Wiegenlied
Kapitel 44
»Du willst mir also nicht sagen, wo du gewesen bist?«, fragte Neslihan zum gefühlten hundertsten Male. Sie hatte sich neben mein Bett gehockt.
»Neslihan, es ist drei Uhr, ich will schlafen!«, jammerte ich und versuchte noch den winzigen Moment des Schlafes zu genießen.
»Es ist sechs Uhr, Aslı und jetzt sag, was gestern passiert ist! Wieso warst du so kaputt?«
»Ich hab eine Stunde Zeit zu schlafen.«
»Früh aufstehen ist gesund.«
»Sagt wer?«
Ich presste mein Kopfkissen gegen mein Ohr, während ich seitlich und mit den Rücken zu Neslihan lag.
»Aslı! Ich mache mir Sorgen!«
»Mach dir Sorgen, wenn ich Schlafstörungen kriege.«
»Aslı.«
»Du wirst nicht aufhören, oder?«
Ich gab mich geschlagen und verließ somit mein sicheres, warmes Bett, was mir das Herz zeriss. Shit. Wieso hatte ich keine Ausrede wegen gestern gefunden, während ich gejammert hatte? War ich ehrlich so verschlafen?
»Was ist los?«, versuchte es Neslihan wieder.
»Ich will zuerst ins Badezimmer«, sprach ich und klopfte mir in Gedanken auf die Schulter. Neslihan nickte kurz und ich suchte mir solange, während ich mich fertig machte, eine Ausrede. Nur was könnte denn passiert gewesen sein?
Ich ließ mir ziemlich viel Zeit.
Zur selben Zeit hatte Neslihan zu Frühstück gedeckt und ich setzte mich an den Tisch.
Sie sah sofort zu mir hoch, als ich den Raum betrat. »Wirst du jetzt mit mir reden?«
»Wirst du mich zuerst atmen lassen?«
Sie stöhnte. »Wie hab ich es bloß Jahre lang mit dir ausgehalten?«
»Dieselbe Frage stelle ich mir auch manchmal.«
»Genug geatmet.«
Sie blickte mir besorgt und mit Neugier in die Augen.
»Also, es war wegen einem kleinen Mädchen. Besser gesagt, Cesurs Tochter. Er will sich scheiden lassen und- na ja, sie wird ohne beide Eltern aufwachsen und du weißt doch, wie solche Kinder enden. Sie sind gebrochen und unmöglich nervig.«
Ich lächelte ihr leicht zu.
Es klingelte in dem Moment und ich war so dankbar dafür.
»Wer ist das denn?«, fragte Neslihan.
»Burak«, schoss es mir aus dem Mund, weil es so selbstverständlich für mich geworden war. Neslihan nur wusste nichts davon. Ich stand auf und wollte gerade die Küche verlassen. »Er arbeitet im Restaurant und holt Ecrin und mich ab.«
»Seit wann das denn?«
»Soll ich dir das Datum und die Uhrzeit nennen?«, war das letzte, was ich sagte, als ich aus der Wohnung verschwand.
»Wieso so gute Laune?«, fragte Burak mit einem schiefen Grinsen. »So kenne ich Aslı ja gar nicht.«
»Ja ja, grins du nur«, erwiderte ich, als ich den Strauß Rosen vor Ecrins Tür entdeckte.
»Mal sehen, wie sie reagiert«, meinte Burak. »Sie sind von Mete.«
»Was sagst du dazu?«
»Aslı, geht es dir wirklich gut?«, forschte er und legte seine Hand auf meine Stirn, als ob er messen wollen würde, ob ich Fieber hätte. »Seit wann fragst du, was meine Meinung ist?«
»Wenn du willst, kann ich ja damit aufhören«, entgegnete ich und da kam auch Ecrin aus ihrer Wohnung. Geschockt betrachtete sie den Strauß Rosen.
»Wenn du willst, kann ich es ihm klar machen, dass du nichts von ihm willst«, erklärte Burak in einem rauen ernsten Ton.
»Ist schon gut«, nuschelte Ecrin, als sie den Strauß aufhob und die Karte las. Augenblicklich lief sie eilig den Gang hinunter und verließ das Apartment. Ich lief ihr schnell nach und kam bei ihr an, als sie die Rosen in einen Container warf. Ich wusste nicht wieso, aber egal aus welchem Grund, immer wenn man Rosen wegschmiss, bekam ich einen Stich in die Magengrube.
»Heute ist der Tag, an dem wir uns zum ersten Mal gesehen hatten. Er war gerade neu hier eingezogen.«
Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, ihre Hand zur Faust geballt und dennoch brachte sie ein Lächeln zustande. »Als ob es mich was kümmert«, zischte sie und lief zu Buraks Wagen.
Als ob nicht, dachte ich und folgte ihr.
Im Restaurant frühstückten Burak und Ecrin erst einmal. Ich erklärte ihnen, dass ich zu Hause gegessen hatte und lief dann in das Personalzimmer. Als ich dort meine Tasche öffnete, erblickte ich wieder Kaans Heft über Neslihan. Das hatte ich ganz vergessen und wo ich doch jetzt Zeit hatte, sollte ich vielleicht einmal reinschauen. Auf der ersten Seite waren Bilder von ihr, wo sie noch jung war, eins davon mit meiner Mutter und ein Klassenfoto. Ich hatte mich nie richtig gefragt, was für ein Leben Neslihan hatte, bevor wir zusammengezogen waren. Was wollte sie erreichen? Was war ihr Lebensziel? Wer waren ihre Freunde? War sie verliebt?
Auf den weiteren Seiten war die Kopie ihrer Geburtsurkunde, Informationen über ihre Arbeit, ein Stammbaum, mehrere Kritzeleien, die ich nicht entziffern konnte und dann noch Erkenntnisse und Notizen von Kaan. Er hatte sich ziemlich viele Fragen notiert, die mir Angst bereiteten. Er hatte Schlüsse gezogen, die unmöglich waren. "Neslihan wollte nur das Erbe", stand da geschrieben und dann ein Pfeil "Hat ihre Schwester deshalb rausgeschmissen" und noch ein Pfeil "Will Aslı deshalb behalten" und so ein Scheiß. Wie kam man auf so etwas?
Gerade da platzte Ecrin in das Zimmer. Ich klappte blitzschnell das Heft zu und stopfte es in meine Tasche. Ein leichtes Lächeln brachte ich hervor, um unauffällig zu wirken und lief dann aus dem Raum.
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Wiegenlied
Misteri / ThrillerAslı soll nicht in Schwierigkeiten geraten. Vor allem nicht mit der Polizei. Das erklärt ihre Tante ihr immer wieder aufs Neue. Als sie dann doch in welche gerät und vor einem Polizisten flieht, ist sie auf die Hilfe von Burak, der für sie nur ein...
