44. Kapitel: Jamie Rodríguez

11 2 0
                                        

Ich folgte Cassidy in den Aufzug. Tief holte ich Luft, lehnte mich dann an die Wand hinter mir.

„Wie kommen Sie auf die Idee, dass es zu groß für mich wäre?", entkam es mit kaum, dass sich die Türen schlossen.

Dass das mehr als ein Sorgerechtsfall war, wusste ich schon lange. Und wenn Chris es wollte, würde ich es auch zu dem machen, was es war: Ein Missbrauchsfall.

Nur dachte ich nicht, dass er so weit gehen würde. Er hatte Angst vor ihr, das sah man. Und ich ging davon aus, dass auch die Jury das sah.

Chris war kein guter Schauspieler. Er schlug sich gut, aber man merkte, wie nahe ihm das alles ging.

Und ich verstand ihn. Als sein Freund. Aber als sein Anwalt wollte ich ihn packen und anschreien, wie er so dumm sein konnte, das nicht zu sagen. Es wäre der klare Sieg, wenn er sich hinsetzte und über alles sprach.

Und vielleicht hätte ich es getan, wenn es nicht Chris wäre. Wenn ich nicht wüsste, wie sehr ihn das mitnahm und aufwühlte.

Enisas bloße Anwesenheit setzte ihm zu.

Und jetzt war er beinahe schon allein mit ihr .

„Also doch neugierig.", hörte ich Cassidy sagen.

Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie sie lächelte. Ich zog die Stirn in Falten, sah zu ihr. Sie lehnte an der Wand des Aufzugs und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.

„Warum sollte es zu groß für mich sein?", fragte ich nochmal, ohne auf den Kommentar einzugehen. „Ich hab schon viel mehr gemacht. Und das war alles viel größer."

„Ich weiß.", sagte sie, warf einen Blick auf ihre Fingerkuppen. „Nur haben Sie diesmal kaum die Zeit für all das."

Ich schnaubte leise auf.

„Sie denken also ich würde hier nicht alles auffahren?"

„Natürlich würden Sie das." Ihre Stimme klang belustigt. „Da hab ich keine Zweifel dran. Wenn es nach Ihnen gehen würde, wüsste schon die ganze Welt davon."

Was wollte sie mir damit jetzt sagen?

Sie drehte sich an die Wand, sah mich direkt an. Leicht stützte sie ihre Arme an die Stützen des Fahrstuhls.

„Mr. Rodríguez, was denken Sie passiert, wenn Sie gewinnen?"

Sie ging davon aus, dass ich gewann?

„Wenn ich gewinne, ist Mary wieder bei ihren Eltern. Und ich sorge dafür, dass diese Frau ihr nie wieder weh tut."

Sie nickte.

„Sie wollen, dass sie ins Gefängnis geht?"

„Wenn es nach mit ginge ja.", sagte ich, verschränkte die Arme vor der Brust. „Bloß ist das kein Kriminalfall. Aber das lässt sich ändern."

Ein Nicken folgte.

„Ich frage nochmal. Sie glauben wirklich, dass es dann vorbei ist?"

„Wenn ich gewinne, ja. Dann ist der Fall vorbei."

Sie seufzte auf, lehnte ihren Kopf gegen die Metallwand. Sie nickte wieder. Sie sah nicht so aus, als war sie da meiner Meinung.

„Sie kann da keinen Einspruch erheben. Nicht bei dem, was wir gegen sie haben. Haben Sie vergessen, was für ein Video es hier gibt? Sie haben schon zwei Zeugen verloren. Soweit ich weiß haben Sie nicht mal zehn. Der Fall ist jetzt schon klar. Sie könnten aufgeben. Es kommt auf das Gleiche raus."

Sie blieb einen Moment leise. Ich hörte, das Klingeln von dem Fahrstuhl.

Bevor er sich öffnete, drückte ich auf das Schließen-Symbol, sah sie weiter an.

MaryGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt