37. Drew

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Die Luft ist angenehm kühl, als wir die kleinen Straßen Santa Monicas runter zum Pier laufen. Keiner sagt etwas. Zum einen, weil wir vermutlich alle nicht wissen, was wir sagen sollen, beziehungsweise wie man das Gespräch anfängt und zum anderen, weil jeder selbst in seine Gedanken vertieft ist. Was bei mir bedeutet, dass sie sich um eine ganz bestimmte Person mit braunen Haaren, grünen Augen und niedlichen Sommersprossen drehen. Am liebten würde ich meine ganze Frustration einfach herausschreien, aber dann würden mich Josh und Oli mit Sicherheit für verrückt halten. Stattdessen vergrabe ich meine Hände nur noch tiefer in der Vordertasche meines Hoodies und lasse meinen Blick über die vielen Häuser wandern.

Es fühlt sich merkwürdig an, zu wissen, dass ich nun schon fast zwei Monate hier wohne und abgesehen von meiner einen kleinen Erkundungstour im Dezember noch nicht viel von der Stadt gesehen habe. Eigentlich finde ich es sogar ganz hübsch hier. Alles wirkt friedlich und das Wellenrauschen hat einen unglaublich beruhigenden Effekt, wie ich nach ungefähr zwei Wochen festgestellt habe. Wenn es ganz still draußen ist, kann man es sogar in meinem Zimmer hören, wenn ich mit offenem Fenster schlafe. In Chicago hat mich der Straßenlärm immer nervös gemacht, aber hier helfen mir die Geräusche abzuschalten.

Ich mache mir gedanklich eine Notiz, dass ich mir in den nächsten Tagen die Stadt unbedingt mal im Hellen anschauen sollte. Dann könnte ich auch endlich nach einem Buchladen Ausschau halten, denn ich habe es tatsächlich geschafft meinen riesigen Sub abzubauen, obwohl ich das niemals für möglich gehalten habe.

„Ich werde das jetzt noch einmal ansprechen und dann können wir das Thema gerne fallen lassen, weil ich weiß, dass es mich auch eigentlich absolut nichts angeht. Aber Everly ist mir verdammt wichtig und deswegen muss ich nochmal nachfragen." Joshs Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und mir fällt auf, dass er genau wie Oli stehen geblieben ist und mich abwartend ansieht. Ich habe mir gleich gedacht, dass das Thema nochmal zur Sprache kommen wird und obwohl ich gerade wirklich nicht darüber reden möchte, kann ich verstehen, dass sie wissen wollen, was passiert ist.

„Was möchtet ihr wissen?"

„Hast du sie geküsst?" Ich verstehe nicht genau, warum es für alle einen so großen Unterschied zu machen scheint, ob ich sie oder sie mich geküsst hat, aber offenbar tut es das. Und ich weiß nicht genau, welche Antwort den beiden lieber wäre.

„Sie hat mich geküsst.", antworte ich nach kurzem Schweigen und setzte mich wieder in Bewegung. Josh und Oli folgen mir stumm, fast so, als würden sie darauf warten, dass ich weiterspreche und ihnen mehr erzähle.

„Ich habe mir auf der Party etwas zu trinken geholt und habe meine Ex-Freundin dort getroffen. Sie hat ein paar ziemlich verletzende Dinge gesagt und Everly hat daraufhin so getan, als wäre sie meine Freundin damit Jamie endlich geht und mich in Ruhe lässt. Mehr war da nicht." Ich weiß, dass das nicht ganz die Wahrheit ist, aber ich habe doch selbst keinen blassen Schimmer, was der Kuss auf der Dachterrasse und unser Gespräch danach zu bedeuten hat, weswegen ich den beiden auch nichts davon erzähle. Es gibt ein paar Dinge, die man erst einmal mit sich selbst ausmachen muss, bevor man mit anderen darüber sprechen kann und das zählt definitiv dazu.

Oli sieht mich überrascht an: „Deine Ex-Freundin ist mit zum Spiel gefahren?", entfährt es ihm, woraufhin Josh ihm auf den Fuß tritt und ihn vorwurfsvoll ansieht. Ich unterdrücke ein Grinsen, denn ich hätte wahrscheinlich genauso reagiert, auch wenn es nicht gerade die sensibelste Frage ist und ich es ein bisschen lustig finde, dass er genau diese Information aus meinem Monolog herausgefiltert hat.

Zum ersten Mal fällt mir auf, dass es mir gar nicht mehr schwer gefallen ist Jamie als meine Ex Freundin zu bezeichnen. Bisher hat es immer beschissen weh getan darüber zu sprechen, doch der Schmerz ist irgendwie weg. Ich fühle gar nichts mehr, wenn ich an sie denke und ich weiß noch nicht, ob das gut oder schlecht ist. Es ist fast so, als wäre sie mir egal geworden.

„Ja. Sie ist jetzt mit dem Typ zusammen, der versucht hat, mich auf dem Spielfeld zu provozieren.", antworte ich und trete nervös von einem Fuß auf den anderen. Ein Teil von mir möchte den beiden erzählen, dass James nicht nur ein Mitspieler, sondern auch mein bester Freund seit der ersten Klasse ist...war...was auch immer. Ich denke es würde mir sogar guttun, mit den beiden darüber zu sprechen, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich mit noch überhaupt keinem, außer meiner Schwerster und Everly darüber gesprochen und die beiden wirken so, als ob sie wirklich meine Freunde sind, oder es auf jeden Fall werden könnten. Doch irgendetwas in mir wehrt sich dagegen ihnen diese Information zu verraten.

„Scheiße.", meint Josh nur und ich widerspreche ihm nicht.

„Das geht gar nicht.", pflichtet Oli ihm bei. „Man fängst nichts mit der Ex-Freundin seines Teamkollegen an. Das ist einfach nur unterste Schublade." Dann schweigen wir wieder. Mittlerweile haben wir den Pier auch fast erreicht, was unschwer an den Kinderstimmen, der lauten Musik und den bunten, flackernden Lichtern zu erkennen ist. Die zwanzig Minuten sind mir überhaupt nicht so lange vorgekommen, doch vielleicht liegt das auch nur daran, dass wir uns die ganze Zeit unterhalten haben.

„Wart ihr lange zusammen?", hackt Josh vorsichtig nach und jetzt spüre ich ihn wieder. Diesen Stich im Herzen jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, dass Jamie sechs Jahre Beziehung weggeworfen hat, wegen Gründen, die für mich absolut keinen Sinn ergeben.

„Sechs Jahre.", antworte ich leise

„Scheiße." Ich widerspreche ihm nicht, denn er hat Recht. Immer wenn ich es mir wieder vor Auge führe, kommt es mir so verdammt surreal vor, dass es das wir, das sechs Jahre existiert hat einfach nicht mehr gibt, auch wenn ich weiß, dass ich froh sein kann, ihr wahres selbst noch rechtzeitig erkannt zu haben.

„Es tut mir leid, dass wir dich wegen Everly so unter Druck gesetzt haben. Es ist nur so merkwürdig zu hören, dass ihr euch geküsst habt. Ich weiß, dass es uns auch absolut nichts angeht, aber... sie ist Familie. Und das war Tyler auch. Die beiden haben immer nur zusammen existieret und das seitdem wir sie alle kennen. Es ist merkwürdig zuhören, dass es jetzt jemand anderen für sie gibt. Irgendwie ging das auch ziemlich schnell. Und ich weiß auch, dass das total bescheuert ist, aber wir haben Tyler versprochen, dass wir auf sie aufpassen, und irgendwie hat es sich so angefühlt, als hätten wir da auf ganzer Linie versagt.", meint Oli und sieht mich zerknirscht an.

„Zwischen uns beiden ist wirklich nichts. Sie hat mir nur aus der Situation rausgeholfen, das schwöre ich euch. Und da wird auch nichts mehr zwischen uns sein.", erwidere ich. Die ganze Situation überfordert mich, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Ich kann den beiden nicht sagen, dass mich der Kuss komplett durcheinandergebracht hat, dass ich ihn gerne wiederholen möchte und dass mich dieses Mädchen total aus dem Konzept bringt. Nicht nachdem, was Oli mir gerade erzählt hat. Ich weiß aber auch, dass ich nicht mehr lange durchhalte, vorzuspielen, dass mir ihre Worte nichts ausgemacht haben.

Als Oli und Josh sich einen erleichterten Blick nach meiner Aussage zuwerfen, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war, den beiden nichts weiter zu erzählen. Ich bin mir sicher, dass sie tolle Freunde sind und dass sie mir, wenn es um jedes andere Mädchen ginge mit Rat und Tat zur Seite stehen würden, aber das tut es nicht. Hier geht es um die Frau ihres toten besten Freundes und deswegen kann nicht mit ihnen nicht darüber reden.

Gott sei Dank scheint sowohl für Oli als auch für Josh das Thema damit gegessen zu sein, denn die beiden wirken nun viel lockerer und entspannter, als sie zum Eingang des Piers gehen, während sich in mir alles zusammenzieht.

Hi
Ich hoffe, ihr habt die Woche bisher gut überstanden❤️🥰 meine war ziemlich turbulent, da mir mein Handy geklaut wurde, habe es aber Gott sei Dank wieder bekommen 😅
viel Spaß euch beim Lesen🥰❤️📚

Two broken Souls - Finding Happiness AgainWo Geschichten leben. Entdecke jetzt