Drew:
Das kann nicht ihr Ernst sein.
Den Satz wiederhole ich seit gut fünf Minuten in meinem Kopf, aber leider sorgt er nicht dafür, dass Everly zurückkommt. Anscheinend ist es ihr Ernst. Sie hat mich tatsächlich mitten im nirgendwo zurückgelassen.
Hast du auch nicht anders verdient, zischt mir meine innere Stimme zu. Ganz falscher Zeitpunkt, fahre ich sie an, obwohl sie vermutlich damit sogar Recht hat. Ich habe es nicht anders verdient. Der Abend war ein einziges Desaster und das war nicht Everlys schuld, sondern Jamies, die mich mit ihrer verdammten SMS total aus der Bahn geworfen hat. Warum muss sie sich denn ausgerechnet jetzt wieder melden und alte Wunden neu auf Reißen. Leider habe ich meinen Ärger und meinen Frust nicht unter Kontrolle halten können und auf Everly projiziert, weshalb ich jetzt allein im dunkel in einer verlassenen Gasse stehe, und keinen blassen Schimmer habe, wie ich nach Hause finden soll, geschweige denn zum Pier. Google Maps ist auch nicht sehr hilfreich, da mein Handy genauso wenig Ahnung zu haben scheint, wie ich, wo ich gerade befinde.
Du könntest deinen Stolz überwinden und Everly anrufen, damit sie dich abholt, schlägt mir meine innere Stimme vor, was eigentlich einleuchtend ist, aber definitiv keine Option. Es muss irgendeine andere Lösung geben. Leider habe ich nach weiteren fünf Minuten immer noch keine bessere Idee und langsam wird es wirklich kalt. Warum habe ich auch keine Jacke angezogen?
Ich versuche die vorhandenen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Wenn ich sie nicht anrufe, werde ich wahrscheinlich erfrieren und muss heute Nacht hier schlafen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich selbstständig nach Hause finde geht gegen Null. Wenn ich meinen Stolz allerdings überwinde und sie anrufe, dann hat sie gewonnen.
Das hat sie sowieso, also macht es nichts, mischt sich meine Stimme ein. Dich hat keiner gefragt, fahre ich sie an und bringe sie tatsächlich zum Schweigen. Leider hat sie Recht. Mit der Aktion steht es eins zu null für Everly und das kann ich auf gar keinen Fall so stehen lassen. Eine Racheaktion kann ich allerdings genauso gut auch von zu Hause planen, wo es wenigstens warm ist.
Ich brauche weitere fünf Minuten, bis ich meinen Stolz soweit überwunden habe, dass ich mein Telefon herauskrame und ihre Nummer wähle, denn meine Eltern anrufen ist ebenfalls keine Option. Erstens kennen die sich hier auch nicht aus und zweitens würden sie mich nur auslachen.
„Hallihallo, wie geht es dir? Gefällt dir der klare Sternenhimmel?", zwitschert Everly gekünstelt fröhlich in den Hörer. Sie hat beim ersten Klingeln abgehoben, so als hätte sie gewusst, dass ich sie anrufen würde. Natürlich hat sie das gewusst, denn ohne sie bist du aufgeschmissen. Schön, dass du so lange weg warst.
„Ja wunderbar.", knurre ich, bevor ich einmal tief durchatme. Wenn ich jetzt unfreundlich bin, dann legt sie womöglich noch auf und dann sitze ich richtig in der Klemme.
„Du musst mich abholen."
„Ich muss gar nichts.", antwortet sie lachend. „Außerdem warst du derjenige, der gesagt, dass ich ihn in ruhe lassen soll. Von daher werde ich jetzt einfach auflegen und..."
„Warte warte warte.", unterbreche ich sie. „Es tut mir leid, okay?"
„Was denn genau"? ihr scheint dieses Gespräch unheimlich Spaß zu machen, währen dich durch die Hölle gehe.
„Alles. Ich war scheiße heute zu dir und das tut mir leid. Mein Nachmittag war nicht so berauschend, aber das hätte ich nicht an dir auslassen sollen. Es tut mir wirklich leid.", gebe ich zu, denn es stimmt. Es tut mir leid, wie ich sie behandelt habe. Irgendwie habe ich gehofft, dass sie sich von mir fernhält, wenn ich sie schlecht behandle, was aber nicht so ganz funktioniert. Wie denn auch, wenn du sie anrufst und um Hilfe bittest?
DU LIEST GERADE
Two broken Souls - Finding Happiness Again
Roman d'amour„Suchst du etwas?", raune ich Everly zuckt so heftig zusammen, dass ihr erstens der Karton aus den Fingern gleitet und sie zweitens selbst das Gleichgewicht verliert und ins Straucheln gerät. Da ich allerdings finde, dass ihre Gesundheit wichtiger i...
