Kapitel 56
Eine starke Nachtbrise zog durch unsere Richtung. Vielleicht war es das, was mir eine Gänsehaut verschaffte, vielleicht aber auch sein eiserner Blick. Noch nie hatte ich Burak so gesehen. Er öffnete den Mund, schloss ihn dann aber wieder, als könne er nichts finden, was noch zu sagen übrig war. Keine Sekunde später schüttelte er den Kopf, als könnte er meine Worte damit abschütteln. »Asli, tu mir das nicht an. Nimm mir dich nicht weg.«
Er kam einen Schritt näher und wollte mein Gesicht in seine Hand nehmen, doch ich wich zurück. Seine Hand blieb in der Luft, bis er sie langsam runter nahm und fassungslos zu mir sah. »Du warst doch immer gerade diejenige, die mich deshalb nicht verurteilte. Was hat sich auf einmal geändert?«
Keine Tränen mehr, Aslı. Du musst das durchziehen, dachte ich. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und suchte nach einem Grund. »Dieser Mann«, begann ich und hasste mich dafür. »Hat den Tod seiner Familie immer noch nicht durchgestanden! Und trotzdem folgt ihr ihm wie lästige Fliegen! Ich kann das nicht glauben! Habt ihr so wenig Menschlichkeit in euch? Dein Vater hat- hat so viel zerstört!«
»Das wusstest du vorher schon!«
»Jetzt ist es mir richtig klar geworden! Verdammt. Wenn mein Vater ein Mörder wäre, würdest du etwas mit mir zutun haben wollen!«
»Das wäre mir egal.«
»Lüg nicht herum. An deiner Stelle würde ich glatt dasselbe sagen. Dieselbe Lüge. Ist ja auch dasselbe Blut deines Vaters.«
»Dann verpiss dich doch!«, rief er wütend. »Yallah, hadi (Los)! Wenn du so sehr findest, dass ich nur Abschaum bin, dann kannst du direkt gehen.«
Ich starrte ihn an, meine Beine gehorchten mir nicht. Burak lachte spöttisch auf. »Oder warte, lass mich gehen, bin doch der Mörderssohn.«
Er drehte sich um, lief den Weg wieder zur Villa und verschwand in der Menge.
»Hoşçakal (Leb wohl).«
Er hörte es nicht.
Meine Schritte führten zurück nach Hause. Ich war wie gelähmt, konnte kaum etwas realisieren. Mir war nicht richtig bewusst, was ich verloren hatte. In meiner Brust war ein schwarzes Loch entstanden und sog alles in mir auf. Wie eine Leiche lief ich, würde ich gerne sagen, aber so war es nicht. Mit jeder Pore spürte ich, dass ich lebte und das war das Schlimmste.
Ich spürte den Schmerz so intensiv, dass ich nicht vergessen konnte, dass ich lebte. Ich atmete heftig aus. In meiner Halsgrube befand sich ein starker Druck, der mir das Atmen erschwerte. Ich stand kaputt vor meiner Wohnung, konnte kaum sagen, wann ich gekommen war und wie lange ich die Tür anstarrte. Es war mir egal, ob mich nun Neslihan sah. Es war mir egal, dass sie mich befragen würde. Ich wollte nur noch in mein Bett und weinen. Also klingelte ich und wartete ab, dass die Tür öffnete.
»Aslı, wann bist du? Wie bist du?«, sie konnte ihre Fragen kaum beenden, so hektisch war sie. Ich lief an ihr vorbei und schmiss mich in mein Bett. Die Tränen kullerten wieder mein Gesicht entlang und befeuchteten nun mein Kissen.
»Aslı, was ist passiert?«, fragte meine Tante aufgebracht und hockte sich zu mir. Vor meinen Augen spielte sich immer wieder dieselbe Szene. Was sollte ich tun? Ich schloss die Augen, wobei mehrere Tränen freigesetzt wurden. »Er ist weg«, flüsterte ich. Meine Finger drückten mein Kopfkissen fester. Mein zog sich weiter nach außen und ich brachte ein herzzerreißendes Schluchzen heraus. »Er ist weg. Er wird nie wieder kommen.«
»Wer ist weg?«
»Burak«, wisperte ich, während meine Augenbrauen sich runterzogen. »Neslihan, er wird nie wieder kommen. Nie wieder. Ich hab ihn verloren... Ich- ich hab mich ihm weggenommen. Hab alles zerstört. Es tut so weh.«
Sie fuhr durch mein Haar. »Erzähl mir alles ganz von vorn.«
»Ich hab dafür gesorgt, dass er mich nie wieder sehen will. Ich hab seine Schwachstelle gekannt und ich hab sie ausgenutzt, um ihn von mir fernzuhalten. Er hasst mich. Ich hasse mich und ich werde ihn nie wiedersehen.«
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Wiegenlied
Gizem / GerilimAslı soll nicht in Schwierigkeiten geraten. Vor allem nicht mit der Polizei. Das erklärt ihre Tante ihr immer wieder aufs Neue. Als sie dann doch in welche gerät und vor einem Polizisten flieht, ist sie auf die Hilfe von Burak, der für sie nur ein...
