„Haben wir einen Plan, was wir machen werden, sobald wir aufhören, uns auf dem Klo zu verstecken?", Livs Stimme klingt gedämpft durch die Kabinentür, während ich mir die Augen mit einem Papierhandtuch trocken tupfe und die Beine angezogen auf dem Klodeckel abstelle.
Ich habe das ganze Wochenende nicht auf mein Telefon geschaut und auch die Woche über Social-Media gemieden, was ich in der letzten Zeit sowieso tue, weil ich keine Lust habe Tylers Gesicht in irgendwelche Trauerposts verpackt auf meiner Startseite zu haben. Was ich deshalb nicht wusste, ist dass ich seit drei Tagen als Schlampe des Campus bekannt bin und als diejenige, die sich nicht mal ein Jahr nach dem Tod ihres Ehemannes einen neuen Typen klärt.
„Umziehen, auswandern, am Strand im Sand vergraben?", schlage ich vor und putze mir geräuschvoll die Nase. Die letzten Tage waren so turbulent, dass mir die Blicke der anderen völlig entgangen sind. Mitbekommen habe ich es erst, als mich Sally aus meinem Biochemie Seminar mit den ganzen Vorwürfen konfrontiert habe und ich weinend weggerannt bin, was zugegebenermaßen vielleicht nicht die beste Idee war. Jetzt verstecke ich mich seit einer geschlagenen Stunde auf der Toilette und weigere mich rauszukommen, wo Liv mich dann vor einer halben Stunde gefunden hat.
Meine Freunde hatten ebenfalls keine Ahnung, was sich so rasant im Internet verbreitet hat, da sie genauso wie ich sämtliche Social Media Apps meiden. Es tut zu sehr weh, dass Gesicht der Person, die du besser gekannt hast als irgendjemand anderen in Trauerposts zu sehen von Personen, die nicht einmal wirklich wussten, wer er war. Und auch wenn Liv sich seit einer halben Stunde vorwürfe macht, dass sie es hätte wissen müssen, um mich zu warnen mach ich ihr keinen Vorwurf.
„Kein schlechter Plan. Irgendwelche Wünsche, wo der neue Wohnort sein soll."
„Nur weit weg." Ich höre Liv auf der anderen Seite der Tür leise lachen, während zeitgleich die Haupttür zu den Uniklos aufschwingt. Da Liv dieses Mal die Person nicht zusammenstaucht, dass sie gefälligst ein anderes Klo benutzen soll, so wie sie es in den letzten 30 Minuten viermal schon getan hat, gehe ich davon aus, dass es sich um jemand aus unserem Freundeskreis handeln muss. Meine Vermutung wird bestätigt, als kurze Zeit später eine Tafel meiner Lieblingsschokolade unter der Tür durchgeschoben wird.
„Alles in Ordnung?" höre ich Joshs Stimme durch die Tür hindurch.
„Geht so. Was ist mit Drew?", frage ich vorsichtig, weil ich mir nicht sicher bin, ob er von dem ganzen Schlamassel schon etwas mitbekommen hat und wie er damit umgeht.
„Er weiß Bescheid. Emily hat es ihm erzählt und er hat mir daraufhin geschrieben, dass ich nach dir sehen soll. Da war ich aber sowieso schon auf dem Weg zu dir."
Stimmt. Drew hat heute seine Verabredung mit Emily. Irgendetwas hat mich daran gestern ziemlich gestört, als er mir davon erzählt hat, doch bei dem ganzen Trubel heute, habe ich es total vergessen.
„Was können wir denn für dich tun?", dringt nun auch Lukes Stimme durch die Kabinentür zu mir hindurch und ich rutsche vorsichtig von meinem Sitzplatz hinunter, um die Türe zu öffnen, weil ich es langsam ein wenig albern finde, mich einzusperren, wenn sowieso nur meine Freunde hier sind, die mir helfen möchten.
Langsam schleppe ich mich zum Waschbecken, um mir das Gesicht zu waschen, wobei ich den Blick in den Spiegel meide. Ich habe keine Lust meine völlig verweinten, aufgequollenen Augen zu sehen.
„Haben sie Recht?"
„Nein.", entgegnet Luke so energisch, dass ich zusammenzucke.
„Einen Scheiß haben sie. Mal abgesehen davon, dass es sie überhaupt nichts angeht, was du in deiner Freizeit tust oder lässt. Es ist dein Leben Everly. Und du lebst es so wie du das willst. Und selbst wenn du mittlerweile jemanden neues hättest, würde sie das auch nichts angehen. Jeder trauert unterschiedlich lang und auf völlig verschieden Weise. Manche Leute gehen danach mit allem und jedem ins Bett, was nicht bei drei auf einem Baum ist, und andere Menschen haben Jahre lang keinen Partner mehr. Das musst du für dich selbst entscheiden. Und lass dir auf keinen Fall von diesen Idioten einreden, dass das, was du tust, gut oder schlecht ist. Du weißt selbst, was für dich am besten ist. Zwei Drittel dieser Leute kennen dich nicht mal und die die dich kennen, würden so etwas niemals sagen."
Die anderen nicken zustimmend, als Luke fertig ist, während ich über seine Worte nachdenke: Ich habe das Gefühl mich völlig im Kreis zudrehen. Jedes Mal, wenn ich den Schmerz, den Tylers Tod hinterlassen hat für einen kurzen Moment abstellen oder verdrängen kann, kommt etwas Neues, was mich an allem zweifeln lässt.
Ich weiß nicht, wie ich weiter machen soll. Ich weiß auch nicht, ob diese Leere, die sein Tod hinterlassen hat, jemals verschwinden wird, aber jedes Mal, wenn ich es für einen kurze Zeit ausblenden kann, fange ich an zu zweifeln, ob es richtig ist oder nicht. Ob ich anders mit der Situation umgehen sollte, ob es in Ordnung ist, was ich tue und eigentlich kann das niemand anderes außer mir beantworten.
Ich hasse es, dass die Zeit das aus mir gemacht hat. Ich war nie jemand der sich für das Urteil von anderen interessiert hat. Ich war nie jemand der Unsicher war. Als ich mich damals mit Tyler verlobt habe, haben alle gemeint, dass ich bescheuert wäre mich in diesem alter schon an jemanden binden zu wollen und es war mir egal. Weil das einzige, das gezählt hat, unsere Liebe füreinander war. Alles andere war nicht wichtig, weil ich wusste, dass da jemand ist, der mich immer unterstützen wird.
„Glaubt ihr Tyler wäre sauer? Weil ich jetzt so viel Zeit mit Drew verbringe.", frage ich leise und spiele nervös an meinem Verlobungsring herum.
„Nein.", antwortet Liv und lächelt traurig. Sie sieht aus, als würde sie darüber nachdenken, was Ty zu der gesamten Situation sagen würde, und aufs Neue wird mir klar, wie weh es für die anderen tun muss, sich darüber Gedanken zu machen. Auch sie haben jemanden verloren, der seit ihrer Kindheit immer an ihrer Seite war.
„Tyler wäre froh darüber zu sehen, dass es jemanden gibt, der dich davon abhält die ganze Zeit traurig zu sein. Und ich würde mir das auch nicht kaputt machen lassen. Ich weiß nicht, was das zwischen euch beiden ist, und mich geht es auch überhaupt nichts an, aber du hast glücklich gewirkt, die letzten Tage. Und das ist schön."
„Es war so einfach. Ich...ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber dieses Freundschaftsding mit Drew hat dafür gesorgt, dass die Zeit für einen Moment stillgestanden hat."
„Dann genieß es doch. Genieß die Zeit, in der du nicht darüber nachdenkst, was du verloren hast und fang wieder an zu leben. Drew ist nett und ich denke, er wäre ein toller Freund.", meint Liv und sieht auf ihr Handy, dass in diesem Moment aufleuchtet.
„Und er steht vor der Tür, also lassen wir euch mal alleine.", meint sie und drückt mich nochmal kurz an sich, bevor sie zusammen mit Luke und Josh die Toilette verlässt und Drew sich durch die Tür schiebt.
„Hey."
„Hi." Wir stehen uns schweigend gegenüber und wissen offenbar beide nicht so genau, was wir sagen sollen, und ich wünschte die Situation wäre nicht schon wieder so, wie in der Umkleide nach dem Spiel.
„Willst du es lieber lassen? Das Freundschaftsding zwischen uns. Ich meine ich könnte es verstehen..."
„Nein.", unterbreche ich ihn sanft, aber energisch. Denn das möchte ich wirklich nicht. Die letzten Tage haben so gutgetan, einfach wieder etwas anderes zu tun als der stinknormale Alltag, in den ich aktuell nicht zurückfinde. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass er vielleicht keine Lust mehr draufhat, wenn man bemerkt, wie oft er meinetwegen schon in Schwierigkeiten geraten ist.
„Möchtest du das?"
„Nein. Ich mag dich Everly. Und ich mag es Zeit mit dir zu verbringen, als Freunde." Mir entgeht das Flackern in seinen Augen nicht, als er diese Worte zu mir sagt.
„Dann sollten wir vielleicht so weiter machen wie bisher?", hacke ich vorsichtig nach.
„Ja, das sollten wir. Und auf die Meinung der anderen scheißen." Ich muss lachen bei seinen Worten.
Ja das sollten wir wirklich.
Hi
Entschuldigt bitte dass so lange nichts kam. Ich steck in der Klausurenphase fest die hoffentlich am Dienstag dann vorbei ist🙈
Viel spaß beim Lesen 🥰
DU LIEST GERADE
Two broken Souls - Finding Happiness Again
Romansa„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
