„Mary?"
Abrupt hob ich den Blick, sah die blonde Frau vor mir an.
„Ja?"
Miss Winterbottom sah mich an.
Seitdem ich bei Enisa wohnte, war ich jede Woche hier. Letztes Jahr hatte es mich gestört. Jetzt war ich gerne hier.
Es war ja nicht so, dass ich viel verpasste.
Wenn ich zu Hause war, saß ich auch nur rum. Und ich hatte kaum jemanden, mit dem ich reden konnte. Auf jeden Fall niemanden, der antwortete.
Enisas „Babysitter" für mich arbeiteten ohnehin immer nur nebenbei.
Und meine Kontakte in der Schule hielten sich auch in Grenzen.
Miss Winterbottom lächelte, legte ihre Notizen weg.
„Woran denkst du gerade?", fragte sie.
„Nichts besonderes.", erwiderte ich.
Leicht zuckte ich mit den Schultern, sah aus dem Fenster.
„Daran, was ich heute mache, bis ... Enisa wieder kommt?"
Das war eine Lüge. Ich dachte daran, wie viel Zeit ich schinden konnte, damit ich so lang wie möglich hierblieb. Und ich war ziemlich gut darin.
„Okay. Und wie ist das für dich?"
Ich runzelte die Stirn, drehte mich zu ihr um. Jetzt verstand ich absolut nicht, was sie meinte. Ich gab zu, dass ich mich öfter ein wenig dumm stellte, nur damit es länger dauerte, bis wir durch waren.
„Wie ist was für mich? Dass sie viel arbeitet?"
Das war mir ganz recht. Sie war schon wieder so schräg drauf. Da ging ich ihr lieber aus dem Weg.
Also war ihre Freundlichkeit doch nur von kurzer Dauer.
Denn nach den Feiertagen ging es wieder los ...
„Nein, das meine ich nicht." Sie strich sich die kurzen, dunklen Haare hinter das Ohr. „Immerhin ... hat es ja heute einen Grund, dass sie heute nicht zu Hause ist."
Ich hob die Brauen – zuckte wieder mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Ich weiß nichts über ihre Arbeit."
Winterbottom wirkte verwirrt.
Für einen Moment blieb sie still, beugte sich dann etwas zu mir vor.
„Mary? Du weißt nicht, wieso Enisa heute nicht zu Hause ist?", fragte sie nochmal.
Ich schüttelte den Kopf. Sie stellte manchmal echt komische Fragen. So etwas wusste ich nie. Denn ... das war mir egal.
Wenn ich meine Ruhe hatte, war mir der Grund egal.
„Nein, wieso?"
Sie zögerte, sah mich wieder eine Weile an. Dann atmete sie auf, stand auf. Ich sah ihr nach, wie sie etwas von ihrem Schreibtisch holte.
Sie hielt eine Zeitung in der Hand, drehte diese zu mir, so dass ich die Schlagzeile lesen konnte.
„Du wusstest nichts davon?", fragte sie.
Ich zögerte, blickte dann auf die Seite vor mir.
Mir wurde heiß, als ich die Worte las, die dort aufgedruckt waren. Leicht schnappte ich nach Luft, fuhr mit dem Finger über das Bild vor mir.
Es war so komisch, sie nach all der Zeit wieder zu sehen. Und wenn es nur ein Foto war.
Aber ich hatte sie so lange nicht mehr gesehen ...
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Mary
AcakFortsetzung zu: Die Idee von Glück https://www.wattpad.com/story/189409523-die-idee-von-glück Sechs Monate sind seit dem Prozess zwischen Enisa und Chris vergangen. Während Ryan, Chris und auch Bill versuchen mit Hilfe von mehrere Therapeuten, ihr L...
