Seit der großen Einräumaktion vor zwei Tagen habe ich Drew nicht einmal mehr zu Gesicht bekommen, worüber ich ehrlich gesagt ziemlich froh bin. Ich habe bis jetzt keine Ahnung, warum er seiner Mutter nicht einfach erzählt hat, dass ich es war, die die Kiste fallen lassen hat und warum er meinen Sturz abgefangen hat. Ich hatte aber auch nicht wirklich eine Gelegenheit seitdem ihn darauf anzusprechen.
Da heute aber schon der 31. Dezember ist und wir gemeinsam mit den Morgans Silvester feiern wird sich dafür bestimmt noch eine Gelegenheit bieten. Jedenfalls wenn ich jemals damit fertig werde, die Happy New Year Girlanden aufzuhängen. Allein ist das verdammt schwierig, da sie immer genau dann auf der einen Seite runterfällt, wenn ich sie gerade auf der anderen Seiten befestigen möchte.
Schmerzlich wird mir bewusst, dass ich sie bisher auch nie allein aufhängen musste. Es war immer Tylers und meine Aufgabe das Haus zu dekorieren. Doch dieses Jahr muss ich es allein machen.
Die letzte Zeit ist voller schmerzhafter erster Male und Digen, die ich allein machen muss.
Ich musste zum ersten Mal allein zur Uni fahren mit dem Wissen, dass er dort nicht auf mich warten würde. Ich musste zum ersten Mal allein den Weihnachtsbaum schmücken und ich habe es nicht übers Herz gebracht allein über den Weihnachtsmarkt zu laufen. Das war unsere Tradition.
Jedes Jahr seitdem wir zwölf Jahre alt sind und damit alt genug waren, sind wir am ersten Dezember runter zum Pier gegangen, haben uns die Stände angesehen, Weihnachtssüßigkeiten gekauft und die wunderschönen dekorierten Häuser bestaunt.
Und schließlich musste ich zum ersten Mal allein Weihnachten feiern. Wobei mir nicht wirklich nach Feiern zu Mute war.
Das Räuspern meiner Mutter holt mich aus meinen Gedanken und bringt mich zurück in die Realität.
„Das sieht großartig aus Liebling." Ihre Miene ist freundlich, aber dahinter verbirgt sich die gleiche Sorge, die sie aktuell immer zu umgeben scheint. Meine Mutter hat Angst um mich. Angst, dass ich das alles nicht gut wegstecke, was ich zugegebenermaßen auch nicht wirklich tue. Aber ich habe keine andere Wahl. Irgendwie muss ich weiter machen. Das habe ich ihm versprochen.
„Vielleicht solltest du eine Pause machen. Ich kann die Girlande später auch mit deinem Vater zusammen aufhängen.", schlägt sie vor, woraufhin ich dankbar nicke und mit wackligen Beinen von der kleinen Trittleiter steige. Dann sehe ich meine Mutter abwartend an. Garantiert hat sie direkt eine neue Aufgabe für mich, nur um mich davon abzuhalten zu viel über die Dinge nachzudenken und in meinen Gedanken zu versinken.
„Du könntest zu den Morgans hinüber gehen. Elizabeth hat vorgeschlagen, dass du zusammen mit Drew die Getränke abholen könntest. Du kannst das große Auto dafür nehmen, da dein Vater mit dem kleinen zum Einkaufen gefahren ist."
Na super. Einkaufen mit dem Vollidioten. Allerdings bietet sich so garantiert eine Möglichkeit ihn auf unseren merkwürdigen Zusammenstoß anzusprechen ohne dass die gesamte Familie dabei ist. Was auch wirklich notwendig ist, bevor es heute Abend noch komisch zwischen uns wird. Das wird es aber vermutlich sowieso werden, da Drew mich nicht wirklich zu leiden scheint und mich bei jeder Kleinigkeit an die Decke gehen lässt. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der mich so schnell durchdrehen lässt und mir dermaßen auf den Keks geht. Dabei kenne ich ihn gerade mal vier Tage und ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, wie ich diesen Typ die nächste Zeit ertragen soll. Es ist ja nicht so, als wäre mein Leben aktuell nicht sowieso schon kompliziert und aufwühlend genug.
Widerstrebend begebe mich wenig später also zu unserem Nachbarshaus, nur um fast mit Drews Mutter zusammenzustoßen, welche in genau diesem Moment aus der Tür kommt.
„Hallo Everly.", begrüßt sie mich freundlich. Ich habe sie glaube ich in den Tagen, die sie nun schon neben uns wohnt, noch nicht einmal schlecht gelaunt gesehen. Sie strahlt immer eine warme und positive Art aus, die sie mir von Anfang an sympathisch gemacht hat. Alles was sie an Positivität besitzt scheint ihrem Sohn leider zu fehlen.
„Hallo, ich wollte Drew abholen. Meine Mum hat gemeint, dass er mit einkaufen kommen würde", erkläre ich ihr lächelnd, woraufhin sie nickt und mir mitteilt, dass sich der Vollidiot noch in seinem Zimmer befindet und ich einfach raufgehen soll.
Obwohl ich nur zwei Tage nicht hier war, erkenne ich das Haus von innen kaum wieder. Die Morgans haben es wirklich toll eingerichtet. Es wirkt offen und freundlich und einfach nur gemütlich, während es vor ein paar Tagen noch kalt und steril gewirkt hat. Nun merkt man wirklich, dass hier jemand eingezogen ist.
In der Küche begegne ich Drews Vater Brian, welcher mich ebenfalls freundlich begrüßt und mir den Weg zu Drews Zimmer nochmal erklärt. Meine Angst, dass unsere neuen Nachbarn eine totale Katastrophe sind, scheint sich zum Glück nur auf den Sohn der Familie zu bewahrheiten. Die restlichen Morgans wirken einfach nur freundlich und nett.
Schnell laufe ich die Treppe neben dem Wohnzimmer nach oben und bleibe vor Drews Zimmer stehen. Seine Tür ist angelehnt, weshalb ich einen Blick ins Innere erhaschen kann. Der Vollidiot scheint seine Sachen bisher noch nicht vollständig ausgepackt zu haben, da der Boden immer noch von Kartons übersäht ist, während er an seinem Schreibtisch steht und ein Bild betrachtet, dass er aus einem der Kartons geholt zu haben scheint.
Was auch immer auf diesem Bild zu sehen ist, scheint ihm nicht zu gefallen, da seine ganze Haltung verkrampft ist, während er mit der einen Hand das Bild so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten. Ich weiß, dass ich eigentlich gehen sollte, aber aus irgendeinem Grund kann ich es nicht. Drew wirkt so verletzlich, ganz anders als das was ich bisher von ihm kennengelernt habe. Seine Miene wirkt angespannt und als er den Kopf leicht dreht sehe ich, dass ihm eine Träne über die Wange läuft, was mich überrascht. In diesem Moment sieht er so aus, als könnte er den Schmerz, der sich seit Wochen durch mein inneres frisst, nachvollziehen. Was oder wer auch immer auf diesem Bild zu sehen ist, lässt ihn denselben Schmerz fühlen.
Da ich aber schlecht einfach so vor seiner Zimmertür stehen und ihn beobachten kann, entscheide ich mich für ein vorsichtiges Klopfen am Türrahmen.
Anscheinend war ich wohl nicht so vorsichtig wie gedacht, da Drew heftig zusammenzuckt und beinah den Rahmen fallen lässt.
„Wie lange stehst du da schon?", schnauzt er mich an und auch wenn er es versucht zu verbergen, seiner Stimme ist anzuhören, dass ihn die letzten Minuten ziemlich aufgewühlt haben. Da Drew aber im Moment eher so aussieht, als wolle er mich erwürgen, halte ich es für sinnvoller ihm nicht zu beichten, dass ich ihn schon seit ca. fünf Minuten beobachte. Stattdessen zucke ich nur mit den Schultern und teile ihm mit, dass er mit mir Getränke einkaufen soll, was er grummelnd hin nimmt bevor er sich an mir vorbeiquetscht und die Treppe nach unten läuft.
Schönen zweiten Advent euch allen🥰🎄☃️
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Two broken Souls - Finding Happiness Again
Romantik„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
