72. Drew

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Die frische Luft tut gut und der Anstieg zum Hollywood Sign, der meine Muskeln brennen lässt, sorgt dafür, dass in meinem Kopf wenigstens für fünf Minuten Ruhe herrscht. Es ist friedlich, weil da nichts und niemand ist außer die Sonnenstrahlen, die mich zum Schwitzen bringen und die Vögel deren Gezwitscher die Luft erfüllt. Und meine innere Stimme, die mich auslacht, weil ich mich trotz Karte dreimal verlaufen habe. Trotzdem bin ich froh darüber, dass ich Chloes Rat gefolgt bin, auch wenn ich nicht einmal annähend das tue, was sie mir geraten hat.

Denn statt über das ganze Drama mit Everly nachzudenken, habe ich mir Airpods in die Ohren gestopft und die Ascending Angels so laut aufgedreht, dass ich überhaupt nicht mehr denke. Vermutlich achte ich auch deshalb nicht auf die Frau, die seit gut zwei Minuten vor mir läuft und die mir nach erneutem hinsehen ziemlich bekannt vorkommt.

Das ist doch wohl ein schlechter Scherz? Da geh ich einmal freiwillig wandern, um mir Everly aus dem Kopf zu schlagen und dann läuft sie direkt vor mir?! Und wo zur Hölle ist sie eigentlich hergekommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie schon die ganze Zeit vor mir gewesen ist, vor allem, weil ich mich vorhin noch darüber gewundert habe, dass an einem Samstagmorgen keine Menschenseele unterwegs ist. Es könnte aber auch damit zusammenhängen, dass es erst neun Uhr morgens ist und keiner so verrückt ist, am Wochenende so früh aufzustehen. Außer mir und der Person, der ich heute eigentlich nicht begegnen wollte. Da ich es allerdings auch bescheuert finde, wie ein Stalker die ganze Zeit hinter ihr her zu laufen, ohne mich bemerkbar zu machen, atme ich einmal tief durch, bevor ich ihren Namen rufe.

Everly fährt erschrocken zu mir herum und sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an, was mich schmunzeln lässt, weil es irgendwie niedlich ist, wie überrascht sie ist, mich zu sehen.

„Was machst du denn hier?", frage ich, während ich stehen bleibe und nach meinem Handy greife, um die Musik runterzudrehen, weil ich ihre Antwort sonst unmöglich verstehen kann.

„Ich...keine Ahnung. Frische Luft schnappen, den Kopf frei bekommen, schätze ich.", meint sie und lächelt leicht, bevor sie einen zögerlichen Schritt auf mich zu geht, weil wir einen Sicherheitsabstand von fast zwei Metern zueinander halten.

„Und du?"

„So ziemlich das Gleiche." Sie nickt leicht bei meiner Antwort, so als wüsste sie genau, was mir die letzten Wochen durch den Kopf gegeistert ist.

„Und wo bist du hergekommen? Ich kann mich nicht erinnern, dass du die ganze Zeit schon vor mir warst?", erkundige ich mich und mache ebenfalls einen Schritt auf sie zu.

„Ich habe versucht, mich an unsere früheren Abkürzungen zu erinnern, aber das hat nur so semi gut funktioniert.", meint sie lachend, während mein Blick auf ihren Arm fällt auf dem ein großer blutiger Kratzer prangt.

„Das sehe ich. Zeig mal her.", sage ich und überwinde die restliche Distanz, bevor ich vorsichtig nach ihrem Arm greife, um mir das genauer anzusehen.

Süß. Denkst du, du hast Erfolg bei ihr, wenn du dich als Rettungssanitäter aufspielst, erkundigt sich meine innere Stimme kichernd. Klappe, schieße ich mental zurück, bevor ich meine Wasserflasche hervorhole und mit einem nassen Taschentuch vorsichtig den Kratzer sauber tupfe. Everly zuckt bei meiner Berührung kurz zusammen, verzieht aber keine Miene.

„So jetzt müsste es gehen.", sage ich leise, als ich fertig bin, traue mich aber nicht, ihr dabei in die Augen zu sehen.

„Danke." Ihre Stimme ist genauso leise wie meine und sie vermeidet ebenfalls mich direkt anzusehen.

„Irgendwie ist das merkwürdig."

„Ja ziemlich. Und das ist meine Schuld. Drew es tut mir so leid... ich.", sie bricht ab und sieht mich fast schon verzweifelt an, weil da so viel ungesagtes zwischen uns ist, dass unbedingt herausmuss.

„Das ist nicht nur deine Schuld. Ich bin dir genauso aus dem Weg gegangen in den letzten zwei Wochen, wie du mir."

„Ja aber, dass es dazu gekommen ist, ist allein meine Schuld. Weil ich so blöd war. Blöd und feige und ich einige Dinge nicht wahrhaben wollte und du etwas Besseres verdient hast." Ihre grünen Augen sehen mich so intensiv an, als würde sie direkt in mein Inneres schauen und den Schmerz der letzten Wochen sehen, nachdem sie mich abserviert hat. Und trotzdem ist es nicht allein ihre Schuld, dass es jetzt so merkwürdig und seltsam zwischen uns ist.

„Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam da hochlaufen und dann in Ruhe reden? Dort kann man sich bestimmt irgendwo hin setzten.", schlage ich vor und versuche mich an einem Lächeln.

„Gute Idee.", meint sie und setzt sich augenblicklich in Bewegung und verdammt, ich habe vergessen, wie schnell sie ist. Ich muss mich ganz schön anstrengen um mit ihr mithalten zu könne und für einen kurzen Moment frage ich mich, ob sie absichtlich vor mir wegläuft. Vielleicht weil sie genauso Angst vor der Aussprache hat wie ich. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich trotz Chloe die letzten Wochen viel zu viel an sie gedacht und auch wenn ich es nur ungern zugebe, fehlt sie mir. Ihre aufgedrehte Art, ihre ansteckende Begeisterung für Dinge, die sie glücklich machen und sogar ihre nicht vorhanden Einparkkünste. Ich vermisse es Zeit mit ihr zu verbringen, auch wenn die letzte Zeit, die wir miteinander verbracht haben, eher schmerzhaft als schön gewesen ist.

„Was hörst du an?" Everlys Stimme schreckt mich aus meinen Gedanken und ich brauche einen Moment, um zu wissen, was sie meint, bis mir auffällt, dass ich immer noch meine Airpods in den Ohren habe, auch wenn keine Musik mehr auf ihnen läuft.

„Gar nichts mehr. Ich habe ausgemacht, als ich dich bemerkt habe."

„Und was hast du davor gehört?" Ich hole mein Handy heraus und halte es ihr hin. Augenblicklich breitet sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus, als sie das Lied erkennt.

„Kann ich mithören?"

„Klar.", antworte ich und gebe ihr einen der beiden Airpods, bevor ich auf Play drücke und die Musik erneut durch mich hin durchströmt. Wenn auch wesentlich leiser als noch vor einigen Minuten, was auch nur gut ist, weil das davor garantiert, nicht gesund war.

„Ist das dein Lieblingsalbum?" Okay, offensichtlich will sie mit der Aussprache wirklich warten, bis wir unsere Wanderaktion beendet haben, was mir recht ist, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wohin dieser Small Talk hier führen soll.

„Nein. Ich höre die früheren Alben lieber als die neueren, aber heute brauchte ich das irgendwie. Und du?"

„Ich glaube nicht, dass ich mich für ein Album entscheiden könnte. Jedes hat seine eigene Geschichte und ist mit Erinnerungen verbunden." Bei ihren Worten fällt mir wieder ein, wie sie mir auf der Party erzählt hat, dass die Band auf ihrer Hochzeit gespielt hat und ich kann nicht verhindern, dass sich diese Worte für mich immer noch fremd und merkwürdig anhören. Sie ist genauso alt wie ich, sogar ein Jahr jünger und hat schon eine Ehe hinter sich, während ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen könnte mich im Moment so schon an jemanden binden zu wollen.

Tyler muss sie sehr geliebt haben, dass er das alles für sie gemacht hat und ich weiß, dass der Gedanke unfair ist, aber trotzdem muss ich für einen Moment darüber nachdenken, dass ich so niemals mithalten könnte. Nicht, dass ich das muss, weil sie mir klar gemacht hat, dass sie nicht mit mir zusammen sein möchte, aber irgednwie habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Nicht wenn mir ihre Worte von vorhin nicht aus dem Kopf gehen, als sie gesagt hat, dass sie einiges nicht wahrhaben wollte. Vielleicht haben wir ja doch noch eine Chance.

Ich melde mich aus einer kurzen Lernpause und wünsche euch einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Lesen🥰❤️

Two broken Souls - Finding Happiness AgainWo Geschichten leben. Entdecke jetzt