Das Mädchen vor mir, Everly, wenn ich sie vorhin richtig verstanden habe, sieht mich an, als hätte ich gerade ihre Katze getötet, oder etwas ähnlich Schlimmes getan, wofür ich einen langen und qualvollen Tod verdiene und wenn Blicke tatsächlich töten könnten, dann wäre von mir nur noch ein kleiner, mickriger Haufen Asche übrig.
Gut, ich war nicht gerade nett zu ihr, was daran liegt, dass ich auf Grund des Umzugs eh schon genervt bin und mir der Zusammenstoß gerade den letzten Rest gegeben hat. Trotzdem hätte ich sie nicht so anfahren dürfen und schon gar nicht hätte ich meine Wut und meinen Frust der sich über die letzten Tage und Wochen in mir angestaut hat, an ihr auslassen dürfen.
Zurücknehmen kann ich meine Worte allerdings auch nicht mehr, und es würde wahrscheinlich auch nichts nützen, da sie mich in ihren Gedanken schon als den unfreundlichen Idioten abgestempelt hat, mit dem sie jetzt zwangsweise Wand an Wand leben muss. Jedenfalls sieht ihr genervter Gesichtsausdruck genau danach aus.
Mir ist dieses Image allerdings ganz Recht. So kommt sie wenigstens nicht auf die Idee mich anzuhimmeln, was ich im Moment so gar nicht gebrauchen könnte.
Ich brauche Abstand zu Frauen.
Vor allem zu einer bestimmten von der mich jetzt Gott sei Dank 2000 Meilen trennen.
Und was ich jetzt gerade gar nicht gebrauchen kann, ist eine Nachbarin in meinem Alter, die auf die Idee kommen könnte, etwas mit mir anfangen zu wollen.
Gott, sogar in meinen Ohren klingt das einfach nur arrogant und eingebildet. Zwei Eigenschaften mit denen ich mich noch vor einem halben Jahr überhaupt nicht identifiziert hätte, die jetzt aber wunderbar auf mich und mein neues Ich zutreffen.
Da sieht man mal, was Zeit und Menschen aus einem machen können, denke ich verbittert.
Aus der Küche höre ich die fröhliche Stimme meiner Mutter, die sich mit unserer neuen Nachbarin prächtig zu verstehen scheint. Entnervt unterdrücke ich ein erneutes Augenrollen.
Auch das noch.
Nicht nur dass ich mein vorletztes College Jahr 2000 Meilen entfernt von meinen Freunden und meinem Team verbringen muss, jetzt wird mich meine Mutter auch noch zu „spaßigen" Gruppenaktivitäten mit unserer neuen Nachbarschaft zwingen.
„Hast du auch einen Namen?", Everlys Stimme bringt mich zurück in die Realität und ihr bemüht freundlicher, in Wahrheit aber genervter Tonfall lässt mich schmunzeln.
Nach meinem Auftritt gerade eben wundert es mich, dass sie so ruhig bleiben kann, ohne zu explodieren, denn ihre Wut auf mich ist ihr anzusehen und ich frage mich, wie es wohl ist, wenn sie sich entlädt.
Ob sie mich wohl anschreien oder lieber direkt rauswerfen wird? Irgendwie muss ich bei dieser Vorstellung grinsen, was nur dazu führt, dass sich ihre Augen zu zwei schmalen Schlitzen verengen.
Leider muss ich feststellen, dass sie verdammt süß aussieht, wenn sie versucht mich mit ihren Blicken zu töten, was gerade zu ihrem Hauptziel geworden zu sein scheint.
Ihre smaragdgrünen Augen durchbohren mich gerade zu und obwohl sie so aussieht, als hätte sie in der letzten Zeit viel durchgemacht, strahlt sie eine gewisse Entschlossenheit aus. Fast so als wäre sie durch nichts unterzukriegen und als hätte sie kein Problem damit mir in den Hintern zu treten, wenn ich mich weiterhin wie ein Arschloch aufführe.
„Ja, aber ich wüsste nicht, warum dich das interessiert.", antworte ich ihr in einem absichtlich, spöttischen Tonfall und kann mir ein weiteres Grinsen nur schwer verkneifen. Irgendwie macht es mir unheimlich Spaß dieses Mädchen zu provozieren.
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Two broken Souls - Finding Happiness Again
Romance„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
