Aufstöhnend werfe ich das Kosmetiktuch in meiner Hand auf meine Kommode und versuche zum dritten Mal, den Liedstrich auf meinem linken Auge, so hinzubekommen, dass es nicht aussieht, als wäre ich gerade von einem Lastwagen überrollt worden. Die Hoffnung, dass er identisch zu dem auf meinem rechten Auge aussehen könnte, habe ich schon vor einer halben Stunde aufgegeben. Ich wünschte, ich hätte Livs Talent, die es ohne Mühe schafft, sich so zu schminken, dass es hübsch, aber unauffällig aussieht, während es bei mir immer ein wenig zu dick aufgetragen wirkt.
Warum ich mich überhaupt so ins Zeug lege, bleibt mir ein Rätsel, weil ich nach einigem hin und her mich doch dazu entschlossen habe, meine Mutter und Beth heute Abend zu begleiten. Wir wollen einen entspannten Abend machen, um den Kopf etwas freizubekommen, also gibt es keinen Grund dazu, mich so zurecht zu machen, aber irgendwie hat mich das Bedürfnis danach, vor einer halben Stunde überfallen, weshalb ich jetzt versuche, innerhalb der nächsten fünf Minuten Abfahrt bereit zu werden. Mit einem letzten Blick in den Spiegel entscheide ich, dass es so wohl gehen muss, und schnappe mir meine schwarze Lederjacke und meine Tasche, bevor ich in meine heißgeliebten Vans schlüpfe.
„Wow, du siehst toll aus.", begrüßt mich Beth, als ich die Treppen hinunter gehe und zieht mich in ihre Arme. Ich erwidere ihre Umarmung und schließe die Augen, als ich ihren vertrauten Geruch, nach ihrem Parfum, Sommer und Äpfeln einatme. Sie riecht so sehr nach zu Hause und Tyler, dass ich einen kleinen Moment brauche, bevor ich mich von ihr löse und versuche taff und gefasst zu wirken.
„Danke, du auch.", antworte ich lächelnd und drücke meinem Dad einen Kuss auf die Wange, der ebenfalls Aufbruch bereit im Flur auftaucht. Während wir heute Abend essen gehen, will er sich mit Tobi ein Baseballspiel ansehen, wofür er sich extra heute Abend freigenommen hat.
„Disfruta la tarde. Te amo. Llama si necesitas algo, probablemente volvamos sobre las once. (Genießt den Abend. Ruft an, wenn ihr etwas braucht. Wir sind vermutlich so gegen elf wieder da.)", meint er und drückt meiner Mutter einen Kuss auf die Lippen, bevor er Beth umarmt und Richtung Tür geht.
„Hacemos. Saludos a Tobi y que te diviertas. (Das machen wir. Viel Spaß euch und liebe Grüße an Tobi.)", antwortet sie und ich kann nicht verhindern, dass mir innerlich ganz warm wird, während ich meine Eltern miteinander beobachte. Es beeindruckt mich jedes Mal auf neue, wie selbstverständlich es für Mama ist auf Spanisch zu antworten. Schließlich hat sie erst mit dem spanisch lernen nach ihrer Hochzeit angefangen. Mittlerweile beherrscht sie es aber so fließend, dass wir uns an manchen Tagen überhaupt nicht auf Englisch unterhalten, sondern nur spanisch reden. Vor allem, wenn meine Großeltern da sind.
„Wir sind auch so weit oder Mädels?", meint Beth und hält den klimpernden Autoschlüssel nach oben. Tyler hat versucht spanisch für mich zu lernen und war am Ende tatsächlich ziemlich gut drin. Er hat auch versucht Beth und Tobi dazu zubekommen, aber das hat nur so mittelmäßig funktioniert, obwohl die zwei mittlerweile ziemlich viel verstehen.
„Von mir aus kann es losgehen.", meine ich lächelnd, schnappe mir mein Handy von der Anrichte und folge den beiden nach draußen. Unauffällig versuche ich einen Blick zum Nachbarhaus zu werfen und stelle fest, dass Drews Auto nicht mehr dasteht. Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, ob er mir gesagt hat, dass er heute Abend weg geht, kann mich aber an solch ein Gespräch nicht erinnern.
Eigentlich geht es mich auch gar nichts an, versuche ich mich selbst zurecht zu weisen, auch wenn das meine Neugierde nicht im Geringsten abschwächt.
Wir brauchen nicht lange, um bei dem Restaurant meines Vaters anzukommen, dass wir uns für heute Abend ausgesucht haben. Hauptsächlich, weil Tyler hier auch hin gegangen wäre, wenn er heute bei uns wäre. Und insgeheim bin ich froh, dass ich das erste Mal hier nicht allein hinmuss, sondern mit Menschen, die ihn genauso geliebt haben, wie ich. Tief in mir drin, tut es mir leid, dass ich seit Tylers Tod kein einziges Mal mehr hier war, aber ich habe es einfach nicht geschafft es über mich zu bringen. Dieses Restaurant ist voller Erinnerungen, voller Dates, heimlichen Küssen, die wir getauscht haben, wenn mein Dad nicht in der Nähe war und versteckten Botschaften an den Wänden. Früher war ich beinahe jeden Tag hier und habe meinem Vater nachmittags ausgeholfen, aber die Vorstellung ohne Ty hier zu sein, war zu schmerzhaft, als dass ich es habe über mich bringen können, auch wenn ich weiß, dass mein Vater dadurch häufig unterbesetzt war und zusätzliche Aushilfen teuer sind.
Kaum, dass wir unser Auto am Straßenrand geparkt haben, werden wir direkt von Mateo begrüßt der mit seinem strahlenden Lächeln, die ganze Nacht zum Leuchten bringen könnte und uns direkt zu unserem Lieblingsplatz bringt, nicht ohne mich vorher einmal fest in die Arme zu nehmen. Mein Dad hat einen guten Draht zu seinen Angestellten, die für mich schon zur Familie gehören und auch häufiger bei uns zu Hause zum Essen eingeladen sind. Mateo arbeitet seit fünfzehn Jahren für meinen Vater, da war ich gerade einmal sechs Jahre alt. Genauso wie Cierra, die uns in dem augenblicks in dem wir Platz nehmen einen Korb mit duftenden Nachos auf den Tisch stellt und sofort wieder verschwindet, um unsere Getränke Bestellung durchzugeben, ohne dass wir etwas sagen müssen, weil wir sowieso immer dasselbe bestellen.
Ich lasse meinen Blick durch das Restaurant schweifen und sauge alles in mich auf, fast so, als wäre ich zum letzten Mal hier, eigentlich nur, um sicher zu gehen, dass wenigstens hier noch alles beim Alten ist. Und das ist es. Die Wände haben immer noch denselben kräftigen Gelbton, der mich an den Strand und die Sonne erinnert und enden immer noch in dem türkisblau, dass das Meer darstellen soll. Die Bilder, die meinen Vater und meine Großeltern zeigen, so wie einige Gemälde, die mein Vater auf Flohmärkten in seinem Heimatort gekauft hat, sind noch dieselben und die Musik, die über die Lautsprecher ertönt ist, immer noch die gleiche Playlist, die vor Jahren erstellt wurde. Ich erinnere mich noch zu gut, an die stundenlange Diskussion und die Mühe mit der Ty und ich meinen Vater bearbeitet haben wenigstens ein paar moderne spanische Lieder aufzunehmen, die nun in völligem Kontrast zu den alten, klassischen Liedern stehen.
Beth und meine Mutter sind schon längst in einem Gespräch über eine Bekannte aus Collegezeiten versunken, die offenbar zum dritten Mal geheiratet hat und ich muss grinsen, während ich den beiden zuhöre, weil sie sich genauso wie Liv und ich anhören, wenn ihr ein wenig über unsere Kommilitonen lästern. Ich hoffe, dass wir uns in zwanzig Jahren immer noch so gut verstehen werden.
Gedankenverloren greife ich nach der Karte, auch wenn ich schon weiß, was ich bestellen werde: Fajitas mit Grillgemüse, Tomaten, Zwiebeln, der Spezialsalsa meines Dads, Hühnchen, Jalapeños und extra Käse. Und weil ich heute fast noch nichts gegessen habe, bestelle ich mir auch noch eine Huarache, als Cierra kommt, um unsere Bestellung aufzunehmen. Sie muss grinsen, als sie die Mengen an Essen notiert, die ich bestelle, weil sie meinen Riesenappetit schon kennt. Um so lustiger ist es, dass Drew tatsächlich dachte, dass ich von einem einzigen Happy Meal satt werden würde. Da bräuchte es schon eher vier Happy Meals damit auch nur ansatzweise satt werde.
Ich greife nach meiner Grapefruit Limonade und will mich gerade in das Gespräch mit einklinken, als mein Blick bei einem zweier Tisch im hinteren Teil des Restaurant hängen bleibt. Ich kneife die Augen etwas zusammen, um zu sehen, ob mir meine Augen einen wirklich unlustigen Streich spielen, aber auch beim zweiten Hinsehen, ändert sich nichts. Das an dem Tisch ist Drew, zusammen mit dem blonden Büchermädchen. Was zur Hölle machen die beiden denn hier? Ich will mich gerade abwenden und hoffe, dass die beiden mich nicht gesehen, als Drew seinen Kopf zur Seite dreht und sein Blick genau meinen trifft.
Hi,
Da bin ich wieder🙈
Na, was denkt ihr wie der Abend verlaufen wird?
Ganz viel spaß euch beim Lesen🥰
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Two broken Souls - Finding Happiness Again
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