Kapitel 56

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Kapitel 56

Sahra saß im Bus und starrte gedankenverloren in die Luft. Jetzt so im Nachhinein betrachtet war gestern Abend doch gar nicht zu schlimm gewesen. Vielleicht waren reiche Menschen einfach... anders. Man musste nachsichtig mit ihnen sein – nein, musste man eigentlich nicht. Gerade solche Leute sollten doch Manieren haben. Könnte man meinen.

Beim Abendessen war es ziemlich kritisch geworden und es war fast der Punkt erreicht gewesen, an dem sie einfach gegangen wäre. Aber Linda und Alice hatten sie wieder etwas beruhigen können. Vielleicht hatte sie aber auch überreagiert.

Um ein Haar hatte Sahra ihre Haltestelle verpasst.

Sie griff sich ihre Tasche und eilte noch schnell nach draußen. Es war nicht optimal gelaufen, ja. Aber Alice... Sie mochte Alice sehr. Da nahm sie auch ihren komischen Vater in Kauf.

Ihre Freundin saß draußen vorm Gebäude auf einer Bank mit Christian. Als sie Sahra entdeckte, stand sie auf und lief zügig auf sie zu. Sahra blieb stehen und wartete.

„Guten Morgen."

„Ja hallo, Sahra, es tut mir so leid. Es ist gestern wirklich schlecht gelaufen, ich weiß–"

„Alice. Bitte." Sie nahm ihre Hände und lächelte. „Mach dir keine Gedanken. Das kann schon mal passieren. Nur weil es mal nicht lief, geht schon nicht gleich die Welt unter."

Und den Blick von Alices Vaters zu sehen, als er realisiert hatte, dass Sahra ihn beim Thema Soziale Gerechtigkeit vollkommen an die Wand argumentiert hatte, das war schon ein bisschen Genugtuung gewesen; obwohl Sahra ja nicht wusste, ob sie ihn dabei wirklich überzeugen hat können. Vermutlich nicht.

„Ich möchte das echt ungern zur Gewohnheit machen, mich jeden Montag bei dir zu entschuldigen."

Sahra lachte etwas auf und legte eine Hand an Alices Wange. „Ich auch nicht. Also lassen wir es nicht zur Gewohnheit werden."


Um zehn vor zwölf nahmen Robert und Sahra an einem Tisch in der Mensa Platz. Sie hatte beschlossen sich schon mal etwas zum Essen zu holen, bevor gleich der große Ansturm kam. Sie warteten außerdem auf Anne und Linda.

„Und, wie läufts mit den Wahlkampfvorbereitungen?", wollte Robert wissen, während er das Dressing seiner Salatbeilage vermischte.

„Heute Nachmittag treffe ich mich mit Professor Gysi."

„Sahra, ich werde dich auf jeden Fall aus aller Kraft unterstützen."

Sahra blickte zur Seite und sah Robert lächeln.

„Das ist lieb von dir. Aber was ist mit Christian?"

Seitdem Robert und Christian zusammengekommen waren – das waren jetzt ziemlich genau zwei Wochen, wie bei Alice und ihr – und er sich bei Linda entschuldigt hatte, hat der blonde Student langsam immer mehr Zeit mit ihnen und ihrer Gruppe verbracht.

Sahra hatte während dieser zwei Wochen feststellen müssen, dass Christian in Wirklichkeit gar nicht so ätzend war. Und jetzt hatte er auch noch irgendwas mit Alice zu tun... gut, so manche Dinge ergaben mit diesem Wissen jetzt natürlich ein bisschen mehr Sinn. Zum Beispiel, dass Christian so nett zu ihr gewesen war am Montag vor zwei Wochen.

„Das ist doch kein Interessenskonflikt, oder?" Robert grinste und stupste sie sanft an. „Ich fände es gut, wenn ihr das zusammen schaffen würdet. Ich will endlich Söder diesen Bremser loswerden."

„Du willst doch nur First Gentleman werden", scherzte Sahra und sie beide lachten kurz.

„Naja, Anton Hofreiters Pläne hören sich auch sehr überzeugend an, aber Christian ist mein Freund... also unterstütze ich selbstverständlich seinen Wahlkampf – und so kann man dann ja ein bisschen positiven Einfluss auf ihn nehmen."

Sahra grinste. „So? Das geht aber nicht mit rechten Dingen zu."

Sie sah auf und entdeckte Anne und Linda, die gerade hereinkamen und sich bei der Essensausgabe anstellten. Anne bemerkte die beiden und winkte ihnen zu.

Robert lächelte und winkte zurück während Sahra Linda beobachtete. Äußerlich versuchte diese zwar ihre Erschöpfung zu überspielen, aber ihre Schultern waren verräterisch. Sie ließ sie hängen, als hätte die FDP ein zweistelliges Ergebnis bei der letzten Wahl geholt – halt nein, Linda sympathisierte ja mit dieser Partei. Uff.

„Linda sieht in letzter Zeit sehr müde aus", meinte Robert und Sahra sah ihn überrascht an. Konnte er Gedanken lesen?

„Sie war Freitagnacht in der Bib. Gestern wahrscheinlich auch." Sahra hatte sie nicht erreichen können. „Sie lässt aber auch nicht mit sich reden. Nicht mal auf Anne hört sie."

„Ich mach mir Sorgen. Es ist noch nicht mal Klausurenphase."

Volker kam durch die Menschenschlange gewuselt und übergab Linda einen Ordner, den sie bestimmt vergessen hatte. Oh man, die Arme.


Robert und Sahra beendeten ihr Gespräch als Linda und Anne sich mit ihren Tabletts gegenüber von ihnen an den Tisch setzten.

„Hi ihr beiden", begrüßte Anne sie fröhlich.

„Heyo", lächelte Robert.

„Hallo."

Linda lächelte nur etwas zur Begrüßung, sie fing dann sofort an zu Essen.

Sie alle taten es ihr gleich.

„So, wie machen wir das eigentlich wegen Samstag?", fragte Anne dann und trank einen Schluck. „Wir werden wohl keine Probleme mit den meisten Nachbarn bekommen. Wir bringen halt ein kleines Präsent vorbei und sagen rechtzeitig bescheid. Aber die aus dem dritten..."

„Am besten du gehst zu denen", meinte Sahra. „Annalena können sie gar nicht leiden und Cem ist jetzt auch nicht grade ihr Lieblingsnachbar – aber dann sind sie ja auch offen rassistisch und das erklärt natürlich einiges. Und ich glaube nicht, dass der Skinhead gut auf mich zu sprechen ist, nach gestern."

Robert und Linda sahen Sahra verwirrt an.

Anne seufzte. „Na gut, aber nur für dich, Sahra."

Sahra lächelte dankbar.

„Habt ihr euch schon ein Kostüm für Samstag überlegt?", wollte Robert wissen, er klang ein bisschen aufgeregt.

Annalena kam mit Alice im Schlepptau an den Tisch und pflanzte sich neben Robert auf die Bank.

„Hallo Freundinnen und Freund Robert." Sie legte ihren Arm um ihm und grinste. „Worüber reden wir denn?"

„Sahras Geburtstagsparty."

„Oh nicee!" Annalena klaute Robert etwas Gemüse von seinem Teller.

Alice nahm auf der anderen Seite der Bank neben Sahra Platz und lächelte. „Ja hallo, wie war dein Tut?"

„Gut. Wir haben heute sogar ein bisschen eher aufgehört, weil wir so schnell durch waren mit den Aufgaben."

Alice legte ihren Arm um Sahra und lächelte zufrieden. „Schön."

„Wo habt ihr eigentlich Christian gelassen?", fragte Robert und sah sich um.

„Der quatscht bestimmt noch mit Marco auf dem Gang. Naja, wie auch immer. Also ich weiß ja schon, als wer ich gehe." Und dann begannen Annalena zu erzählen und die anderen hörten zu und setzten ihr Essen fort.

Janine und Cem gesellten sich dann auch noch zu ihnen.

„Dass ich euch hier mal treffe", grinste Cem und setzte sich auf den freien Platz neben Anne; Janine setzte sich neben Linda.

Annalena stand auf, tauschte Seiten und quetschte sich noch neben ihre Freundin. Hauptsächlich um einen Kuss zu erhaschen und Pommes von ihrem Teller zu klauen.

„So, wenn Cem jetzt noch eine Freundin oder einen Freund mitbringt, dann müssen wir entweder anfangen zu stapeln oder wir suchen uns einen neuen Tisch."

„Hast du gehört, Cem? Es liegt an dir", scherzte Robert und winkte dann gleich Christian zu, der jetzt auch Kurs auf den Tisch nahm.


Bisschen Filler-Kapitel. Sorry, dass es nicht wie gewohnt am Montag kam, es ist was passiert, aber alles wieder gut jetzt. Nächstes Kapitel kommt morgen. Kussi

Bundestag College AUGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt