49. Everly

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„Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?" Drews Blick ist skeptisch, als ich in eine kleine Seitengasse einbiege, die zugegebenermaßen nicht wirklich belebt aussieht. Genervt verdrehe ich die Augen.

„Natürlich bin ich mir sicher. Wer von uns wohnt erst seit zwei Monaten hier und besitzt das Geographietalent einer Amöbe?", ziehe ich ihn auf, wofür ich nur einen abschätzenden Seitenblick bekomme. Als er Anstalten macht einen weiteren dummen Kommentar abzugeben, drehe ich das Radio demonstrativ lauter, sodass Cruel Summer so laut durch das Auto schallt, dass man sich überhaupt nicht mehr unterhalten kann, selbst wenn man es wöllte. Grinsend singe ich die Bridge mit, bevor ich den Blinker setzte, auf den Ocean Park Boulevard abbiege und das Fenster herunterlasse. Die Luft draußen ist trotz Februar angenehm warm und ich genieße die ersten Sonnenstrahlen des Tages, die durch die Wolken brechen.

Vorhin habe ich kurze Zweifel daran gehabt, ob es wirklich so eine gute Idee ist, heute mit Drew zum Palisades Park zu gehen, weil das Wetter den ganzen Tag eher gedrückt ausgesehen hat, doch mittlerweile hat es trotz Februar 18 Grad und sieht schon viel freundlicher aus als noch vor ein paar Stunden. Außerdem haben wir beide heute keinen langen Uni Tag gehabt, weshalb es sich perfekt anbietet einen weiteren Punkt unserer Liste abzuhacken.

Ich muss zugeben, dass mir das ganze mehr Spaß macht, als ich erwartet habe. Auch der Filmabend war nicht schlecht, auch wenn ich Drews Begeisterung zu Herr der Ringe immer noch nicht teile. Auch wenn ich mir ihm zuliebe sogar noch den zweiten Teil angesehen habe, bevor ich fast eingeschlafen bin, weil es weit nach Mitternacht war. Unser Zusammentreffen auf der Treppe versuche ich so gut es geht zu ignorieren, auch wenn mir beim Gedanken daran immer noch heiße Schauer den Rücken hinunter jagen.

„Was ist an dem Park so besonders?", erkundigt sich Drew, während ich ein wenig rangieren muss, um überhaupt in die Parklücke zu kommen. Nicht dass mein Auto sonderlich groß wäre, aber einparken war leider noch nie meine Stärke. Tyler hat es stundenlang mit mir geübt, aber irgendwann die Geduld verloren, weshalb es auf meinem Laptop jetzt einen Ordner mit Fotos gibt, wo mein Auto krumm und schief in irgendwelchen Parklücken steht.

„Eigentlich nichts, außer dass ich ihn landschaftlich wirklich schön finde. Das ist eher so ein Touri Ding, aber als Einheimischer solltest du wenigstens einmal dort gewesen sein. Außerdem gibt es dort einen Eiswagen, der das beste Eis der Stadt hat."

„Es ist Februar und total kalt. Wie kannst du da Eis essen wollen." Drews Stimme klingt leicht entsetzt, worüber ich kichern muss. Für Eis ist es schließlich nie zu kalt.

„Wäre noch keine Eissaison hätten die Eisdielen ja wohl noch nicht offen. Und das haben sie seit vier Tagen, falls du es genau wissen willst."

„Du weißt auswendig, wann die Eisdielen hier aufmachen?"

„Ja natürlich. Es geht um Eis.", antworte ich und sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Was soll die blöde Frage. Schlimm genug, dass es kein Eis während dem Winter gibt, außer dass das mein Vater selbst herstellt, was zugegebenermaßen viel besser schmeckt als jedes Eis, dass man irgendwo kaufen könnte.

„Wir sind da.", verkünde ich und stelle den Motor ab, woraufhin Drew grinsen muss.

„Ach was. Ich dachte du versuchst nur so aus Spaß seit zehn Minuten einzuparken, in eine Lücke, in die übrigens ein LKW passen würde."

„Ich habe nur zehn Minuten gebraucht? Ich dachte nicht, dass ich mich verbessern würde.", kontere ich und steige grinsend aus, bevor ich den Kopf in den Nacken lege und die Sonnenstrahlen genieße, die auf meine Haut fallen. Ich weiß, warum ich den Winter normalerweise lieber in Mexiko bei meinen Großeltern verbringe. Kälte ist irgendwie überhaupt nichts für mich. Drew scheint die Sonnen ebenfalls zu gefallen, denn auch er hält einen Moment inne, um sich zu strecken.

„Hier gibt's wirklich überall Palmen.", meint Drew eher zu sich selbst und lässt seinen Blick über den Eingang des Parkes wandern. Ich hingegen kann mir bei seinen Worten ein weiteres Kichern nicht verkneifen.

„Wir sind hier in L.A. was hast du denn erwartet?", frage ich grinsend und schnappe mir meine Tasche und Jacke aus dem Kofferraum, bevor ich Drew seine Jacke hinhalte.

„Das ist mir auch bewusst, aber trotzdem. Das sieht so ganz anders als zu hause."

„Besser oder schlechter?", erkundige ich mich neugierig und bewege mich Richtung Eingang, während Drew mir folgt, die Hände in seinen Hosentaschen vergraben.

„Anders. Aber besser anders. Irgendwie sorgt es für bessere Laune. Nicht falsch verstehen, ich liebe die Architektur in Chicago, aber das hier fühlt sich viel mehr nach Urlaub und Freiheit an und dass jeden einzelnen Tag." Ich muss lächeln, denn er hat Recht. In Santa Monica zu wohnen hat etwas von Urlaub. Jedenfalls im Sommer.

„Warte Mal ab, bis es richtig Sommer ist und du gefühlt am Strand leben wirst.", antworte ich mit einem Hauch von Vorfreude in meiner Stimme. Auch wenn der erste Sommer ohne Tyler hart werden wird, habe ich die stille Hoffnung, dass er mich ein wenig ablenken wird.

Schweigend spazieren wir nebeneinanderher, während Drew anscheinend nicht weiß, wo er zuerst hinsehen soll. Der Park ist aber auch wirklich schön. AN jeder Ecke gibt es seltene Pflanzen, Bäume die Schatten spenden und Grünflächen, wo man sich, wenn es wärmer ist, prima auf eine Decke legen kann.

„Was machst du sonst immer, wenn du hier bist?"

„Lernen, meistens jedenfalls. Ich kann mir Sachen viel besser merken, wenn ich draußen lerne oder meine Lehrbücher dort lese."

„Kein Bibliothekslerner?", erkundigt er sich grinsend, woraufhin ich lachend den Kopf schüttle.

„Nein überhaupt nicht. Die Stille macht mich wahnsinnig. Hier draußen gibt es wenigstens Umgebungslärm."

„Lenkt das nicht total ab?"

„Nein überhaupt nicht. Wenn ich meine Unterlagen durchgehe, bin ich sowieso völlig darin versunken und blende alles andere um mich herum aus.", antworte ich und bleibe an einem hübschen Blumenbeet stehen.

„Und das von dem Mädchen, dass sich nicht auf Fantasy Geschichten einlassen kann.", meint Drew amüsiert und sieht mich grinsend an, woraufhin ich meine Augen verdrehe.

„Okay Deal: Auf unserer Liste steht ja ohnehin noch der Bauchladen. Du darfst mir ein Fantasy Buch raussuchen und ich verspreche dir, dass ich es lesen werde, und wenn es doof ist, dann kann ich wenigstens sagen, dass ich es versucht habe."

„Du wirst es nicht bereuen."

„Das sehen wir dann.", antworte ich lachend und schlendere weiter zu den beiden Gedenktafeln von irgendwelchen Baumexperten. Als ich das letzte Mal hier mit Luke war, habe ich einen zehn Minuten Vortrag über die beiden bekommen und eine dringende Empfehlung die Bücher der beiden zu lesen, was ich nie getan habe, weil kein Mensch so eine Obsession mit Pflanzen hat, wie Luke.

„Muss man die beiden kennen?" Drew sieht mich einem kurzen Nicken auf die Statuen fragend an, woraufhin ich lachend den Kopf schüttle.

„Wenn du Pluspunkte bei Luke sammeln möchtest, dann schon. Ansonsten definitiv nicht."

„Ich werde es mir merken."

Kichernd schlendern wir weiter, bis wir am Geländer des Parkes angekommen sind, von dem an eine atemberaubende Aussicht über den Pier hat.

„Wow.", flüstert Drew, während ich meinen Blick über das Meer streifen lasse. Es sind tatsächlich schon einige Surfer da, die versuchen die ersten Wellen der Saison mitzunehmen. Beim Gedanken an meine ersten Surfversuche muss ich grinsen. Ich war mit Abstand die schlechteste. Fairerweise muss man sagen, dass wir alle im Vergleich zu Liv, die schon seit ihrem vierten Lebensjahr auf einem Board unterwegs ist, die totalen Anfänger waren, aber ich habe mit meinem nicht vorhanden Naturtalent für eine weitere Abstufung in der Gruppe gesorgt.

„Ich kann verstehen, warum du es hier so sehr magst." Bei seinen Worten muss ich lächeln, denn dem Ausdruck in Drews Augen nach zu urteilen, hat er sich genauso in den Park verliebt wie ich.

Das Nicht-Date Nummer 2 hat begonnen. Viel Spaß beim Lesen❤️.

Two broken Souls - Finding Happiness AgainWo Geschichten leben. Entdecke jetzt