die Bücher standen, waren noch aus Holz andere schon aus Metall. Es war einfach ein ganz anderes Gefühl diese Bibliothek zu betreten.

Linda könnte sich hier niemals aufs Arbeiten, geschweige denn Lernen konzentrieren. Naja, vielleicht schon, aber dafür war diese Bibliothek doch viel zu Schade. Das hier war ein Ort, an dem man sich ein gemütliches Plätzchen suchte und dann ein Buch las, während man die ganze Atmosphäre einfach auf sich wirken ließ. Im Obergeschoss gab es Ledersofas und Sessel. Linda war geschockt und begeistert zugleich gewesen, als sie diese das erste Mal gesehen hatte.

Sie hatte nicht gemerkt, dass sie im Eingangsbereich stehen geblieben war. Erst als sie eine bekannte Stimme hinter sich vernahm, holte sie das aus ihren Gedanken raus und ließ sie umdrehen.

„Steh doch bitte nicht so im Weg rum, sag mal – Oh Linda, du bist es. Hallo!" Julia war heute Abend also auch hier. Sie schien verwirrt über Lindas Anwesenheit zu sein. „Was machst du hier?"

„Hi... Ich treffe mich hier mit jemanden", antwortete Linda und sah sich nach Sahra um. „Ich bin aber schon viel zu spät dran... also, machs gut, Julzie."

Sie ließ eine verdutzte Julia zurück und nahm Kurs auf die nächste Treppe, die zum Obergeschoss führte. Es war nicht viel los heute Abend, deshalb hatte Linda Sahra auch zwei Minuten später bereits gefunden. Sie saß auf einem der Sofas und las ein Buch.

Sahra sah auf, als Linda sich neben sie setzte und ihre Tasche auf den Boden neben das Sofa stellte. „Hey, entschuldige bitte die Verspätung. Ich hab mich verlaufen."

Sahra schmunzelte. „Gar kein Problem, Linda." Sie legte ihr Buch beiseite und sah sie an. „Na gut, auf Robert brauchen wir ja nicht warten."

„Genau." Linda packte ihr Notebook aus. „Gut, fangen wir mit dem Onlinewahlkampf an."

„Linda warte. Bevor wir anfangen... können wir mal reden?"

„Natürlich."

Und dann erzählte Sahra ihr von Alice und Annalena, und was gestern passiert ist und was heute Morgen war. Dass sie unsicher ist, was das zu bedeuten hatte, aber dass Alice ihr alles erzählt hat und keine Geheimnisse haben wollte. Sahra selbst ihr aber noch nicht alles erzählt hatte. War das vertretbar? Konnte man von jemanden vollkommene Offenheit verlangen, während man zugleich selbst Geheimnisse hatte?

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