34. Everly

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Meine Schuhe quietschen auf dem Linoleumboden der Umkleidekabine, als ich vorsichtig durch die Tür trete. Drinnen ist es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Drew und Stefan sitzen schweigend auf den Bänken vor ihren Spinten. Während auf Stefans Gesicht nur ein kleiner Kratzer zusehen ist, hält Drew einen Eisbeutel gegen sein linkes Auge gepresst. Ein Teil von mir möchte zu ihm laufen und nachsehen, ob es ihm gut geht, doch das wäre jetzt vermutlich das Dümmste, dass ich tun könnte. Zum einen wäre es Stefan gegenüber ziemlich scheiße und zum anderen wäre es Drew gegenüber nicht fair. Nicht wenn ich ihm gleich sagen werde, was ich ihm schon viel früher hätte sagen müssen.

Die beiden heben ihre Köpfe und sehen mich schweigend an, als ich den Raum betrete und etwas verloren in der Tür stehen bleibe. Ich habe keine Ahnung wo ich mich hinsetzten soll und die Stille hier drin ist beinahe unheimlich. Schließlich entscheide ich mich dafür, mich einfach an die Wand mit den Spiegeln und Föhnen zu lehnen. So stehe ich beiden gegenüber und kann sie direkt ansehen, wenn ich mit ihnen rede.

Nur leider weiß ich nicht wirklich, was ich sagen soll und vor allem wie. In meinem Kopf schwirren tausend Dinge durcheinander, die ich gerne herausschreien möchte und ich muss mich wirklich beherrschen das nicht zu tun. Augenblicklich sehe ich Tylers Gesicht vor mir, wie er mich grinsend ermahnt mein Temperament ein wenig zu zügeln. Eine Sache, die ich nie wirklich gelernt habe. Dafür komme ich zu sehr nach meinem Vater, der daraufhin immer nur lachen meint, dass das die feurigen Latina Gene in mir sind.

Da ich die beiden aber nicht ewig nur schweigend anstarren kann, hole ich tief Luft und sehe zuerst Stefan an.

„Warum hast du das getan?", frage ich leise und ärgere mich im selben Moment, dass meine Stimme so dünn und schwach klingt. Das bin nicht ich. Ich habe normalerweise keine Schwierigkeiten Probleme offen anzusprechen und scheue mich auch nicht vor Konflikten. Doch das hier ist anders. Das hier ist viel schwieriger.

„Ich bin mir sicher, dass dir das Josh und Oli schon erzählt haben." Stefans Blick streift durch den Raum, nur um mich nicht direkt ansehen zu müssen. So habe ich ihn noch nie erlebt und irgendwie macht es mir Angst. Der Kerl, der da vor mir sitzt, ist nicht der den ich bisher gekannt habe.

„Ich will es aber von dir hören. Ich möchte von dir wissen, warum du auf jemanden aus deinem eigenen Team einschlägst."

„Er hat dich geküsst." Seine Stimme ist leise und er senkt den Blick Richtung Boden, während seine Wangen leicht rot anlaufen. Ich weiß, dass das unfassbar unangenehm für ihn sein muss und er hat keine Ahnung, wie leid mir das tut, aber ich muss ihm diese Fragen stellen. Ich muss es aus seinem Mund hören und insgeheim hoffe ich, dass seine Antwort eine andere sein wird als die, die mir Josh und Oli vorhin gegeben haben.

„Erstens hat er nicht mich geküsst, sondern ich ihn und zweitens beantwortet das nicht meine Frage, warum du denkst, dass du Drew eine reinhauen dürftest." Bei dem ersten Teil meines Satzes hebt er seinen Kopf und sieht mich überrascht an.

Interessant.

Die Information, dass ich Drew aus freien Stücken geküsst habe, scheint bei ihm noch nicht angekommen zu sein. Ich hätte schwören können, dass Drew das als allererstes klar stellen würde.

„Du hast ihn geküsst?", wiederholt Stefan ungläubig und sieht zu Drew rüber, der seinem Blick standhält.

„Ja, aber ich wüsste nicht, was dich das etwas angeht." Schmerz blitzt in seinen Augen auf und ich fühle mich wie das letzte Arschloch. Ich weiß, dass jedes meiner Worte wie ein Stich für ihn ins Herz sein muss und ich hasse mich selbst dafür, dass ich meinem Freund das antue.

„Warum hast du das getan?" Seine Stimme ist nicht mehr als ein Wispern.

„Sie wollte mir nur helfen. James ist ein Arschloch.", meldet sich nun Drew zu Wort. Seine Stimme ist so unendlich tief und rau, dass ich eine Gänsehaut bekomme, was absolut nicht gut ist. Verdammt verräterischer Körper. Ich sollte bei Drews Stimme keine Gänsehaut bekommen.

Two broken Souls - Finding Happiness AgainWo Geschichten leben. Entdecke jetzt